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Interview

«Wir entfernen uns vom kleinbürgerlichen Familienmodell»

Der Jurist und Sozialarbeiter Daniel Rosch* zur KESB-Initiative.
Fabian Fellmann


Daniel Rosch, eine Initiative soll die Rechte der Verwandten stärken, wenn jemand nicht mehr urteilsfähig ist. Was spricht dagegen?

Familienangehörige können eine wertvolle Ressource sein in schwierigen Situationen, sind es aber nicht immer. Die Initiative besagt, dass Familienangehörige immer automatisch als Vertreter eingesetzt werden müssen, unabhängig, ob die betroffene Person eine reale Beziehung zu den Angehörigen hat. Die Initianten wollen so einen Normalfall der perfekten Familie wiederherstellen, den es gar nie gab.

Wie meinen Sie das?

Schon im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde vor der Einführung des Zivilgesetzbuches diskutiert, ob Verwandte eine automatische Vertretung erhalten sollten. Damals hat man das bereits als offensichtlich falsch betrachtet. Die Initiative will das nun komplett in der Familie regeln und privatisieren. Ein solches System kenne ich sonst nur von China. Vielleicht war ja die sozialistische Volksrepublik Vorbild der Initianten.

Seit 2013 entscheiden die Kesb über Schutzmassnahmen. Berücksichtigen sie die Angehörigen zu wenig?

Nein, eher das Gegenteil ist der Fall. Unsere Evaluation hat gezeigt, dass die Angehörigen gut einbezogen werden, nach unserem Eindruck manchmal eher zu stark. Sie bezogen zum Beispiel Angehörige ein, die der betroffenen Person gar nicht nahestanden. Die Kesb beschäftigen sich nicht mit Familien, die den Hochglanzbildern der Initianten entsprechen. Oft sind es solche mit grossen Schwierigkeiten und Mehrfachproblematiken. Automatische Vertretung ist hier eine problematische Patentlösung. Der Staat hat sich verpflichtet, die Interessen der schutzbedürftigen Personen zu wahren. Wir haben zum Beispiel die Behindertenrechtskonvention der UNO unterschrieben. Die Initiative will die Norm umkehren: Heute steht der Schutz von Verletzlichen im Zentrum, die Initiative hingegen setzt die Rechte der Angehörigen an die erste Stelle.

Warum soll der staatliche Schutz besser sein als jenjenige der Familie?

Es geht hier nicht selten um langjährige Vertretungen für Personen, die urteilsunfähig und damit potenziell Opfer von Missbrauch sind. Wichtig ist, dass der Staat zumindest die Eignung des Vertreters überprüft. Wer nichts mit der Kesb zu tun haben will, kann zum Beispiel in einem Vorsorgeauftrag festhalten, wer sein Vertreter sein soll. Aber selbst dann prüft die Kesb richtigerweise die Eignung, sobald der Betroffene urteilsunfähig wird.

Geht es also bei der Initiative um andere Visionen der Familie?

Vielleicht. Der Freundeskreis ist teilweise heutzutage geradeso wichtig wie die Angehörigen. Unsere Gesellschaft entfernt sich vom kleinbürgerlichen Familienmodell. Es geht schlussendlich um die Frage der noch vorhandenen Bedeutung von Familienangehörigen angesichts der Individualisierung in unserer Gesellschaft und des abnehmenden Einflusses der Familie auf Biografien.

Wie gut gehen die Kesb mit Fehlern um?

Fehler gibt es immer. Und die Kesb müssen zukünftiges Verhalten auf der Basis von früherem Verhalten abschätzen. Das ist fehleranfällig. Die grosse Herausforderung ist immer wieder, zu entscheiden, in welchen Situationen der Staat eingreifen darf. Die Kesb-Mitarbeiter sind Fachpersonen mit Erfahrung. Unsere Hochschule hat Abklärungsinstrumente entwickelt, damit sie einheitlicher vorgehen können. Wir haben etwa Indikatoren entwickelt, wann das Kindeswohl gefährdet ist. Die Behörden entwickeln sich also weiter. Es bräuchte dafür aber noch mehr finanzielle Mittel.

* Daniel Rosch (44) ist Professor an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit und spezialisiert auf das Kinder- und Erwachsenenschutzrecht.

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