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ZEITZEUGE: Versorgt – und bis heute stigmatisiert

1300 ehemalige Heim- und Verdingkinder haben beim Bund ein Gesuch um Soforthilfe eingereicht. Eine 79-jährige Luzernerin erzählt von ihrem Leidensweg.
Sarah Weissmann
Auch Kinder von Fahrenden, vor allem Jenischen, wurden von den Behörden ihrer Familien entzogen. Im Bild zu sehen sind «Kinder der Landstrasse» auf einer Aufnahme von Hans Staub aus dem Jahre 1953. (Bild: Keystone/Fotostiftung Schweiz/Hans Staub)

Auch Kinder von Fahrenden, vor allem Jenischen, wurden von den Behörden ihrer Familien entzogen. Im Bild zu sehen sind «Kinder der Landstrasse» auf einer Aufnahme von Hans Staub aus dem Jahre 1953. (Bild: Keystone/Fotostiftung Schweiz/Hans Staub)

Sarah Weissmann

Wäre es nach den Behörden gegangen, würde Agatha Ammann* heute nicht existieren. Das ehemalige Heimkind wohnt seit 25 Jahren in der Stadt Luzern und erzählt in ihrer Wohnung von ihrem Leidensweg. Die 79-Jährige ist eine der 101 Zentralschweizer, die beim Bundesamt für Justiz ein Gesuch um Soforthilfe eingereicht haben (Ausgabe vom 18. Juli 2015).

Im Januar 1936 kam Agatha im Kantonsspital Zürich zur Welt – ihre Mutter, damals eine Hilfsarbeiterin, kämpfte für Agathas Leben. Der Vater war Alkoholiker, und Agatha sollte als viertes Kind der Familie geboren werden, doch aus Armutsgründen wollten die Behörden, dass Agathas Mutter abtreibt. «Meine Mutter hat sich gegen diese Diktatur gewehrt. Kurz vor ihrem Tod sagte sie mir, ich hätte mit jedem Herzschlag geschrien, dass ich leben will.» Für einen Moment gewann die Mutter den Kampf, sie brachte ein gesundes Mädchen zur Welt.

Kaum abgenabelt, wurde Agatha in ein Säuglingsheim im Kanton Aargau gebracht – eine Strafe für die ungehorsame Mutter. «Sie durfte mich nicht einmal in den Arm nehmen.» Bis heute ein bleibendes Trauma für Agatha. Die Bindung zur Mutter, ein herzlicher Umgang fehlten ihr das Leben lang. «Diese menschenverachtenden Massnahmen wurden systematisch durchgeführt. Menschenrechte wurden verletzt.»

Ein Leben lang unterprivilegiert

Nach dem Säuglingsheim wurde Agatha vom Fürsorgeamt ins Josefheim in Dietikon im Kanton Zürich gebracht. Dort blieb sie bis zum zehnten Lebensjahr. Anschliessend kam Agatha in ein katholisches Waisenheim im Rheintal. Ein Waisenheim, weil es Platz hatte. «Wir wurden einfach versorgt, und das möglichst billig.» Von diesem Zeitpunkt an bestimmten Zucht, Drill und Schläge Agathas Alltag. Gearbeitet wurde unentgeltlich. «Ich war tüchtig und nie zu faul zum Arbeiten.» Aber die Mittwoche haben sich in Agathas Kopf eingebrannt. Mit blossen Händen musste sie die blutigen Frauenbinden der Schwestern waschen. «Jenseits, dass man so etwas von Kindern verlangt. Erstens ist das der Infektionen wegen gefährlich und zweitens einfach nur ekelhaft. Bestialisch war der Gestank.»

