Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

WINTERSPORT: Das Tempo hat seinen Preis

Helm, Rückenpanzer, Top­material und gesicherte Pisten: Trotz immer besserer Technik ist die Zahl der Schneesport­unfälle hoch – dafür gibt es verschiedene Gründe.
Robert Bossart
Leider ein schon fast alltägliches Bild auf Skipisten: Ein Mädchen wird im Skigebiet Davos mit Verdacht auf Rückenverletzungen für den Transport ins Tal vorbereitet. (Bild: Keystone/Arno Balzarini)

Leider ein schon fast alltägliches Bild auf Skipisten: Ein Mädchen wird im Skigebiet Davos mit Verdacht auf Rückenverletzungen für den Transport ins Tal vorbereitet. (Bild: Keystone/Arno Balzarini)

66 000 Personen – eine stolze Zahl. So viele Personen aus der Schweizer Bevölkerung verunfallen durchschnittlich jedes Jahr auf Schneesportpisten. Die Zahl ist in den letzten Jahren stabil geblieben. Eigentlich erstaunlich, denn: Es wird viel getan, um die Sicherheit auf den Pisten ständig zu verbessern. Gefährliche Stellen wie Skiliftmasten werden gepolstert, Pistenränder, die steil abfallen, mit Netzen gesichert, und, und, und. Zudem sind Skifahrer und Snowboarder heute in der Regel mit tauglichen Helmen, modernsten Sicherheitsbindungen und gutem Fahrmaterial ausgerüstet.

Was genau im Wintersport vor sich geht und wie sich die Unfallzahlen entwickeln – dafür interessiert sich Christian Ryf, Leiter Traumatologie an der St.-Anna-Klinik Luzern. Der Facharzt für Chirurgie war vorher viele Jahre in Davos tätig und hat dabei schon unzählige Schneesportverletzungen behandeln müssen. In einer Langzeitstudie hat er Daten der letzten rund 40 Jahre gesammelt.

Einer von 2100 verunfallt

«Pro 2100 Transportkilometer gibt es einen Unfall», sagt Ryf. Anders gesagt: Wenn 2100 Leute eine Piste befahren, die 1000 Höhenmeter hinuntergeht, verunfallt im Schnitt eine Person. Ist das viel? Ryf schmunzelt. «Es ist nicht nichts, andererseits muss man sich fragen, was all die Leute machen würden, wenn sie nicht auf der Skipiste wären.» Auch bei anderen Freizeitaktivitäten passieren Unfälle. «Zudem darf man nicht nur das Gefahrenpotenzial anschauen. Es gibt den gesundheitlichen Aspekt, den Spassfaktor, den Erholungswert und anderes mehr. Wenn man es gesamthaft betrachtet, muss man sagen, dass man auf einer Skipiste nicht gefährlicher lebt als im sonstigen Alltag.»

Dennoch will Ryf das Thema natürlich nicht bagatellisieren. Entsprechend hat er untersucht, was die häufigsten Verletzungen sind. «Bei den Skifahrern sind bei vielen Unfällen die unteren Extremitäten betroffen.» Da sehe man bei der Langzeitstudie deutlich, wie das Material die Art der Verletzungen beeinflusst, so Ryf weiter. Waren es bis Ende der Siebzigerjahre vor allem die klassischen Schienbeinbrüche, so wurden diese Anfang der Achtzigerjahre abgelöst durch komplexe Knieverletzungen. Der Grund ist klar: Die Schuhe wurden höher, und die Sicherheitsbindungen setzten sich überall durch. «Diese Situation ist bis heute geblieben, und letztendlich hat man den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben», bringt es Ryf auf den Punkt. Besseres und sichereres Material haben nicht zu weniger Unfällen geführt – einfach zu anders gearteten. Und nicht nur das: Die Knieunfälle bedeuten aus medizinischer Sicht eine Verschlechterung der Situation. «Der Operationsaufwand ist grösser, die Rehabilitation dauert länger, die Kosten sind höher», so Ryf.

Viel grösserer Druck auf die Knie

Heute haben sich die Unfälle bei Skifahrern noch einmal verändert. Durch die Carving-Technik sind die Tempi höher geworden, der Druck in den Kurven auf die Knie und die Bänder hat sich dramatisch erhöht. «Heutige Verletzungsmuster sehen fast mehr aus wie Verletzungen bei Verkehrsunfällen», sagt Christian Ryf. Es sind meist komplexe Bruchmuster und Bandverletzungen. Bei jungen Snowboardern – hier sind vor allem die oberen Extremitäten betroffen – sehe man heute schwere Brüche von Ellbögen, Händen, Oberarmen oder Schultern. «Es sind Bruchformen, die man sonst nur bei alten Menschen mit Osteoporose sieht», so der Traumatologe.

