Zoff bei den Reformierten: Vorzeigefrau tritt zurück - der höchste Reformierte schweigt

Knall auf Fall trat Pfarrerin Sabine Brändlin im April aus dem obersten Leitungsgremium der Schweizer Reformierten zurück. Der Abgang bringt auch Gottfried Locher, den höchsten Reformierten der Schweiz, in Bedrängnis.

Lucien Fluri
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Gottfried Locher, der höchste Reformierte der Schweiz, schweigt zum Rücktritt von Pfarrerin Sabine Brändlin (r.) aus dem höchsten Leitungsgremium der Schweizer Reformierten.

Gottfried Locher, der höchste Reformierte der Schweiz, schweigt zum Rücktritt von Pfarrerin Sabine Brändlin (r.) aus dem höchsten Leitungsgremium der Schweizer Reformierten.

ZVG

Es brodelt in der reformierten Kirche der Schweiz, seit Pfarrerin Sabine Brändlin Knall auf Fall aus dem obersten Leitungsgremium der Kirche zurückgetreten ist. Bis heute ist nicht klar, warum die 46-Jährige Ende April ihr Amt in der siebenköpfigen Exekutive, dem sogenannten Rat der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, niederlegte. Die Baselbieterin galt als Aushängeschild einer modernen Kirche. Ihr wird angerechnet, dass sich die Reformierten vergangenes Jahr zur Ehe für alle bekannten.

Erstaunlich ist: Noch Mitte April wollte Brändlin, nach dem Ja zur Ehe für alle, «ein weiteres heisses Eisen anpacken». So erzählte sie es dem Reformierten-Magazin «bref». Es sollte nun um Grenzverletzungen und sexuelle Übergriffe in der Kirche gehen. Doch schon wenige Tage, nachdem der Text gedruckt war, war die Aussage überholt. Brändlin war weg. Bis heute ist nicht klar, warum die Pfarrerin zurückgetreten ist. Beide Seiten schweigen sich aus.

Die reformierte Kirche teilte den Rücktritt in gerade einmal zwei Sätzen mit. Ein Wort des Dankes oder des Bedauerns fehlte in der Mitteilung. Nicht einmal der Name der abtretenden Rätin wurde dort genannt. Einzige Angabe: Der Abgang stehe in Zusammenhang «mit einem laufenden Geschäft», bei dem Brändlin «wegen einer möglichen Befangenheit» in den Ausstand getreten sei. Weitere Auskünfte würden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht gegeben. Brändlin selbst sprach von «persönlichen Gründen» und «unüberbrückbaren Differenzen».

An der Basis ist man erstaunt und ratlos

Der Abgang erstaunt in reformierten Kreisen, da das Verhältnis zwischen Ratsmitglied Brändlin und Ratspräsident Gottfried Locher, dem höchsten Reformierten der Schweiz, zeitweise sehr eng gewesen sein soll. Dies sagen mehrere Quellen. Weder Locher noch Brändlin beantworten dazu Fragen; ebenso wenig die Kirche selbst. Die Vorgänge nimmt man in den Kantonen erstaunt zur Kenntnis. «Wir möchten Klärung», sagt Andreas Zeller, Synodalratspräsident der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn. «Der Rücktritt kommt aus heiterem Himmel.» Sabine Brändlin sei eine sehr engagierte Frau gewesen. Zeller:

«Es ist aufgefallen, wie enorm sie sich eingesetzt hat und welche Erfolge sie hatte.»

Christoph Weber-Berg, Kirchenratspräsident der Aargauer Landeskirche, kritisiert die Kommunikation der Schweizer Kirchenexekutive. «Es ist problematisch, wenn man ein Communiqué veröffentlicht, das nicht Fragen klärt, sondern Spekulationen anheizt.» Am Wochenende meldeten sich deshalb die Kantonalkirchen Aargau, Zürich, Bern-Jura-Solothurn und Waadt zu Wort. In einer Interpellation, über die zuerst der «Tages-Anzeiger» berichtet hat, fordern sie von der Landeskirche Aufklärung. Die Kirchenverbände zeigen sich besorgt, über den vermuteten «erheblichen Konflikt» im höchsten Führungsgremium der Reformierten. «Die Verantwortlichen der Mitgliedkirchen befürchten das Risiko eines Reputationsschadens.»

Welche Rolle spielt der höchste Reformierte?

Im Fokus steht nun auch Ratspräsident Gottfried Locher. Die Kantonalkirche äussern Zweifel «über die Funktionsfähigkeit des Rates und seines Präsidenten». Sie befürchten, dass der Rat unter diesen Umständen dringende Themen nicht angehen kann. Nicht zum ersten Mal ist Locher in der Kritik. Der 54-jährige Familienvater ist seit 2011 Präsident des Evangelischen Kirchenbundes und damit höchster Reformierter der Schweiz. Als er sich 2018 für eine dritte Amtszeit bewarb, wurde eine Gegenkandidatur von Frauenseite lanciert. Locher wurde Machtstreben vorgeworfen, als eine neue Kirchenverfassung zur Debatte stand.

Spekulationen anheizen dürfte nun das Porträt über Pfarrerin Brändlin, das so kurz vor dem Abgang im Magazin «bref» erschien. Demnach wollte Brändlin nun Grenzverletzungen und sexuelle Übergriffe innerhalb der Kirche thematisieren. Im Porträt wird sie zitiert, die Ausmasse seien unterschätzt worden. Solche Aussagen dürften bei gewissen Reformierten Erinnerungen an Schlagzeilen wecken, die sie lieber vergessen möchten.

Bevor Locher vor drei Jahren zur Wiederwahl antrat, gab es eine Debatte um das Frauenbild des höchsten Reformierten der Schweiz. Auf Kritik stiessen Aussagen wie diejenige, «dass Männer nun mal eine aktiv-aggressive Sexualität in sich tragen würden und Frauen eine passive. Deshalb müssten Männer manchmal über Frauen herfallen, um sich sexuell ausleben zu können». Dies hatte Locher 2015 gegenüber einer Pfarrerin in London gesagt. Die Frau fühlte sich unwohl in dem Gespräch mit dem höchsten Reformierten. Ob ein Zusammenhang zwischen Brändlins Ankündigung, heisse Eisen anpacken zu wollen, und dem Rücktritt besteht, ist allerdings nicht erwiesen. Weder Locher noch Brändlin wollten sich dazu äussern. Auch das oberste Gremium der Reformierten will Spekulationen vorerst kein Ende setzen. Erst am 15. Juni, wenn die Synode stattfindet, soll es Antworten geben.