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«Wir befinden uns an einem Wendepunkt der Geschichte»

Gregory Remez
Graeme Maxton, Generalsekretär des Club of Rome. (Bild: Nadia Schärli/LZ)

Graeme Maxton, Generalsekretär des Club of Rome. (Bild: Nadia Schärli/LZ)

Graeme Maxton, Sie gehören zu den einflussreichsten Zukunftsforschern weltweit. Ihre Prognosen lesen sich phasenweise wie Auszüge aus einem dystopischen Roman. Hat Sie ihre Arbeit zum Pessimisten gemacht?

(lacht) Ich sage es mal so: Ich bin Schotte und Ökonom – nicht unbedingt Eigenschaften, die dem Optimismus förderlich sind. Wenn Sie sich aber die Entwicklungen der letzten 20 Jahren anschauen, dann zeigt sich in der Tat, dass die Menschheit im Verlauf der letzten Jahrzehnte einen falschen Weg eingeschlagen hat. Meine Arbeit, und die des Club of Rome, besteht darin, die Menschen darauf aufmerksam zu machen und sie in eine bessere Richtung zu lenken.

Bekanntlich sagen Prophezeiungen mehr über die Gegenwart als die wirkliche Zukunft aus. Ist es um unseren Planeten wirklich so schlecht bestellt?

Der Club of Rome macht im Grunde genommen ja keine Prognosen, sondern Hochrechnungen, die auf bereits vorliegenden Daten basieren. Daraus lassen sich zuverlässig Langzeittrends ableiten. So können wir mit hoher Gewissheit vorhersagen, dass die CO2-Menge in der Atmosphäre ohne Massnahmen bereits in drei oder vier Jahren ein Niveau erreicht haben wird, das eine Erderwärmung um 1,5 Grad Celsius unumgänglich macht; 2030 überschreiten wir bereits die 2-Grad-Grenze – das ist in etwas mehr als zehn Jahren. Wir befinden uns folglich an einem Wendepunkt der Geschichte.

In der Geschichte der Menschheit hat es allerdings noch nie einen Trend gegeben, der den absoluten Untergang eingeläutet hätte.

Das stimmt schon, wir leben aber in einem völlig neuen Zeitalter, in einer Welt mit nie da gewesenen Interdependenzen. Wenn wir einen Blick in die Geschichte werfen, dann zeigt sich: Selbst grosse historische Ereignisse wie die Französische Revolution oder der Zweite Weltkrieg waren immer regional begrenzt. Heute haben wir es allerdings mit Entwicklungen zu tun, die katastrophale Auswirkungen für alle haben – die Existenz der Menschheit steht auf dem Spiel.

Sie sprechen auf Vorträgen oft vom «grossen ökologischen Mythos» und fordern eine «andere Art von Wachstum». Können Sie das erläutern?

Seit über 50 Jahren tragen wir dieses falsche wirtschaftliche Idealmodell mit uns herum. Wir glauben, dass Freihandel und ökonomisches Wachstum imstande sind, all unsere Probleme zu lösen: Arbeits­losigkeit, soziale Ungleichheit, Armut. In der Realität hat sich aber gezeigt, dass es nicht so einfach ist. Hat die Wachstumsdoktrin nach dem Zweiten Weltkrieg noch fast allen einen Prosperitätszuwachs beschert, sorgt sie heute für eine Zunahme der sozialen Ungleichheit. Blickt man auf die letzten 30 Jahre zurück, so hat sich Zahl der in Armut lebenden Menschen kaum verringert, die Zahl der Arbeitslosen in OECD-Ländern ist gar gestiegen, und das obwohl wir in dieser Periode das schnellste ökonomische Wachstum der Geschichte hatten.

Wie kommen wir aus der Sackgasse?

Wir haben heute ein System, von dem wir glauben, dass es im Grossen und Ganzen funktioniert. Und so versuchen wir, daran herumzuschrauben – in der Hoffnung auf eine Besserung. Die grossen sozialen Probleme, geschweige denn die ökologischen, werden wir so aber nicht lösen können, denn sie sind systembedingt. Vielmehr sollten wir die Art und Weise, wie wir über die Wirtschaft denken, ­hinterfragen und uns darauf fokussieren, das soziale Wohlergehen zu fördern. Das wäre ein erster Schritt zur Nachhaltigkeit.

Viele sind sich der Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels bewusst, wissen aber nicht genau, wie sie zur Veränderung beitragen sollen.

Das ist in der Tat frustrierend. Es führt fast zwangsläufig zu diesem Ohnmachtsgefühl, das wir alle manchmal verspüren. Partikulärer Veganismus wird die Welt nicht retten – auch wenn ich mir wünschte, dass er das täte. Was Einzelne aber tun können ist, sich weiterzubilden und zu engagieren. Einerseits können sie Organisationen beitreten, die sich für eine Reform des Wirtschaftssystems einsetzen. Andererseits können sie sich weigern, beim Konsumwahn mitzumachen. Würden die Menschen in den Industrieländern ihren Konsum nur um zehn Prozent einschränken, indem sie weniger regelmässig Schuhe oder Smartphones kaufen, hätte das schnell Auswirkungen auf die gesamte Industrie.

Auch wenn Prognosen Wagnisse sind: Wie sieht das Leben 2050 aus?

Bedauerlicherweise ist das nicht schwer zu beantworten. Aktuell haben wir keinen Grund zur Annahme, dass sich unsere Lage wesentlich verbessern wird. Im Gegenteil. Ohne eine radikale Veränderung unserer bisherigen Gewohnheiten wird sich das Klima bis 2050 weiter verschlechtern. Das Leben in Europa und in Ländern wie Russland oder Kanada wird angenehmer, weil die Winter milder und die Sommer schöner werden. In Zentralamerika, Nordafrika, Südostasien, Indien, Bangladesch wird sich die Situation dagegen stark verschlechtern. Als Folge davon wird die Migration aus diesen Regionen ungekannte Ausmasse annehmen. Klar werden die Eiskappen nicht über ein paar Jahre schmelzen, doch sobald wir die kritische 2-Grad-Schwelle einmal überschritten haben, lösen wir damit einen Prozess aus, dessen Negativfolgen sich über Jahrhunderte erstrecken könnten. Wie ein Leben unter solchen Bedingungen genau aussieht, ist schwer zu sagen – es gibt dafür keinen Präzedenzfall. Die Lage ist also ernst.

Interview: Gregory Remez

Graeme Maxton, geboren 1940, ist ein britischer Ökonom und seit 2014 Generalsekretär des Club of Rome.

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