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Zu klug für die Klassenkameraden: Begabte Kinder werden kaum gefördert

Schulen übersehen oftmals talentierte Schüler, dabei wäre jedes fünfte Kind zu deutlich mehr fähig. Nun reagieren die Lehrer und fordern speziell ausgebildete Lehrpersonen.
Yannick Nock
Derzeit werden hauptsächlich die schwächeren Schüler gefördert. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Derzeit werden hauptsächlich die schwächeren Schüler gefördert. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Was es bedeutet, zu klug für seine Klassenkameraden zu sein, weiss vielleicht niemand besser als das Mathe-Genie Maximilian Janisch. Mit acht landete er am Gymnasium Immensee SZ. Nur ein Jahr später legte er die Mathematik-Matura mit Bestnoten ab. Seit Sommer studiert der heute 15-Jährige an der Universität Zürich. Er ist das beste Beispiel, wozu ein Jugendlicher fähig ist, wenn er früh gefördert wird. Doch sein Weg war steinig: Statt Maximilian zu ermutigen, wollten ihn viele bremsen. Noch heute prangert Maximilians Vater das Schweizer Bildungssystem an: «Die Schulen fördern Begabte viel zu wenig.»

Mit einem IQ von 149+ bleibt Maximilian eine Ausnahme. Doch unterforderte Kinder gibt es in fast jeder Schulklasse, wie der Schweizer Lehrerverband in einem neuen Positionspapier schreibt. Die Lehrer gehen davon aus, dass jedes fünfte Kind zu deutlich mehr fähig wäre, als es in der Schule tatsächlich leistet. Talent, das brach liegt. Talent, das verschwendet wird.

Schlau, aber schlechte Noten

Das soll sich nun ändern, wie die Pädagogen im Positionspapier festhalten. Sie fordern verbindliche Regeln und Strukturen: «Jede Schule benötigt mindestens eine Lehrperson, die in diesem Bereich ausgebildet ist», heisst es darin. Es ginge darum, die Potenziale der Kinder so weit wie möglich auszuschöpfen – flächendeckend für die gesamte Schweiz und über alle Stufen hinweg. Heute seien die Schüler vor allem vom Einsatz einzelner Lehrer abhängig.

«Der Fokus liegt momentan vor allem darauf, schwächeren Schülern zu helfen», sagt Beat Schwendimann, Bildungsexperte des Verbandes. Das sei zweifellos wichtig, allerdings könnten so die Bedürfnisse der anderen Schüler untergehen. Der Verband fordert deshalb ein Umdenken:

«Begabte Kinder zu fördern, gilt oft als Luxus, doch das stimmt nicht. Es gehört zum Grundauftrag der Schule.»

Der Elite-Vorwurf betrifft nicht alle Fächer gleichermassen. Im Sport und der Musik sei die Akzeptanz grösser als in anderen Gebieten wie Sprachen, Mathematik, Informatik oder Naturwissenschaften, sagt Schwendimann. Dabei würde gerade die Wirtschaft von solchen Talenten profitieren.

Doch Begabungen sind nicht immer einfach zu erkennen. Hohes Potenzial bedeute nicht gleich hohe Leistung oder gute Noten, sagt Schwendimann. Manche talentierte Kinder würden sogar schlechte Arbeiten abliefern. Das hat mehrere Gründe: Langeweile, Prüfungsangst oder die Sorge, als Streber zu gelten. Doch wer sein Potenzial nicht ausschöpft, kann nicht nur im späteren Berufsleben darunter leiden, sondern bereits in der Schulzeit. Viele der unterforderten Kinder werden aggressiv oder anders auffällig. Umso wichtiger ist es gemäss Schwendimann, das Potenzial frühzeitig zu erkennen und zu fördern. Dafür brauche es finanzielle Ressourcen, gezielte Weiterbildung der Lehrpersonen, innovative Lehrmittel und verschiedene Angebote auf allen Stufen.

Die Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm befürwortet das Papier der Lehrer, glaubt aber, dass eine flächendeckende Förderung nur schwierig umzusetzen ist. Dafür fehle den meisten Kantonen das Geld. «Zuletzt wurden Förderprogramme gestrichen, nicht neue aufgebaut», sagt sie. Zudem herrsche eine «Abklärungswut» an den Schulen, die sich bloss auf die Defizite der Kinder konzentriere. Der Blick für Talente ginge verloren. «Im Kanton Zürich haben sechs von zehn Kindern beim Zeitpunkt der Einschulung bereits eine Form der Therapie hinter sich», sagt Stamm. Dazu zählen Ergotherapien, Legasthenie oder Abklärungen der Psychomotorik. Dabei wären diese oft nicht notwendig.

Das Problem des Stichtags

Gerade in jungen Jahren seien Kinder unterschiedlich weit in ihrer Entwicklung. Während einige die 1. Klasse getrost überspringen könnten, würde anderen ein weiteres Jahr Kindergarten guttun, sagt Stamm. Sie plädiert deshalb für einen flexiblen Schuleintritt. «Ein fixer Stichtag macht keinen Sinn.» Vielmehr müsse der Entwicklungsstand berücksichtigt werden. Stamm schlägt deshalb vor, Kinder nicht nur einmal im Jahr einzuschulen. «Je nach Alter kommen sie dann im Sommer oder im Winter in die Schule.» So könnten begabte Kinder früh gefördert und jenen mit Schwierigkeiten könnte besser geholfen werden.

Das sieht Mathematik-Genie Maximilian ähnlich. «Das Schulsystem ist unflexibel», sagt er. «Der Alltag ist so rigide, dass es schwierig ist, mehr Zeit für seine Stärken aufzuwenden.» Eine flächendeckende Lösung hält der 15-Jährige allerdings für schwierig. «Jedes begabte Kind bedarf einer ganz individuellen Förderung», sagt er. Ein besserer Blick für junge Talente sei aber ein guter erster Schritt.

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