Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Interview

«Wir SVPler sind alle grün im Herzen»: die neue St.Galler Nationalrätin Esther Friedli über ihren Wahlsieg und die Verluste ihrer Partei

Esther Friedli ist sich sicher: Der «grüne Hype» wird wieder verschwinden. Die 42-Jährige wurde am Sonntag neu in den Nationalrat gewählt. Im Interview spricht die Parteisekretärin der St.Galler SVP und Lebenspartnerin von Toni Brunner über Klimapolitik, Fehler ihrer Partei und Frauenförderung.
Patrik Müller, Katharina Brenner

Sie wurden als Nationalrätin gewählt, Ihre Partei aber hat insgesamt verloren: Überwiegt die Freude oder der Frust?

Es ist nicht wegzudiskutieren, dass wir deutlich Wählerprozente verloren haben, und darüber bin ich sehr enttäuscht. Dass ich selber gewählt wurde, freut mich natürlich.

Was hat die SVP falsch gemacht?

Im Moment gibt es in ganz Europa einen grünen Trend. Der Klimaschutz ist nicht unser Hauptthema, obwohl auch wir hier gute Antworten haben. Leider sind die anderen Parteien dem EU-Thema ausgewichen, aber dieses wird wieder kommen. Sicher ist auch, dass der grüne Hype wieder verschwinden wird.

Mit 39'540 Stimmen wurde Esther Friedli, SVP, am Sonntag in den Nationalrat gewählt. (Bild: Ralph Ribi)

Mit 39'540 Stimmen wurde Esther Friedli, SVP, am Sonntag in den Nationalrat gewählt. (Bild: Ralph Ribi)

Die SVP hat also verloren, obwohl sie nichts falsch gemacht hat?

Doch. Wir haben ungenügend mobilisiert, das ist eindeutig.

Hat die SVP ein Führungsproblem? Als Ihr Lebenspartner Toni Brunner Parteichef und Christoph Blocher noch aktiv war, hat die Partei das Volk besser gespürt.

Albert Rösti hat einen hervorragenden Job gemacht. Er ist ein anderer Typ als Toni, das ist klar, und auch Adrian Amstutz ist anders, doch er hat als Wahlkampfchef die Kantone unterstützt und motiviert. Es wäre ungerecht, die Verluste primär der SVP-Führung anzulasten.

Aber bei der Klimapolitik agierte sie ungeschickt. Gerade die ländliche SVP-Basis sorgt sich um die Umwelt. Mit blosser Relativierung des Klimawandels holt man Ihre Leute nicht ab.

Wir SVPler sind alle grün im Herzen. Wir lieben das Land und die Tiere und halten Sorge zur Natur - ich lebe auf einem Bauernhof und versuche da mit gutem Beispiel voranzugehen. Was wir nicht wollen, ist eine Klimapolitik, die einfach mehr Verbote, mehr Gesetze, mehr Abgaben bedeutet. Das wollen die linken Grünen, wir nicht! Klimaschutz funktioniert nur, wenn jeder bei sich selbst anfängt.

Heisst das, dass Sie die SVP für die wahren Grünen halten?

Wir sind diejenigen, die eigenverantwortlich etwas fürs Klima tun! Unsere Leute, unser Gewerbe investiert in Innovationen und handelt ökologisch. Mich stört bei den Linksgrünen, dass sie oft nur vom Klimaschutz reden, selber aber gedankenlos in die Ferien fliegen. Und dass sie den anderen ihr Denken aufzwingen wollen. Gegen diese Umerziehungspolitik wehren wir uns. Unser Motto ist: Leben und leben lassen - und lieber selber mit dem guten Beispiel vorausgehen.

Was spricht denn gegen finanzielle Anreize für umweltfreundliches Verhalten?

Die aktuell diskutierte Erhöhung von Benzin und Diesel um 12 Rappen belastet die ländliche Bevölkerung überdurchschnittlich. Wir sind nun mal aufs Auto angewiesen, hier gibt es keine lenkende Wirkung. Und da die Löhne auf dem Land tiefer sind, belastet uns dies überdurchschnittlich.

Grün ist das Thema der Stunde. Sind Sie wie Roger Köppel der Meinung, dass ein Bundesratssitz für die Grünen geprüft werden muss?

