ZIKA-VIRUS: Müssen wir uns Sorgen machen?

Der gefährliche Krankheitserreger wird durch Tigermücken übertragen. Die gibt es auch bei uns. Der Schweizer Mückenexperte Peter Lüthy klärt auf.

Interview Sasa Rasic Interview Sasa Rasic
Drucken
Teilen
Sie ist der Transporteur des gefährlichen Zika-Virus: die Tigermücke. In der Schweiz kommt sie im Tessin vor. (Bild: Keystone)

Sie ist der Transporteur des gefährlichen Zika-Virus: die Tigermücke. In der Schweiz kommt sie im Tessin vor. (Bild: Keystone)

Herr Lüthy, die Tigermücke – welche das aktuell in Südamerika grassierende Zika-Virus übertragen kann – kommt auch bei uns in der Schweiz vor. Müssen wir uns Sorgen machen?

Peter Lüthy: Momentan besteht keine Gefahr. Aber man muss wachsam bleiben.

Welche Gebiete sind denn in der Schweiz betroffen?

Lüthy: Exponiert ist vor allem das Tessin, wo sich die Tigermücke festgesetzt hat. Dort findet man die Mücke mittlerweile fast überall. Sie konnte in rund 60 Gemeinden nachgewiesen werden. Nun ist wichtig, dass wir die Population tief halten, die Situation überwachen und weiterkämpfen.

Wurden in der hiesigen Tigermücken-Population bereits Krankheitserreger wie etwa das Zika-Virus nachgewiesen?

Lüthy: Bisher noch nicht.

Wie weist man eine derartige Festsetzung nach?

Lüthy: In speziell aufgestellten Fallen wird die Anzahl Eier gezählt, die von Tigermückenweibchen abgelegt werden. Während der Monate Juli bis September weisen praktisch alle Fallen Eier von Tigermücken auf. Meines Erachtens ist mit etwa 200 Eiern pro Falle eine kritische Grenze erreicht, die auf eine hohe Dichte von Tigermücken hinweist. Im Tessin sind diese Werte in einzelnen Fallen erreicht.

Die Tigermücke stammt ursprünglich aus den süd- und südostasiatischen Tropen. Bei uns herrschen ziemlich andere Verhältnisse Wie überlebt eine solche Mücken-Population?

Lüthy: Die Mücken überwintern im Ei­stadium vorzugweise in Behältnissen wie Vasen, Wasserfässern und Strassenschächten. Sobald die Eier unter Wasser gesetzt werden und es warm genug ist, schlüpfen die Larven. Nach rund zwei Wochen finden wir die Stechmücken in der Luft auf der Suche nach einer Blutmahlzeit, um erneut Eier legen zu können. Dann wiederholt sich der Kreislauf. Im Tessin wird der Höhepunkt der Tigermücken zwischen Juli und September erreicht.

Hat die Tigermücke an anderen Orten in unseren Breitengeraden für Probleme gesorgt?

Lüthy: Nahe Rimini gab es 2007 eine kleinere Chikungunya-Epidemie, von der rund 200 Personen betroffen waren und, für die nachgewiesenermassen lokale Tigermücken verantwortlich waren. In Südfrankreich gibt es grosse Populationen von Tigermücken, und es kommt immer wieder zu einzelnen Fällen von lokal übertragenen Infektionen. So sind im letzten Jahr 6 Fälle von Dengue nachgewiesen worden. Auch aus Kroatien wurden vor einigen Jahren Fälle gemeldet.

Wie ist die Mücke überhaupt zu uns gekommen?

Lüthy: Die Mücke wurde über Seetransport aus Südostasien 1990 nach Genua eingeschleppt, von wo sie sich über Südeuropa bis ins Tessin ausgebreitet hat. Die Ausbreitung wird von der Klimaerwärmung unterstützt. Je wärmer es in einem Gebiet ist, desto mehr Zeit haben die Tigermücken, um Zyklen zu vollenden. Lokal verschleppt wird sie als blinder Passagier mit grenzüberschreitenden Transporten in Lastwagen und in Privatautos.

