«Wir könnten doppelt so viele Menschen ernähren»

In seinem neuen Buch geisselt Jean Ziegler die Börsenspekulation auf Nahrungsmitteln und andere «Halunken». Und er sagt, was jeder Einzelne gegen die Hungerkatastrophe tun kann.

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Jean Ziegler an der Delegiertenversammlung der JUSO Schweiz in Lausanne. (Bild: Keystone)

Jean Ziegler an der Delegiertenversammlung der JUSO Schweiz in Lausanne. (Bild: Keystone)

Jean Ziegler, gemäss einer Studie, die der WWF neulich vorstellte, schmeisst jeder Schweizer jeden Tag 320 Gramm Lebensmittel, eine Mahlzeit, weg. Was geht Ihnen durch den Kopf?

Jean Ziegler: Das weckt in mir ein Gefühl der totalen Absurdität. Diese Tatsache ist das Sinnbild eines total unverantwortlichen Überkonsums. Die Menschen, die Lebensmittel einfach so wegwerfen, sollten endlich das tägliche Massaker des Hungers zur Kenntnis nehmen. Alle fünf Sekunden stirbt auf der Welt ein Kind unter zehn Jahren an Hunger. 57'000 Menschen auf der Welt sterben täglich an Hunger. Und eine Milliarde Menschen sind permanent schwerstens unterernährt. Was uns hier im Westen von den Opfern unterscheidet, ist nur der Zufall der Geburt. Es könnten unsere Kinder sein, die verhungern.

Dabei wäre die Landwirtschaft gemäss FAO, der Uno-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft, in der Lage, 12 Milliarden Menschen zu ernähren.

Ziegler: Genau. Wir könnten fast doppelt so viele Menschen ernähren, wie heute auf der Erde leben. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit gibt es keinen objektiven Mangel mehr an Nahrung. Die Welt überquillt vor Reichtum. Ein Kind, das am Hunger stirbt, wird ermordet.

In westlichen Staaten geben Haushalte 10 bis 15 Prozent für Lebensmittel aus, in den ärmsten Länder rund 80 bis 90 Prozent. Haben Sie Verständnis, wenn sich die Leute hierzulande aufregen wenn ein Liter Milch 10 Rappen aufschlägt?

Ziegler: Nein, das ist völlig lächerlich. 1,2 Milliarden Menschen auf der Welt sind laut Weltbank „extrem arm“; sie müssen mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen. Wenn die Nahrungsmittelpreise explodieren, können die Mütter ihre Kinder nicht mehr ernähren. Lassen Sie mich eine Anekdote erzählen.

Bitte.

Ziegler: Ich war kürzlich in einem Elendsviertel der peruanischen Hauptstadt Lima. Nach Sonnenuntergang bildete sich vor einem Reisdepot eine riesige Schlange von Müttern, die dort bis tief in die Nacht ausharrten. Keine einzige Frau, alles Mütter von bis zu acht Kindern, hatte genügend Geld, um ein halbes Kilo Reis zu erstehen. Sie kauften es in Pappbecherchen, weil sich der Preis für eine Tonne Reis auf dem Weltmarkt in den letzten acht Monaten verdoppelt hat. Daheim kochen sie einen Kessel Wasser. Dann schwimmen ein paar Reiskörner obenauf. Das ist die einzige Nahrung für ihre Kinder. So gehen sie zugrunde. Die Verdoppelung des Reispreises hat laut Weltbank 162 Millionen Menschen zusätzlich in den Abgrund getrieben.

Gemäss der FAO würde es genügen, während 5 Jahren 44 Milliarden Dollar in den Nahrungsmittelanbau der Länder des Südens investieren, um die Zahl der Hungernden zu halbieren. Wo klemmt es?

Ziegler: Das Hauptproblem ist die äusserst tiefe Produktivität des Bauern, zum Beispiel in der Sahelzone. In normalen Zeiten, wenn kein Krieg wütet oder keine Heuschreckenplage über das Land herfällt, kann ein Bauer im Niger oder in Senegal pro Hektar jährlich 600 bis 700 Kilogramm Getreide ernten. Der Bauer im Kanton Luzern erzielt auf gleich grosser Fläche einen Ertrag von zehn Tonnen, also Zehntausens Kilo – dies aber nicht, weil der Luzerner Bauer so viel arbeitsamer und gescheiter wäre als der afrikanische.

Sondern?