Heute verurteilt sie vor allem die christlichen Werte aufs Schärfste. «Die Schwestern gingen gegen 19 Uhr zum Abendgebet. Wenn sie zurückkamen, kassierten wir immer mit dem Stock Schläge. Dieser dogmatische Katholizismus, in dem man nur Angst eingeflösst bekam und keinerlei mütterliche Gefühle erfahren durfte – nichts als Zucht war das.» Teilweise seien die Schläge so stark gewesen, dass Agatha in der Schule nicht mehr schreiben konnte. Die Lehrer hätten sich nicht dafür interessiert, auch das verurteilt Agatha. Mit Tränen in den Augen erzählt sie: «Wir hatten den Stempel der Unterprivilegierten, und für die hat man sich nicht eingesetzt. Das zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben.»

Zucht war an der Tagesordnung

Mit 13 Jahren begann Agatha zu rebellieren. Sie wollte nach Hause und unbedingt eine Lehre absolvieren. «Erst zu diesem Zeitpunkt wurde ich wach und habe verstanden, was hier abläuft.» Agatha wurde aufmüpfig und musste als 15-Jährige ins Armenhaus. In diesem ehemaligen Bürgerheim waren hilfsbedürftige Menschen untergebracht, welche Agatha betreuen musste. «Das war eine ungeheure Herausforderung.» Doch ihr wurde gedroht. Neben dem Armenheim befand sich gemäss Agatha eines der schlimmsten Erziehungsheime der Schweiz – «eingezäunt mit hohen Mauern, wie in einem Gefängnis». Wenn sie nicht still sei, müsse sie dorthin, hiess es. Wegen ihrer Aufmüpfigkeit musste die damals 17-Jährige zum sogenannten Armenhausvater. «Das war ein grosser, ekelhafter, buckliger Mensch. Ich sehe ihn noch heute vor mir. Er begann mich sexuell zu belästigen. Ein strenggläubiger Katholik und ich war ihm schutzlos ausgeliefert.» Das liess sich Agatha aber nicht gefallen. Sie schrie los. «Ich habe ihm gedroht, wenn er mich nicht gehen lässt, würde ich dem Waisenhausvater alles erzählen.» Nach drei Tagen wurde Agatha dann in eine Haushaltsschule nach Sargans versetzt. Heute ist sie dankbar für ihren Mut. «Der wusste schon, wo er mich unterbringen musste, damit ich keinen Ärger mache», sagt sie mit einem Schmunzeln. In dieser Schule durfte sie dann auch ein Haushaltslehre absolvieren. Im Gegensatz zu den anderen Mädchen durfte Agatha an den Wochenenden nicht nach Hause und musste in ihrer Freizeit kochen und putzen, damit war sie aber zufrieden.

Doch nach einem Jahr stand das Fürsorgeamt wieder vor der Tür. Agatha wurde in eine Bäckerei nach Genf gebracht. «Von morgens um sechs bis abends um neun musste ich arbeiten.» Mit 18 Jahren wollte sie zu ihrer Mutter nach Zürich. Am Bahnhof wurde sie jedoch erneut vom Fürsorgeamt abgefangen und in die Spinnerei eines Fabrikheims in Toggenburg gebracht – ihre letzte Heimstation. Ab dem Zeitpunkt ihrer Entlassung aus dem Heim hat folgende Vision Agatha geprägt: Unabhängigkeit, zwischenmenschliche Solidarität und Aufstehen gegen Ungerechtigkeit. «Das zu beherzigen, ist mir bis heute gelungen, und ich habe mir mein Selbstwertgefühl durch dieses Leitbild selbst erarbeitet», sagt die heute 79-Jährige.

Nur durch Verdrängung erträglich

Im Alter von 20 Jahren galt man zu jener Zeit als volljährig, und Agatha zog zu ihrer Schwester nach Zürich. Dort fand sie eine Arbeitsstelle im Detailhandel. «Ich konnte mich befreien und war endlich unabhängig.» Sie heiratete und brachte drei Kinder zur Welt. Agathas Lebensweg führte sie im Laufe der Zeit in den Kanton Zug und dann in die Stadt Luzern. An beiden Orten arbeitete sie als Hilfspflegerin in einem Heim für betagte Schwestern, in Luzern bis zur Pensionierung. «Ich bin sehr dankbar für diese Arbeit, es kam zu einem Rollentausch, und ich durfte Wertschätzung erfahren. Ich konnte den Stachel von damals in eine Blume umwandeln.»