Nun sorgt die Tigermücke für Aufregung, weil sie in Südamerika das Zika-Virus verbreitet. Wie konnte es so weit kommen?

Lüthy: In Bezug auf das in Afrika heimische Zika-Virus wird spekuliert, dass es durch infizierte Personen während der Fussballweltmeisterschaft 2014 nach Brasilien eingeschleppt wurde. Weshalb sich das Virus so rasant ausgebreitet hat, bleibt abzuklären. Es könnte sein, dass sich durch genetische Veränderung die Virulenz des Erregers gesteigert hat.

Breitet sich die Tigermücke immer weiter Richtung Norden aus?

Lüthy: Die Tigermücke hat sich mittlerweile in Freiburg im Breisgau eingenistet. Auch Heidelberg scheint betroffen zu sein. Spannend ist auch, wie meine deutschen Kollegen die Ausbreitung nachgewiesen haben.

Erzählen Sie!

Lüthy: Freiburg im Breisgau ist als Terminal der Rollenden Autobahn (Rola) mit Ausgangspunkt Novara wichtig; im vergangenen Jahr wurden über 100 000 Lastwagen transportiert. Über die Rola aus Italien eingeschleppte Tigermücken konnten in Gefässen, die in einem nahe gelegenen Schrebergarten standen und Wasser enthielten, eine Population aufbauen.

Kann ich persönlich etwas gegen die Ausbreitung der Tigermücke tun?

Lüthy: Eine ganz einfache Massnahme ist, kein Wasser stehen zu lassen. Hier kann jeder Hausbesitzer mithelfen. Beim vorherigen Schrebergarten-Beispiel waren einige Besitzer verreist – beispielsweise weil sie als Gastarbeiter den Sommer im Süden verbringen – und die Tigermücke konnte sich in den Regenwassertonnen ungestört ausbreiten.

Wie steht es um den Kampf gegen die Tigermücke durch die Behörden?

Lüthy: Die Situation im Tessin haben wir nicht hundertprozentig im Griff. Wir verteilen Flyer, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Aber wir müssen noch schwer daran arbeiten, da die Ausbreitung weiter voranschreitet. In der Deutschschweiz müssen wir die Ausbreitung gut überwachen. Die Tigermücke kann zwar nicht so gut fliegen, sie ist kaum mehr als 100 bis 150 Meter von ihrer Brutstätte entfernt aktiv. Doch der Kampf gegen die Ausbreitung ist kostspielig und aufwendig.

Wie kann ich feststellen, dass ich von einer Tigermücke gestochen worden bin?

Lüthy: Es sind einfach ziemlich schmerzhafte Mückenstiche. Bei einem Besuch in Griechenland wurde ich im Garten eines Kollegen fast «aufgefressen». Das Spezielle an der Tigermücke ist, dass sie tagsüber zusticht.

Müssen wir uns angesichts dessen jetzt also alle Moskitonetze beschaffen?

Lüthy: Nein, das wäre deutlich übertrieben. Zumal die Tigermücke im Gegensatz zur Hausschnacke kaum in geschlossene Räume reinfliegt. Auch ist das Zika-Virus vor allem aufgrund der möglichen Missbildung von Föten bei Schwangeren gefährlich. Sonst ist der Verlauf einer Zika-Virus-Infektion eher milder als etwa das Dengue-Fieber.

Es sind auch Stimmen zu hören, dass man sich um die Ausbreitung einer anderen Art – der Buschmücke – mehr Sorgen machen muss als wegen der Tigermücke.

Lüthy: Wir wissen hier über das Potenzial als Krankheitsüberträger – einen so genannten Vektor – noch zu wenig.

Das bedeutet?

Lüthy: Gerade weil wir über das Verhalten des Zika-Virus und seine Übertragung durch Stechmücken noch über zu wenig Informationen verfügen, wäre es ratsam, wenn das Bundesamt für Gesundheit für Zika-Virus-Infektionen umgehend die Meldepflicht einführen würde. Schwangeren sollte dringend abgeraten werden, Reisen in Epidemiegebiete zu unternehmen. Moskitonetze, Sprays und das Tragen von langen Kleidern bieten aus eigener Erfahrung nur einen bedingten Schutz.