Ziegler: 37 von 54 afrikanischen Ländern sind reine Agrarländer. Den Bauern fehlen jegliche Mittel für Investitionen. Sie verfügen über kein hochwertiges Saatgut, wenig Zugtiere, keinen mineralischen Dünger, vor allem aber mangelt es an künstlicher Bewässerung. Nur 3,8 Prozent des schwarzafrikanischen Ackerbodens werden künstlich bewässert. Die restliche Fläche wird mit Regenwirtschaft wie vor 3000 Jahren bewirtschaftet. Jede Trockenperiode, jegliches klimatisches Ungemach, ist eine Katastrophe. Dabei hätte Afrika fruchtbare Böden und könnte seinen Nahrungsmittelbedarf mit geringen Investitionen selber sicherstellen, sodass die afrikanischen Staaten nicht mehr, wie letztes Jahr, für 24 Milliarden Franken Lebensmittel importieren müssten. Afrika könnte zur Subsistenzwirtschaft, zur Selbstversorgung, zurückkehren.

Würden dafür zum Beispiel die 3,4 Milliarden Franken, mit denen der Bund jährlich die Schweizer Landwirtschaft subventioniert, genügen?

Ziegler: Mit dieser Summe könnte man sicher helfen, den Hunger effizient zu bekämpfen. Damit könnte man die nötigen Bewässerungsanlagen bauen sowie Dünger, Saatgut und Pflanzenschutzmittel kaufen. Zudem könnte die Infrastruktur, zum Beispiel Strassen, verbessert werden, damit die Lebensmittel auch zu den Menschen gelangen werden können. Heute sind in Afrika Hacke und Machete für 90 Prozent der Bauern die einzigen Produktionsmittel.

Sie wirkten von 2000 bis 2008 als Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Wie lautet ihr Fazit heute?

Ziegler: Einerseits verschlimmert sich das Desaster. Das wichtigste Uno-Milleniumsziel, die Zahl der Hungernden bis ins Jahr 2015 auf 500 Millionen Menschen zu senken, bleibt eine Illusion. Andererseits entstehen transnationale Bauerngewerkschaften, die sich gegen ihre Ausbeutung durch Grosskonzerne wehren. In der Zivilgesellschaft des Westens, auch in der Schweiz, etwa bei Nichtregierungsorganisationen wie der Caritas, Brot für Brüder oder der Erklärung von Bern, wächst das Bewusstsein, dass Hunger nicht einfach ein Naturereignis ist. Man sieht ein, dass die Drittweltstaaten zum Beispiel wegen der Auslandverschuldung ausserstande sind, eine funktionierende Bewässerung zu installieren.

Haben Sie noch Hoffnung, dass das Hungerproblem dereinst gelöst wird?

Ziegler: Der französisches Schriftsteller Georges Bernanos schreibt: „Gott hat keine andern Hände als die unsern.“ Entweder ändern wir die kannibalische Weltordnung oder sonst tut es niemand. Wir können die geballte Macht der Konzerne schon morgen mit Gesetzesänderungen brechen. Wir können eine Welt schaffen, in der materielles Glück, also Nahrung, Wasser, Gesundheit allen zuteil wird. Immaterielles Unglück wie Tod, Einsamkeit, Liebeskummer wird noch lange bleiben.

Was müsste man Ihrer Meinung nach konkret tun, um den Hunger zu stoppen?

Ziegler: 85 Prozent der weltweiten gehandelten Lebensmittel werden von zehn Grosskonzernen (Cargil, Archer-Midland, Nestlé etc.) kontrolliert. Diese Konzerne besitzen eine Macht, wie sie ein König, Papst und Kaiser nie je hatte. Sie handeln mit Nahrungsmitteln zwecks Profitmaximierung und nicht zur Bekämpfung des Hungers. Das ist ganz normal. Zudem müsste man die Produktion von Agrotreibstoffen, hergestellt mit Millionen Tonnen verbrannter Nahrungsmitteln, verbieten. Schliesslich müsste man die Börsenspekulation auf Nahrungsmitteln ab sofort untersagen.

Ist wirklich die Nahrungsmittelspekulation schuld? Wenn man für Nahrungsmittel gute Preise erzielen kann, lohnt sich auch die Produktion.

Ziegler: Sie liegen falsch. Die Börsenspekulation auf Nahrungsmitteln ist ein mörderisches Instrument, aber leider absolut legal. Die Bankenbanditen haben während der Finanzkrise 2008/09 Vermögenswerte von 85000 Milliarden Dollar vernichtet. Dann wurden die Banken vom Staat aufgepäppelt. Unterdessen haben sich die Banken und Hedgefunds auf die Agrarrohstoffbörse gestürzt und erzielten ganz legal astronomische Profite. Diese Spekulanten gehören von ein Nürnberger Gericht wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

In der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit" teilt Peter Brabeck, Verwaltungsratspräsident von Nestlé, ihre Analyse, dass der jährliche Hungertod von Millionen der Skandal des Jahrhunderts ist. Es sei aber zu einfach, das auf die Börsenspekulation zurückzuführen. Die Bevölkerung wachse rascher als die Produktivität bei Nahrungsmitteln. Was entgegnen Sie?