Neues Phänomen: Kollisionen

Viele Unfälle passieren heute auf-grund von Kollisionen. Die modernen, leistungsfähigen Bergbahnen führen immer mehr Menschen auf die Pisten, zusammen mit den hohen Tempi steigt damit die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Zusammenstössen kommt. «An Spitzentagen ist jeder vierte Unfall aufgrund einer Kollision zu Stande gekommen», sagt Ryf. Ein neues Phänomen ist die Fahrerflucht. «Bei jedem fünften Zusammenstoss flüchtet der Verursacher der Kollision.» Ryf vermutet, dass viele Angst davor haben, für den Unfall haftbar zu sein. Zudem trägt man anders als im Auto kein Kennzeichen auf sich – wer weiterfährt, ist kaum mehr identifizierbar. «Eine bedenkliche Entwicklung», findet Ryf.

Immer wieder hört man, dass Alkohol und Drogen eine Ursache von Schneesportunfällen sind. Nur: Stimmt dieses Bild? «Nein», meint Ryf, «wir haben diverse Studien gemacht, welche zeigten, dass Alkohol und Drogen als Unfallverursacher praktisch keine Rolle spielen.» Was nicht heissen soll, dass nicht getrunken wird auf der Piste – aber für Ryf gibt es im Vergleich mit der Problematik im Strassenverkehr einen grossen Unterschied. «Schneesport ist mit körperlicher Anstrengung verbunden. Wenn man angetrunken ist, ist man weniger leistungsfähig, entsprechend fährt man automatisch langsamer.» Betrunken Auto fahren hingegen sei «einfacher»: Man setzt sich ins Auto und drückt aufs Gas.

Immer schwerere Verletzungen

Das soll nicht heissen, dass auf der Piste ungehemmt gebechert werden darf, betont der Arzt. «Aber hauptverantwortlich für die meisten Unfälle sind die hohen Geschwindigkeiten und das Gedränge auf den Pisten.» Die kinetischen Energien bei Zusammenstössen sind ungleich grösser als bei normalen Stürzen. Da scheint es naheliegend, dass man sich mit Helm möglichst optimal schützt. Ryf warnt davor, dies zu überschätzen. «Der Helm schützt vor schweren Schädel-Hirn-Verletzungen, bei leichten Hirnerschütterungen ist dies aber nicht der Fall.» Gelegentlich kann der Helm auch dazu führen, dass man das Gefühl für die Geschwindigkeit verliert. «Man spürt den Wind weniger, das kann zu schnellerem Fahren animieren.»

Auch bei Rücken- oder Handgelenkprotektoren setzt Ryf Fragezeichen. Rückenpanzer seien nur dann sinnvoll, wenn man Sprünge und Akrobatik vollführt, für normale Wintersportler nützten sie nichts. «Bei den Handgelenkschützern ist es so, dass diejenigen, die man im Handel bekommt, nicht wirklich vor Verletzungen schützen», sagt Ryf. Wenn man wirklich einen Schutz haben wolle, müsste man Massanfertigungen machen lassen – was für die meisten viel zu teuer wäre.

Ein weiteres Problem ist, dass oftmals die eigenen Fähigkeiten überschätzt werden, findet der Traumatologe. «Auf der Piste fahren wir alle mit einem Ferrari herum, viele können aber mit dem Topmaterial gar nicht richtig umgehen, sind schlecht vorbereitet und verhalten sich zu aggressiv.» Eigentlich sei es enttäuschend, dass sich trotz all der Anstrengungen für mehr Sicherheit immer noch so viele Unfälle ereignen. «Das Risiko, auf einer Piste zu verunfallen, ist heute etwa gleich hoch wie vor 20 Jahren.»

Wie kann die Sicherheit verbessert werden? Massnahmen wie etwa die Beschränkung von Tageskarten oder der Einsatz einer Pistenpatrouille sind wohl wenig realistisch. Die Betreiber der Bahnen haben kein Interesse daran, die Zahl der zahlenden Gäste zu limitieren, zudem fehlt für die Bestrafung von säumigen Rasern die gesetzliche Grundlage. «Ich sehe nur den Weg über die Anpassung des Verhaltens», sagt Ryf. Der Fahrstil muss den eigenen und den äusseren Verhältnissen angepasst werden, daran führe kein Weg vorbei.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.