Heute sind für Agatha der Staat sowie die Kirche verantwortlich für das Trauma, das all die Opfer der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen ein Leben lang mit sich tragen. «Verdrängung war jahrelang die einzige Strategie, um diese Pein schmerzhaft im Stillen zu dulden.» Viele Betroffene seien damals vom Staat in die Fabriken der Grossindustriellen zwangseingewiesen worden. «Sie mussten unbezahlte Sklavenarbeit verrichten.» Die Industriellen hätten sich so bereichern können. «Es waren gerade diese zur Sklavenarbeit Verurteilten, die einen grossen Teil zur wirtschaftlichen Entwicklung der heutigen Schweiz beigetragen haben.» An all den Opfern, die verdingt, misshandelt, gefoltert und gepeinigt wurden, hafte ein Leben lang die Stigmatisierung. Auch Agatha macht diese Erfahrung noch heute. In einem offiziellen Schreiben der Behörden wurde sie als Unterprivilegierte bezeichnet.

«Entschädigung ist reichlich spät»

Erst in den vergangenen Jahren wurde auf politischer Ebene gefordert, dieses dunkle Kapitel der Schweizer Geschichte aufzuarbeiten. «Die viel diskutierte Wiedergutmachung in Form von Geld finde ich reichlich spät und empfinde es als Degradierung aller Opfer – Hunderte sind bereits gestorben.» Für sie ist Geld heute die Werteerklärung und die Entschädigung deshalb notwendig. Agatha bestreitet ihren Unterhalt mit Ergänzungsleistungen. Dank der Soforthilfe erhielt sie 10 000 Franken. «Ich bin dankbar, denn für mich bedeutet die Summe etwas mehr Sicherheit, Freiheit und Lebensqualität. Auch, wenn es sich gerade einmal um das Trinkgeld handelt.»

* Name der Redaktion bekannt

«Die historische Aufarbeitung ist von zentraler Bedeutung»

Im März 2014 wurde unter der Leitung der Guido-Fluri-Stiftung durch ein überparteiliches Komitee die Wiedergutmachungsinitiative für Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen lanciert. Dies, weil es bis heute keine gesetzliche Grundlage für eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung und finanzielle Wiedergutmachung gibt. Für die schwer betroffenen Opfer will die Initiative darum einen Fonds von 500 Millionen Franken errichten. Daneben sollen die fürsorgerischen Zwangsmassnahmen wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Präsident der Stiftung ist der Zuger Unternehmer Guido Fluri (49), selber ein ehemaliges Heimkind.

Guido Fluri, die oben porträtierte Frau wird noch heute mit dem Stigma ihrer Kindheit konfrontiert.

Guido Fluri: Ich bin ganz vielen Betroffenen begegnet, die sich für ihr Erlebtes immer wieder rechtfertigen müssen. Es ist so: Wer in der Kindheit keine Anerkennung bekommen hat, kann auch kein Selbstwertgefühl entwickeln. Diese Menschen kommen deshalb immer wieder an den Punkt zurück, dass sie nichts wert seien. Das sind die Folgen der jahrelangen Traumatisierung. Es gibt aber auch viele Opfer, die ihre Vergangenheit aufgearbeitet haben und dadurch ein Stück loslassen konnten.

Wo steht die Aufarbeitung heute?

