Wochenkommentar
Und wieder versuchen Konservative, mit Abtreibungen Politik zu machen: Hört endlich damit auf!

In der Schweiz entscheiden sich jedes Jahr um 11'000 Frauen für eine Abtreibung. Rechts-konservative Kreise ist die heutige Praxis zu liberal. Im Kern wollen sie ein Verbot und bewirtschaften das Thema dafür ständig – ohne Aussicht auf Verbesserung oder Erkenntnisgewinn.

Anna Wanner
Anna Wanner
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Frauen protestieren am 3. Mai vor dem U.S. Supreme Court in Washington gegen die Kriminalisierung von Abtreibungen.

Frauen protestieren am 3. Mai vor dem U.S. Supreme Court in Washington gegen die Kriminalisierung von Abtreibungen.

Jacquelyn Martin / AP

Und wieder gehen die Frauen auf die Strasse. Nicht der tiefe Lohn, nicht die unbezahlte Care-Arbeit oder die Renten-Lücke treibt sie zum Protest. Die Frauen verteidigen ein Recht, das ihnen längst zusteht: eine ungewollte Schwangerschaft abzubrechen. In den USA, Brasilien, Ungarn, Polen ist das Recht nicht mehr garantiert.

Auch in der Schweiz wiederholen sich die Angriffe auf die 2002 eingeführte Fristenlösung. Dabei überwiegt die Überzeugung, dass jede Frau das Recht hat, darüber zu entscheiden, wann sie ein Kind haben will, mit wem sie ein Kind haben will oder ob sie überhaupt je Kinder haben will. Wieso wird das immer noch bestritten?

Zwar geht es einzelnen Abtreibungsgegnern um die Sache: Sie halten bereits eine befruchtete Eizelle für schützenswert, nennen den Fötus konsequent «Kind» – und reden entsprechend von einer «Tötung». Es ist selbstredend ihr Recht, diese Haltung zu vertreten. Doch für die physische und psychische Gesundheit der Frau ist der Ausweg aus einer ungewollten Schwangerschaft elementar.

Wie stark die Not mancher Schwangeren ist, zeigt der Blick in die Vergangenheit, als Frauen mit Seifenlauge, Alkohol oder Kleiderbügeln die Schwangerschaft auf eigene Faust beenden wollten. Niemand kann sich ernsthaft solche Verhältnisse zurückwünschen, die Frauen in ihrer Not in die Illegalität zu treiben.

Die USA als Fanal

In den USA hat die ständige Bewirtschaftung des Themas nun Folgen für Frauen in konservativen Bundesstaaten –, obwohl eine Mehrheit der Amerikaner Schwangerschaftsabbrüche befürwortet. In der Schweiz legen Abtreibungsgegnerinnen und Abtreibungsgegner einen ähnlichen Eifer an den Tag, um die Fristenlösung zu verwässern.

2013 stimmten wir über die Finanzierung von Abtreibungen ab. Die Bevölkerung sagte klar, die Krankenkassen sollen weiterhin dafür bezahlen. Doch kurz darauf begannen rechtskonservative Kreise für ein scharfes Abtreibungsverbot Unterschriften zu sammeln. Vergeblich.

Aktuell verlangen Abtreibungsgegner in zwei Initiativen «kleine Änderungen»: einen Tag Bedenkzeit vor einer Abtreibung sowie das Verbot von Spätabtreibungen nach der 22. Schwangerschaftswoche. Dies, obwohl die Mehrheit klar hinter der heutigen Regelung steht.

Wie stark es um Symbole geht, kommt am stärksten in der Aussage zum Ausdruck, es gehe bei den Initiativen um nichts Gewichtiges. Warum braucht es sie dann? Die Antwort liegt auf der Hand: Die Scharfmacher wollen die Thematik in die Öffentlichkeit tragen, sie am Leben halten, sie weiter bewirtschaften. Es funktionierte in den USA, wieso nicht in der Schweiz?

Geschickt werfen die Abtreibungsgegner unter verschiedenen Vorwänden die Frage auf, ab wann ein Fötus schützenswert ist. Dabei ist die Diskussion komplett absurd. Für die Gegner beginnt das Leben mit der befruchteten Eizelle, sie wehren sich gegen jede Abtreibung. Die Diskussion bringt also keinen Erkenntnisgewinn. Sie dient alleine dazu, Zweifel zu säen und betroffene Frauen weiter zu verunsichern.

Entlarvende Aussagen

Auch Aussagen wie «Frauen müssen besser verhüten» sind entlarvend. Nach Jahren der sexuellen Befreiung, des Kampfes um Gleichstellung, der Aufklärung kursiert noch immer die Auffassung, dass alleine die Frau eine Schwangerschaft herbeiführen kann? Das kann ja wohl nicht wahr sein!

Es braucht – tatsächlich auch heute noch – zwingend das Sperma des Mannes für eine Befruchtung der Eizelle. Und ebenso erwiesen ist, dass dies trotz Verhütung möglich ist –, weil weder Kondome noch Antibabypillen zu hundert Prozent sicher sind. Ein gratis Hinweis für Männer: Auch eine Vasektomie bietet keine hundertprozentige Sicherheit. Es rührt von rückständigem, patriarchalem Denken, die Frau mit Schuld und Scham zu behaften. Und sie gar dazu zu zwingen, ein Kind auszutragen, das sie gar nicht will.

Frauen müssen allein entscheiden können

Interessant ist dabei auch die Diskussion über die Integrität des eigenen Körpers. Wer sich damit befasst, was eine Frau während Schwangerschaft, Geburt und noch Monate danach dem eigenen Körper aufbürdet, weiss, dass nicht jede dazu gesundheitlich in der Lage ist. Frauen müssen dies alleine für sich entscheiden können.

Umso stossender ist, dass nun just jene impfkritischen Kreise, die zwei Jahre lang die Losung propagierten «mein Körper, mein Entscheid», den Frauen diktieren wollen, was sie mit ihrem Bauch machen dürfen und was nicht.

Diese Symbolpolitik, diese Scheindebatten führen nicht weiter. Es ist falsch, den betroffenen Frauen weitere Hürden in den Weg zu legen, wenn der Entscheid schon schwer genug ist. Keine bricht eine Schwangerschaft leichtfertig ab. Es hilft nicht, sie unter Druck zu setzen. Also hört endlich damit auf!

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