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WIEDERGUTMACHUNG: «Schuld sind nie die Opfer»

Viele Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen haben ihren Solidaritätsbeitrag bisher nicht beantragt. Der Bund ruft alle Betroffenen auf, sich zu melden – auch jene, denen es finanziell gut geht.
Maja Briner
Ein ehemaliges Verdingkind zeigt ein Bild aus seiner Kindheit. (Bild: Peter Klaunzer (Bern, 10. September 2016))

Ein ehemaliges Verdingkind zeigt ein Bild aus seiner Kindheit. (Bild: Peter Klaunzer (Bern, 10. September 2016))

Maja Briner

Während Jahrzehnten hatten die Behörden Zehntausende Kinder und Jugendliche fremdplatziert. Sie kamen in Heime oder auf Bauernhöfe, wurden missbraucht, misshandelt, gedemütigt. Erwachsene wurden zwangssterilisiert, für Medikamentenversuche eingesetzt oder wegen «Liederlichkeit» weggesperrt. 1981 endete dieses düstere Kapitel der Schweizer Geschichte, doch die Aufarbeitung dauert an. Seit April ist ein Gesetz in Kraft, das den Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen einen Solidaritätsbeitrag von maximal 25'000 Franken zugesteht. So hat es das Parlament als Reaktion auf die Wiedergutmachungs-Initiative entschieden.

Doch die Betroffenen melden ihren Anspruch nur zögerlich an. Von den schätzungsweise 12000 bis 15000 noch lebenden Opfern haben erst 2536 ein Gesuch eingereicht. Das seien weniger als erwartet, sagte der zuständige Delegierte des Bundes, Luzius Mader, gestern vor den Medien. Er appellierte an alle Opfer, den Solidaritätsbeitrag einzufordern. Dieser sei eine individuelle Anerkennung des Unrechts, das der Staat begangen habe.

Scham und Wut auf den Staat

Doch manche Betroffenen verzichten darauf, ein Gesuch zu stellen – aus Scham, Selbstschutz oder Wut auf den Staat. Andere melden sich nicht, weil sie keine Beweise vorlegen können. Das sei aber auch nicht nötig, betonte Mader. «Wir können die Opfer nicht dafür bestrafen, dass Akten vernichtet wurden», sagte er. Die Kantone unterstützen die Betroffenen zudem dabei, Akten zu finden und das Gesuch einzureichen. Auch jene, die sich selbst die Schuld am Erlebten geben, ermunterte Mader, sich zu melden. «Schuld sind nie die Opfer», sagte er. Und wer das Geld nicht brauche, solle es ebenso einfordern – er könne es immer noch anderen spenden.

«Zu spät gehandelt»

Auch Guido Fluri, der Urheber der Wiedergutmachungs-Initiative, appellierte an die Betroffenen, ein Gesuch einzureichen. «Kein Geld der Welt kann ein durch Missbrauch verpfuschtes Leben wieder gutmachen», stellte er klar. Zentral sei aber die Anerkennung des geschehenen Unrechts. «Jahrzehntelang ist das Leid der Betroffenen relativiert worden», sagte Fluri. Die Betroffenen hätten Anrecht auf den Solidaritätsbeitrag als Anerkennung für das schwere Leid, das ihnen angetan wurde. «Es sind keine Almosen», betonte er.

Jene Opfer, die in prekären finanziellen Verhältnissen leben, konnten bereits Soforthilfe beanspruchen. 1117 Personen erhielten insgesamt 8,7 Millionen Franken. Für die Solidaritätsbeiträge stehen nun 300 Millionen Franken zur Verfügung. Der Bund hat den Anspruch des Einzelnen indes auf 25'000 Franken beschränkt. Sollten wenig Gesuche eingehen, müsse der Maximalbetrag erhöht werden, forderte der Verein Fremdplatziert gestern bereits. Doch noch haben die Betroffenen Zeit: Bis Ende März 2018 können sie sich melden.

Für viele Opfer kommt der Solidaritätsbeitrag indes zu spät. Fluri sagte: «Ich mache mir den Vorwurf, dass ich schon vor fünf, sechs Jahren hätte reagieren sollen. In dieser Zeit sind wohl 50'000 bis 80'000 Menschen gestorben.»

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