Kommentar

Wieder Wahl-Sensation: Schweizer Stimmbürger schicken «alte weisse Männer» in die Wüste

Die CVP verliert ihren Fraktionschef: Der Tessiner Ständerat Filippo Lombardi wurde unerwartet abgewählt. Er ist nicht der einzige langjährige Politiker, der über die Klinge springen musste. Die Wählerinnen und Wähler sind unberechenbar geworden.

Patrik Müller
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Patrik Müller.

Patrik Müller.

Die zweiten Ständerats-Wahlgänge haben es in sich. Vergangene Woche verdrängte in Freiburg eine 31-jährige FDP-Newcomerin überraschend einen bisherigen CVP-Ständerat. Und heute wählten die Tessiner ein SP-SVP-Duo nach Bern. Der Coup der Pol-Parteien ging auf Kosten der FDP, die seit Gründung des Bundesstaats 1848 ununterbrochen im Stöckli vertreten war, und auf Kosten der CVP, die ihren langjährigen Fraktionschef Filippo Lombardi verliert.

Eben noch hatten sich die Christdemokraten darüber gefreut, bei den Nationalratswahlen von allen Bundesratsparteien am wenigsten Wähleranteile verloren zu haben. Und vor einer Woche konnte Lombardi einen Erfolg vermelden: Den Einbezug von BDP und EVP in die CVP-Fraktion, die dadurch zur drittstärksten Kraft im Parlament wird. Dealmaker Lombardi wird nun nicht mehr dabei sein.

In der Schweiz seien die Wählerinnen und Wähler berechenbar, heisst es oft. Tempi passati! Schon die Nationalratswahlen hatten zu aussergewöhnlich starken Verschiebungen und prominenten Abwahlen geführt. Einige Beispiele: Jean-François Rime (SVP/FR), Hans-Ulrich Bigler (FDP/ZH), Thomas Müller (SVP/SG), Corrado Pardini (SP/BE). Dabei ist ein Muster erkennbar: «Alte weisse Männer» mit langen Amtszeiten, die früher im Schlafwagen zur Wiederwahl fuhren, sind neuerdings gefährdet. Frauen und jüngere Politiker haben auf einmal viel bessere Chancen. Das mag hart sein für verdiente Mandatsträger, aber dass das Parlament jünger und weiblicher wird, ist erfreulich.

Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele. Heute haben im Kanton Bern mit Hans Stöckli und im Kanton St. Gallen mit Paul Rechsteiner (beide SP) auch zwei alte weisse Männer die Wiederwahl geschafft. Geschlecht und Alter sind nicht das allein entscheidende Kriterium.

Um schmerzhafte Abwahlen nach vielen Amtsperioden zu vermeiden, gibt es übrigens ein einfaches Rezept: Nicht mehr antreten, sondern freiwillig jüngeren Kräften Platz machen. Die altgedienten Parlamentarier müssen es nur rechtzeitig merken.