Analyse

«Wir müssen das Corona-Virus duresüüche»: Schweizer Spitzenbeamter widerspricht Bundesrat

Alle Länder stehen vor demselben Dilemma: Sollen sie die Ausbreitung des Corona-Virus mit drakonischen Massnahmen wie Ausgehverboten und Quarantäne-Pflicht eindämmen? Oder ist der menschliche und wirtschaftliche Preis dafür zu hoch - also das Virus besser «durchseuchen» lassen? Trotz Chinas Erfolg mit Variante 1 ist die Frage noch nicht entschieden.

Patrik Müller
Hören
Drucken
Teilen
Patrik Müller.

Patrik Müller.

Was aus einer Sitzung der britischen Regierung durchsickerte, beschreibt das Dilemma jedes Staates. Gemäss englischen Zeitungsberichten diskutierten die Minister kontrovers, ob es besser sei, das Corona-Virus einfach ausbrechen zu lassen - oder es mit strikten Massnahmen wie Versammlungsverboten und öV-Einschränkungen mit aller Kraft einzudämmen. Aus wirtschaftlicher Sicht, so befanden offenbar einige Minister, wäre ein Ausbruch besser: Das würde zu einem schnellen, starken Konjunktureinbruch führen, doch sehr bald würde sich die Wirtschaft wieder erholen. Allerdings würden so kurzfristig mehr Menschen sterben.

Die chinesische Kur - jeden Verdachtsfall zuhause einsperren, ganze Fabriken komplett stilllegen - ist zurzeit weltweit auf dem Vormarsch.  Denn China, wo COVID-19 seinen Ursprung hat, schaffte es inzwischen, die Ausbreitung fast komplett zu stoppen. Eine bemerkenswerte Leistung. Entsprechend gehen in China die Börsen bereits wieder nach oben. Während sie in Europa ins Bodenlose stürzen.

Heute Montag am Bahnhof Mailand: Die italienische Armee patrouilliert. Die Ausgangssperre soll durchgesetzt werden.

Heute Montag am Bahnhof Mailand: Die italienische Armee patrouilliert. Die Ausgangssperre soll durchgesetzt werden. 

Claudio Furlan / AP

Züge von Mailand nach Zürich: Die Ausgangssperre in Italien wird ad absurdum geführt

Italien versucht es nun auf ähnliche Art - mit der Ausgangssperre für 16 Millionen Menschen. Ein demokratisches Land kann die Weisung aber nicht derart strikt und mit digitaler Totalüberwachung durchsetzen wie Chinas autoritäres Regime.

Dass Italien auch wirtschaftliche Interessen berücksichtigt, zeigt allein schon die Tatsache, dass italienische Grenzgänger weiterhin ins Tessin zur Arbeit fahren dürfen. Die Züge fahren von Mailand nach Lugano, Bellinzona und Zürich, als wenn nichts wäre. Das Ausgehverbot wird dadurch ad absurdum geführt. Die Sperrzonen - sie umfassen die Lombardei und 14 weitere Provinzen - sind ziemlich löchrig. 

Viele Schweizer Spitäler würden ohne Grenzgänger nicht mehr funktionieren

Für die Schweiz geht es nicht nur um wirtschaftliche Interessen, sondern auch um eine medizinische Notwendigkeit: Die Tessiner Spitäler würden ohne Ärztinnen und Krankenpfleger aus Italien ihren Betrieb nicht voll aufrechterhalten können. Die Schweiz ist abhängig von Personal von «ennet der Grenze».

Das gilt nicht nur für das Tessin, sondern auch für viele Spitäler in der Region Basel (Grenzgänger aus dem Elsass), in der Nord- und Ostschweiz und erst recht für die Genferseeregion, wo die Zahl der Grenzgänger am höchsten ist. Es entbehrt darum nicht einer gewissen Ironie, dass die Schliessung der Südgrenze für die Schweiz zwar verhindern würde, dass neue Corona-Fälle eingeschleppt werden - dass dies aber zugleich die medizinische Versorgung im Tessin gefährden würde.

Mit anderen Worten: Die erfolgreichen chinesischen Hardcore-Methoden hätten in unseren Breitengraden einen sehr, sehr hohen Preis. Nicht nur im Gesundheitswesen. Wenn die Menschen ihren Job verlieren, sie nicht mehr aus dem Haus dürfen, auswärts essen können und so weiter, dann ist das für das Wohlbefinden schlecht. Es macht auch Gesunde krank.

Die Schweiz kann nicht mehr jeden Ansteckungsfall zurückverfolgen

Der Bundesrat ging mit dem Versammlungsverbot für grössere Anlässe - faktisch liegt es mittlerweile bei 100 bis 200 Personen - sehr weit. Trotzdem breitet sich das Virus immer schneller aus. Anders als in der Anfangsphase kann nicht mehr jeder Ansteckungsfall zurückverfolgt werden. Ein Stück weit ist die Ausbreitung also ausser Kontrolle geraten. Die Statistik zu den Fallzahlen wird schon bald auf Hochrechnungen beruhen, nicht mehr auf den realen, bestätigten Ansteckungen. Und der Kanton Aargau hat die Quarantäne-Pflicht aufgehoben, die für Personen galt, die mit Infizierten Kontakt hatten.

Auch das zeigt: Die Schweiz ist zwar strikt, aber chinesische Methoden kann und will sie nicht durchsetzen.

Es gibt bei den Schweizer Gesundheitsbehörden Vertreter, welche die Massnahmen grundsätzlich lockern möchten. Ein hochrangiger Behördenvertreter sagt zur CH-Media-Redaktion:

«Wir müssen das duresüüche. Wir können gar nicht anders. Wir sind keine Diktatur und müssen darauf bauen, dass sich die Menschen verantwortungsvoll verhalten.»

Der Behördenvertreter will anonym bleiben, weil er mit seiner Aussage Probleme mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) bekommen würde, wie er glaubt. Doch er betont: Er stehe mit seiner Meinung nicht allein da. Er verweist darauf, dass der Schutz der älteren Menschen Vorrang haben müsse, dass aber alle anderen Menschen nicht besonders gefährdet seien. Dieses Behördenmitglied plädiert für das, was in den USA als «Mitigation-Strategie» bezeichnet wird (Milderung), im Gegensatz zur «Containment-Strategie» (Eindämmung).

Genährt wird die Milderungs-Haltung durch Unklarheiten, was das Todesrisiko betrifft. Für den nicht gefährdeten Teil der Bevölkerung sei das Risiko, zu sterben, kaum höher als bei einer normalen saisonalen Grippe. In einem Beitrag für das Wissenschaftsmagazin  «New England Journal of Medicine »schreiben US-Experten, die Sterberate in den USA - wo das Gesundheitssystem gut ausgebaut ist - könnte relativ nahe bei jener einer normalen Grippe (0,1 Prozent) liegen. Je nach Zählweise spricht die Weltgesundheitsorganisation WHO aber von 1 bis 3,4 Prozent.

Kurzum: Die China-Methoden sind zurzeit noch auf dem Vormarsch, aber die «New York Times» fragt bereits: «Ist die chinesische Kur womöglich schlimmer als die Krankheit selbst?»

Mehr zum Thema