Vom 5. bis 21. August finden in Rio de Janeiro die Olympischen Sommerspiele statt. Was bedeutet das für das Ausbreiten des Zika-Virus?

Lüthy: Die Olympischen Sommerspiele überlappen sich mit dem Peak der Tigermücken in Südeuropa – das Tessin mit eingeschlossen. Da mit einem erhöhten Reiseverkehr zwischen Brasilien und Europa zu rechnen ist, dürfte sich die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass mit dem Zika-Virus infizierte Personen zurückkehren. Als Folge lassen sich lokale Übertragungen des Virus im südeuropäischen Raum nicht ausschliessen.

Besteht Handlungsbedarf?

Lüthy: Wir müssen proaktiv handeln. Es gilt unter allen Umständen zu verhindern, dass Schwangere durch lokale Übertragung des Zika-Virus durch Tigermücken gefährdet werden. Kinder mit Mikro­zephalie stellen für Familien und die Gesellschaft eine grosse Belastung dar.

Hinweis

Peter Lüthy ist emeritierter ETH-Professor und Mückenexperte.

Interview Sasa Rasic Interview Sasa Rasic

Zeit drängt – USA und Brasilien wollen Impfstoff entwickeln

Angesichts der rasanten Ausbreitung des gerade für schwangere Frauen gefährlichen Zika-Virus wollen die USA und Brasilien rasch einen Impfstoff entwickeln. Dazu werden US-Präsident Barack Obama und Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff eine Expertengruppe einsetzen. Es gehe darum, den «Kampf zu verstärken und einen Impfstoff gegen das Zika-Virus zu entwickeln», vereinbarten die beiden Staatschefs am Freitagabend in einem Telefonat. Allein in Brasilien könnten bis zu 1,5 Millionen Menschen bereits mit dem Zika-Virus infiziert sein, das auch in die USA eingeschleppt worden ist. Da sich in Brasilien parallel die Fälle von Schädelfehlbildungen dramatisch erhöht haben – es gibt seit Oktober 4180 Verdachtsfälle –, gehen die brasilianischen Behörden davon aus, dass die sogenannte Mikrozephalie ausgelöst wird, wenn Schwangere sich mit dem Zika-Virus infizieren. Erkrankte Kinder sind in der Regel stark geistig behindert. «Wir werden diesen Krieg gewinnen», gibt sich Rousseff kämpferisch. An einem Aktionstag am 13. Februar sollen landesweit bis zu 220 000 Soldaten zur Bekämpfung der Moskitoart Aedes aegypti eingesetzt werden, die Zika überträgt. (sda)

In den Reisebüros bleibt es «erstaunlich ruhig»

Das Zika-Virus sorgt bei den Schweizer Reiseveranstaltern bislang für wenig Umtriebe. «Momentan spüren wir nichts. Es herrscht eine erstaunliche Ruhe», sagt Globetrotter-Group-CEO André Lüthi. Genau gleich tönt es bei Brasa- Reisen, dem Schweizer Brasilien-Spezialisten. «Die Leute informieren sich. Aber zu Stornierungen ist es bislang nicht gekommen», sagt Remo Notter. Globetrotter ist unter anderem offizieller Reisepartner von Swiss Olympic und in der Schweiz offizielle Verkaufsstelle von Tickets für die Olympischen Sommerspiele in Rio. Bislang wurden laut Lüthi in der Schweiz über 3000 Tickets verkauft. Sowohl bei Brasa-Reisen wie auch bei Globetrotter hält man die aktuelle Entwicklung im Auge und setzt auf die Weisungen und die Empfehlungen des Bundes. Das Bundesamt für Gesundheit empfiehlt Reisenden unter anderem, lange Kleider zu tragen und sich regelmässig mit Insektenschutzmittel einzusprayen. (bu)