Fluri: Nachdem das Parlament 2013 bei den administrativ versorgten Menschen, wie bereits 2004 bei den Zwangssterilisierten, keine Entschädigung zugesprochen hatte, entschied ich mich in einer Nachtübung für eine Volksinitiative. Mir war wichtig, dass die Vereine, die jahrelang um Wiedergutmachung gekämpft hatten, auch einbezogen wurden. Ich war in den letzten eineinhalb Jahren mit vielen Parlamentariern im Gespräch, und kurz nach der Einreichung der Initiative hat uns der Bundesrat einen indirekten Gegenvorschlag zur Wiedergutmachungsinitiative präsentiert. Nebst dem Anerkennungsbeitrag war für mich aber immer die historische Aufarbeitung von zentraler Bedeutung. Eine Gesellschaft kann nur auf die Zukunft bauen, wenn die trübe Vergangenheit aufgearbeitet wird.

Der Gegenvorschlag sieht aber nur 300 Millionen Franken vor.

Fluri: Wir sind dem gegenüber offen. Aber es darf nicht sein, dass der Anerkennungsbeitrag auf dem Buckel der Betroffenen runtergehandelt wird. Wichtig bei der ganzen Debatte ist, dass man nicht einfach sagt: Früher war das Leben halt schwieriger. Die Menschen wurden systematisch missbraucht – man hat ihnen die Würde genommen. Die Opfer leben seit Jahrzehnten mit dieser Belastung. Heute sind sie oft verarmt und vereinsamt. Mit Geld kann man das Leiden nicht wiedergutmachen, aber es ist notwendig, dass ein Anerkennungsbeitrag für ihr grosses Unrecht geleistet wird. Bis unsere Initiative in die Abstimmung käme, könnte es noch fünf bis sechs Jahre gehen. Für den Gegenvorschlag spricht die Geschwindigkeit, da jedes Jahr viele Betroffene sterben. Bei der Annahme würden die Opfer bereits 2017 Geld aus dem Fonds erhalten.

Welche Rolle spielt die Kirche bei der Aufarbeitung und der Anerkennung?

Fluri: Es waren einige Dialoge notwendig, bis Vertreter der Kirche unserem Unterstützungskomitee beigetreten sind. Die Kirche hatte im letzten Jahrhundert eine grosse erzieherische Aufgabe, und dabei stand nicht immer die Nächstenliebe im Vordergrund. Ich habe Hoffnung, dass die Kirche noch eine aktivere Rolle wahrnehmen wird. Sie ist eine moralische Instanz und setzt unserer Gesellschaft die Messlatte der Werte vor. Es braucht einen Befreiungsschlag seitens der Kirche für die Missbrauchsfälle, welche sie zu verantworten hat.

Und der Bauernverband? Auf den Höfen arbeiteten viele Verdingkinder.

Fluri: Mit dem Präsidenten des Bauernverbandes, Markus Ritter, bin ich seit Beginn der Initiative ebenfalls im Gespräch. Nach anfänglicher Zurückhaltung ist uns auch hier eine Annäherung gelungen. Der Ehrenpräsident Hansjörg Walter ist im Unterstützungskomitee der Wiedergutmachungsinitiative, und das hatte Signalwirkung.

Was passiert, wenn das Parlament den Gegenvorschlag ablehnt?

Fluri: Wir sind zurzeit mitten in der Vernehmlassung und sind zuversichtlich. Wenn das Parlament jedoch den Gegenvorschlag ablehnen sollte, treten wir in den Abstimmungskampf ein. Ich gehe davon aus, dass ich für die Kampagne nochmals einen substanziellen Millionenbetrag einschiessen müsste.

Was muss noch getan werden?

Fluri: Es gibt sehr viele Betroffene, die in unserer Gesellschaft untergehen und nicht über ihr Schicksal reden können. Genau diese Opfer brauchen unsere Unterstützung. Neben dem Trauma, das sie von damals davongetragen haben, ist die Einsamkeit mit den seelischen Verletzungen das Schlimmste. Sie sind in sich gefangen, und es ist unsere Verantwortung, diese Menschen zu erreichen, damit sie über diese Traumata reden und die Vergangenheit besser verarbeiten können, auch wenn die Narben für immer bleiben werden.

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