«Wir sind halt nicht so stubenrein, wie wir immer meinen»

Interview mit dem Psychologen Urs Peter Lattmann zum Fall der Suhrer Gemeinderätin.

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Urs Peter Lattmann

Urs Peter Lattmann

Zur Verfügung gestellt

von Adrian Eng

Die verdächtigte Person stand in der Öffentlichkeit, war unter anderem auch Gemeinderätin. Nun wurde eine dunkle Seite von ihr bekannt. Wie kann man sich diese zwei Seiten einer Person erklären?
Urs Peter Lattmann: Das zentrale Stichwort ist hier sicher die dunkle Seite. Bei C.G. Jung finden sich sehr viele Beispiele für solche Fälle in seinen Schriften. Unsere Seele ist letztlich nicht nur das, was wir in der Öffentlichkeit spielen und sind. Wir sind mehr, ganzheitlicher. So haben wir alle immer auch eine Gegenseite vom Sichtbaren, vom Dargestellten in uns drin, das gilt für alle. Was das dann genau ist, diese dunkle Seite, hängt dann aber natürlich sehr stark von der Person und ihrer Lebensgeschichte ab.

Braucht es einen Auslöser, damit die dunkle Seite zum Vorschein kommt?
Ja, es braucht einen Auslöser, sei es ein innerer oder äusserer. Zum Beispiel kann das eine persönliche Krise sein, es können Probleme im Umfeld sein, eine Notlage, Ängste diverser Art, Schicksalsschläge, ein Kontrollverlust etc. Im konkreten Fall scheint auch die finanzielle Situation im Umfeld eine Rolle zu spielen. Wenn solche finanziellen Probleme erscheinen, können die so genannten normalen Werte, nach denen jemand das Leben bisher gestaltet hat, in den Hintergrund geraten und plötzlich nicht mehr gelten.

Was könnten dann noch weitere mögliche Motive sein, so viel Geld zu entwenden?
Die Verführung ist in unserer Welt natürlich permanent da, gerade auch rund um das Geld. Das kann dann auch einen Schneeballeffekt auslösen. In der Seele kann dann eine sehr konflikthafte Dynamik entstehen, da geht es zu wie in einem Dampfkochtopf.

Zur Person

Dr. phil. Urs Peter Lattmann war Professor für Pädagogik, Tiefenpsychologie und Gesundheitspsychologie an der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz der FHNW. Er führt eine Praxis für Psychotherapie und psychologisch Beratung in Aarau.

Die Verdächtige wurde als sehr perfektionistisch und pingelig beschrieben.
Psychologisch gesehen kann das durchaus nachvollziehbar sein. Mich erstaunt nicht, dass jemand der sich so verhält, ausgeprägte perfektionistische Züge hat. Ein starker Perfektionismus ist einem gewissen Zwangsverhalten ähnlich und da kann es schon Bezüge zu den Anklagepunkten geben.

Die Elternbeziehung ist sehr zentral.
Ja, ich denke schon.. Die Elternbeziehung spielt für jeden von uns eine wichtige Rolle im Leben. Die intensive Verbindung zu den Eltern im vorliegenden Fall kann durchaus eine Rolle spielen.

Wie schwierig ist es, auch im Hinblick, dass man als Person in der Öffentlichkeit steht, zwei Gesichter zu wahren?
Das ist sicher mit Konflikt verbunden. Das ist eine seelische Anstrengung. Wie genau sich dies aber abspielt, ist sehr schwierig zu sagen, da dies sehr individuell ist. Das kann auch unbewusst ablaufen, obwohl es schwer vorstellbar ist. Jeder Mensch kann im Grunde genommen in eine solche Situationen geraten. Wir hören ja immer wieder von Brandstiftern, die ein ganz normales Leben führen und in ihrer Freizeit Brände legen, ja sogar manchmal selber in der Feuerwehr sind. Niemand würde es ihnen zutrauen.

Kann man sich auch in so was hineinsteigern?
Ja sicher. Nach Freud ist es für uns die grösste Kränkung, dass wir nicht Herr im eigenen Hause sind. Wenn man plötzlich in Probleme gerät und die Werte sich verschieben, kann man die Kontrolle verlieren. Die guten Seiten bzw. die bisherigen Werte werden dann für den Moment stillgelegt, auf die Seite geschoben. Das kann jedem passieren. Das ist auch im sogenannt normalen Alltag eine häufige Erscheinung.

Das ist beruhigend zu wissen...
Ja, wir sind halt nicht so stubenrein, wie wir immer meinen.

Die Verdächtige befindet sich nun ja in einer Extremsituation. Sie hat ihre Stellen verloren, ihr Name ist öffentlich bekannt, sie war im Gefängnis. Was fühlt diese Frau jetzt?
Eine sehr schwierige Frage. Ich denke, es ist ein Chaos aus Gefühlen. Das kann von schweren Selbstvorwürfen über die Projektion der Schuld bis hin zu Flucht in andere Gedankensysteme sein. Das kommt sehr auf die Geschichte des jeweiligen Menschen an. Es gibt x Varianten.

Ist so jemand Selbstmordgefährdet?
Das muss nicht sein, ist durchaus denkbar. Gerade bei grossen Schuldgefühlen, wenn ich da plötzlich sehe, dass meine Welt zusammengebrochen ist, ist dies eine Möglichkeit. Jetzt kommt es sehr auf das soziale Umfeld an. Ich würde der Frau raten, dringend Hilfe zu holen. Solche Situationen kann man sonst fast nicht abfedern. Eine sehr extreme Situation.

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