Ziegler: Dass das Problem, global gesehen, keineswegs die fehlende Produktion ist. Wir wären heute in der Lage, 12 Milliarden Menschen normal zu ernähren. Dass sich Brabeck so positiv über mein Buch äussert, hängt mit dem gegenwärtigen Stand der Hungerdiskussion in Europa zusammen. Wahrscheinlich hat er realisiert, dass der Wind dreht, dass Grosskonzerne wie Nestlé mit ihren Positionen zunehmend isoliert dastehen. Die Produktivität ist zwar gestiegen, doch davon profitieren nur ganz wenige Finanzoligarchien. Das merken die Menschen – auch Brabeck, übrigens ein gescheiter Mann. Er rühmt mein Buch, weil er realisiert, dass es sich um einen Erlebnisbericht handelt. Einem Erlebnisbericht kann man nur schwer widersprechen.

Wer trägt in Ihren Augen alles schuld am Hungerelend?

Ziegler: Sicher in erster Linie der internationale Währungsfonds, die Welthandelsorganisation, die transnationalen Agrogrosskonzerne, die Hedgefunds und die Grossbanken. Das sind die Halunken.

Sie betiteln diese Akteure in Ihrem Buch in bester Jean-Ziegler-Tradition auch als Tigerhaien, raffgieriges Raubgesindel, agroindustrielle Beutejägern. Eigentlich müssten sie diese Akteure auf Ihre Seite ziehen. Ist diese polemische Rhetorik nicht kontraproduktiv?

Ziegler: Bei solchen Gegner hilft Vorsicht nicht. Ich geniesse jetzt die Immunität der Uno. Wer mich verklagen will, muss das in Den Haag tun beim internationalen Gerichtshof. Bei meinem Buch "Die Schweiz wäscht weisser" genügten noch ein paar Artikel in der NZZ, meine parlamentarische Immunität wurde aufgehoben und die Prozesslawine begann. Das würde dieses Mal schwieriger.

Sie sagen, wir alle sind Komplizen des Hungertodes. Müssen wir uns als individuelle Schweizer Bürger schuldig fühlen für das Elend, das korrupte Staatschefs in der Dritten Welt zu verantworten haben?

Ziegler: Klar herrschen in vielen Ländern total korrupte Staatschefs, zum Beispiel Joseph Kabila im Kongo oder Paul Biya in Kamerun und andere. Sie werden aber von westlichen Grosskonzernen an der Macht gehalten. Als Individuum kann jeder Schweizer Bürger sehr viel gegen dieses mörderische Treiben tun. Wir können unsere demokratischen Rechte wahrnehmen und die Nahrungsmittelspekulation schon morgen verbieten. Wir können Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf zwingen, dass sie, wenn sie zur nächsten Generalversammlung des Weltwährungsfonds nach Washington fliegt, nicht die Interessen der Gläubigerbanken vertritt, sondern stattdessen für einen Schuldenerlass zugunsten der ärmsten Drittweltländer kämpft.

Noch einmal: Was können wir in Ihren Augen als Einzelpersonen gegen den Hunger tun?

Ziegler: Es gibt drei Ebenen: Auf der ersten können wir Caritas, Fastenopfer und anderen Hilfsorganisationen, bei denen die finanziellen Mittel nicht im administrativen Apparat versickern, sondern direkt zu den Opfern fliessen, Geld spenden. Zweitens können wir als Konsumenten in Drittweltläden einkaufen und weniger Fleisch essen. Vegetarier sind gute Hungerbekämpfer, weil die Produktion von Fleisch viel Getreide erfordert.

Und die dritte Ebene ist politisch?

Ziegler: Klar. Die Schweiz ist eine grosse, lebendige Demokratie. Wir haben alle demokratischen Waffen in der Hand, mit denen wir zum Beispiel die Börsenspekulation auf Nahrungsmitteln sofort beenden können. Jeder kann schon heute die Juso-Initiative unterschreiben, welche die Börsenspekulation für alle Akteure, die nicht an der Produktion und am Verbrauch von Nahrungsmitteln beteiligt sind, also zum Beispiel Banken und Hedgefunds, verbietet. Eine Schweizer Grossbank preist in Prospekten zum Beispiel Reiszertifikate mit 37,2 Prozent Rendite an. Es gibt keine Ohnmacht in der Demokratie. Der russische Schriftsteller Fedjor Dosdojewski sagt: „Jeder ist verantwortlich für jeden vor jedem.“

Interview Kari Kälin

Hinweis:
Die Neue LZ verlost 5 Bücher von Jean Ziegler auf www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe. Jean Ziegler (78) wirkte von 2000 bis 2008 als erster Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Der frühere Genfer SP-Nationalrat und Soziologieprofessor ist heute Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates. Soeben ist sein neues Buch "Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der Dritten Welt" im Bertelsmann-Verlag erschienen.