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WOHNGEMEINDE: Der neue Bundesrat spaltet das Tessin

Das Tessin ist in der Frage des neuen Bundesrates Ignazio Cassis gespalten. Jedoch überwiegte an diesem Mittwoch die Freude, dass wieder ein Tessiner in den Bundesrat eingezogen ist.
In der Aula der Mittelschule von Montagnola verfolgten gestern ein gutes Dutzend Einwohner die Bundesratswahl auf Grossleinwand. (Bild: Samuel Golay/Keystone)

In der Aula der Mittelschule von Montagnola verfolgten gestern ein gutes Dutzend Einwohner die Bundesratswahl auf Grossleinwand. (Bild: Samuel Golay/Keystone)

Gerade mal ein Dutzend Personen. Es sind vorab Pensionäre, die sich am Mittwochmorgen um 8 Uhr in der Aula Magna des Schulhauses von Montagnola eingefunden haben. Während draussen bei wolkenlosem Himmel die Sonne scheint, verfolgen sie die Wahl auf einer Grossleinwand. Viele kennen Cassis persönlich. Seit etlichen Jahren wohnt er gemeinsam mit seiner Frau Paola als Zuzüger in Montagnola, berühmt als Domizil des Schriftstellers Hermann Hesse und inzwischen Teil der fusionierten Gemeinde Collina d’Oro. «Es ist Zeit, dass wieder ein Vertreter der italienischen Schweiz in den Bundesrat kommt», sagt Bruna Bernasconi, die in der ersten Reihe Platz genommen hat. «Ich bin ein wenig aufgeregt», fügt sie an.

Die Aufregung legt sich bald. Denn an diesem Morgen geht alles so schnell, dass praktisch keine Zeit zum Fiebern bleibt. Gegen 9 Uhr füllt sich der Saal, vor allem dank dreier Primarschulklassen, der Lärmpegel steigt entsprechend. «Unsere Lehrerin hat uns erklärt, was passiert», sagt die 10-jährige Julia. Ein neuer Bundesrat werde gewählt. Und wohl ein Ticinese.

Als um 9.15 Uhr das Ergebnis des zweiten Wahlgangs bekannt wird, sind die Emotionen und der Tumult gross. Auch Tränen werden vergossen. Journalisten stürzen sich auf die anwesenden Behördenvertreter und Bürger, um Reaktionen einzufangen. Die Antrittsrede von Ignazio Cassis geht dabei praktisch unter.

Flaschen werden entkorkt. «Eigentlich viel zu früh für Champagner», meint Giorgio Cattaneo (FDP), «aber es ist ja auch ein aussergewöhnlicher Tag.» Der stellvertretende Gemeindepräsident von Collina d’Oro hat selbst über Jahre mit Cassis zusammengearbeitet, als dieser Gemeinderat war – das einzige politische Amt, das er je in seinem Heimatkanton ausgeübt hat. «Er ist eine fabelhafte Person, eine Person, die auch gut zuhören kann», lobt Cattaneo. «Ich bin glücklich und stolz», überschlägt sich ihrerseits Maristella Polli, Grossrätin und Präsidentin der FDP-Sektion Collina d’Oro. Und sie verteidigt die umstrittene Strategie der Tessiner Freisinnigen, auf eine Einerkandidatur zu setzen.

Ein kurzes Raunen geht durch den Saal, als Lega-Nationalrätin Roberta Pantani am Fernsehen RSI interviewt wird. Dass ausgerechnet die beiden Lega-Vertreter in der Bundesversammlung einen leeren Stimmzettel eingelegt haben, stösst hier vielen sauer auf. Andererseits zeigt dieses Verhalten deutlich, dass Cassis zwar ein Bundesrat aus dem Tessin ist, aber keineswegs alle Tessiner hinter ihm stehen. Die Lega stört sich insbesondere an seiner Position zur Personenfreizügigkeit mit der EU, die Linke an seiner Position zur Sozialpolitik. «Cassis repräsentiert mich nicht», sagte diese Woche noch SP-Kantonalpräsident Igor Righini in einer Debatte.

Gleichwohl: An diesem Mittwoch überwiegt generell die Freude, dass ein Tessiner und damit ein Repräsentant der italienischen Schweiz in den Bundesrat eingezogen ist. Deutlich zu spüren ist dies in Sessa. In der 700-Seelen-Gemeinde im Malcantone, nur wenige Schritte von der Grenze nach Italien entfernt, ist der neue Bundesrat aufgewachsen. Hier sind seine Wurzeln. Seine Mutter Mariarosa und seine Schwester Mirna leben dort. Rund 100 Personen kamen auf den kleinen Dorfplatz, um die Wahl im Public Viewing zu verfolgen. Das ganze Dorf ist mit Schweizer Flaggen übersät. «Ich ging mit ihm zur Schule – das ist kaum zu glauben, einfach fantastisch», sagt der sichtlich aufgewühlte Vizegemeindepräsident Giuliano Zanetti. Die Verbundenheit von Ignazio Cassis mit seiner Heimatgemeinde sei gross.

26 Kanonenschüsse in Bellinzona

Eher ruhiger geht es in der Kantonshauptstadt Bellinzona zu. Die gesamte politische Elite, darunter vier Regierungsräte, befinden sich in Bern. Allein die FDP hat 150 Personen für den Transfer mobilisiert. Doch um 11.40 Uhr werden von der Burg 26 Kanonenschüsse abgefeuert, und danach läuten auch Kirchenglocken zu Ehren des neuen, des achten Tessiner Bundesrats in der Geschichte der modernen Eidgenossenschaft. Vor dem Regierungsgebäude vertauschen zwei Weibel die Tessiner und die Schweizer Fahne. «Die wichtigere Fahne muss rechts hängen, und heute ist die Eidgenossenschaft wichtiger als der Kanton», erklärt ein Weibel. Alles muss seine Ordnung haben.

Gerhard Lob, Montagnola/Sessa

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