Ich bin grundsätzlich eine Befürworterin der Konkordanz. Das bedeutet, dass die vier stärksten Parteien im Bundesrat vertreten sind. Ein inhaltliches Programm gibt es ja nicht. Die SVP kämpfte lange dafür, gemäss Parteienproporz vertreten zu sein. Wenn es nun grössere Verschiebungen zugunsten der Grünen gibt, bin ich offen, über diese Frage zu diskutieren.

Die SVP ist jetzt wieder bei rund 25 Prozent, auf dem Wählerstand von 1999. Erleben wir jetzt einfach eine Normalisierung? 30 Prozent waren ein Ausnahmefall?

Es war klar, dass ein Niveau von fast 30 Prozent schwierig zu halten ist. Aber was heisst normal? Das hängt auch von der Mobilisierung und den Themen ab. Ich bin überzeugt: Die Nichtumsetzung der Masseneinwanderungsinitiative hat viele unserer Sympathisanten demotiviert. In vier Jahren kann das wieder ganz anders sein. Wenn die Bürgerinnen und Bürger merken, was die grüne Politik für ihr Portemonnaie bedeutet, wird uns das wieder helfen.

Wie kommt die SVP auf die Erfolgsspur zurück: Mit mehr Opposition, oder mit mehr Zusammenarbeit und Lösungssuche?

Ich selber bin sicher kein “Polteri”, obwohl es die auch braucht. Lösungen mit unseren bürgerlichen Partnern, insbesondere der FDP und CVP, sind ganz wichtig. Sonst profitiert die Linke. Das bedingt aber auch, dass unsere Partner uns nicht ausgrenzen, wie das leider nach dem Volks-Ja zur Masseneinwanderungsinitiative der Fall war.

Neben einer Klimawahl war es eine Frauenwahl. Hier hat die SVP noch Potenzial. Was tun, damit auch Rechte die Frauen wählen?

Es wurden verschiedene SVP-Frauen gewählt, so auch Neue wie Monika Rüegger in Obwalden oder Martina Bircher im Aargau. Ich setze mich immer wieder dafür ein, Frauen parteiintern zu fördern und für die Politik zu begeistern. Was ich hingegen klar ablehne, sind Frauenquoten.

Werden Sie sich in Bern für Frauenanliegen einsetzen?

Aus meiner Sicht gibt es keine speziellen Frauenanliegen. Es gibt Themen, die man als Frau allenfalls anders betrachtet aufgrund der eigenen Biografie. Im Bezug auf das Engagement in der Politik gibt mir die tiefe Stimmbeteiligung vom Sonntag zu denken. Im Kanton St.Gallen lag sie bei nur 42 Prozent. Ich möchte Frauen und Männer motivieren, sich wieder mehr für Politik zu interessieren.

Das mit Abstand beste Ergebnis hat in St.Gallen Lukas Reimann eingefahren. Barbara Keller-Inhelder wurde vorgeworfen, man höre zu wenig von ihr. Von Reimann hat man in den letzten vier Jahren auch nicht besonders viel gehört. Was macht ihn so beliebt?

Lukas Reimann ist seit einigen Legislaturen in Bern. Er hat gerade auch bei der jüngeren Generation Stimmen geholt. Er ist ein hervorragender Wahlkämpfer und Sympathieträger. Die Wahlanalyse, warum es für Barbara Keller-Inhelder nicht gereicht hat, steht noch aus.

Obwohl über seine Abwahl spekuliert wurde, hat Mike Egger das zweitbeste Resultat geholt. Ist er der nächste Toni Brunner?

Mike Egger ist Mike Egger. Er ist nicht Toni Brunner. Aber er ist ein engagierter Politiker. Für mich war klar, dass er das beste oder zweitbeste Resultat machen wird.

War es bei der SVP Zeit für einen Generationenwechsel?

Thomas Müller ist 66. Es tut mir sehr leid, dass er abgewählt wurde, aber man stellt immer wieder fest, dass die Wählerinnen und Wähler irgendwann das Gefühl haben, jetzt wollen wir andere Leute.

Sie fehlen jetzt Ihrer Partei für die St.Galler Regierungswahlen im nächsten Jahr. Gibt es einen Plan oder andere Namen?

Ich möchte mein Nationalratsmandat wahrnehmen, das erwarten auch die Wähler von mir. Wir haben ganz verschiedene Persönlichkeiten, die sich für das Regierungsamt interessieren. Es ist zu früh, über Namen zu reden. Fest steht: Die SVP besteht auf einen zweiten Sitz.

Lesen Sie auch:

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.