Zu traumatisiert zum Arbeiten: Eingeflogene Flüchtlinge lassen sich nur schwer integrieren

Die Schweiz evakuiert Menschen direkt aus Krisengebieten. Ihre Integration erweist sich teils als schwieriger als erwartet. Das liegt auch an einer verfehlten Zielsetzung.

Daniel Fuchs
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Aus UNHCR-Lagern wie diesem in Jordanien wird umgesiedelt. Bild: Keystone

Aus UNHCR-Lagern wie diesem in Jordanien wird umgesiedelt. Bild: Keystone

In Europa sinken die Asylzahlen, und plötzlich schafft es ein altes Thema zurück auf die politische Agenda: legale Fluchtwege nach Europa. Letzte Woche hiess das Europäische Parlament in Strassburg einen Vorschlag gut, wonach Verfolgte künftig in den Krisengebieten direkt um Schutz in der EU bitten können. Etwa auf einer Botschaft. Die EU-Kommission muss nun einen Gesetzesvorschlag zu diesen sogenannten Humanitären Visa machen. Solche Visa sollen es Menschen erlauben, sicher in ein europäisches Land zu reisen und dort um Asyl zu bitten.

Ein anderer regulärer Fluchtweg nach Europa und in die Schweiz bieten sogenannte Resettlement-Programme der UNO-Flüchtlingsorganisation UNHCR. Resettlement steht für Umsiedlung. Flüchtlinge werden in den Krisengebieten ausgewählt, auf ein Leben im neuen Land vorbereitet und dort neu angesiedelt. Das letzte der in den vergangenen Jahren aufgegleisten Programme zwischen dem UNHCR und der Schweiz läuft Ende Jahr aus. Vor zwei Wochen hat der Bundesrat entschieden, dass es nahtlos weitergehen soll. Auch nächstes Jahr will er 800 Menschen, vorwiegend Opfer des Syrienkriegs, in die Schweiz einfliegen. In den Jahren danach sollen es pro Jahr rund 1000 Flüchtlinge sein.

Sicherheit vom Nachrichtendienst überprüft

Die Ausgewählten werden auf ihre neue Heimat, die Schweiz, über Monate vorbereitet. Dabei wird auch abgeklärt, ob sie willig sind, sich hierzulande auch tatsächlich zu integrieren. Und eine Sicherheitsprüfung durch den Nachrichtendienst des Bundes soll verhindern, dass auf diesem Weg Kriminelle, etwa Terroristen, in die Schweiz gelangen.

UNO-Flüchtlinge sind bei Kantonen und Gemeinden beliebt. Diese werden frühzeitig informiert, wer wann ankommt, und sie können so besser planen. Die Aufnahme von Menschen aus dem üblichen Asylprozess ist unberechenbarer: Einmal bitten mehr Geflüchtete an der Schweizer Grenze um Asyl, einmal weniger. Doch es ist nicht nur die Planbarkeit, die UNO-Flüchtlinge beliebt macht. Unter ihnen befinden sich deutlich mehr Frauen und Kinder als unter denjenigen Menschen, die im normalen Asylprozess stecken.

Und auch punkto Integration sind die Erwartungen hoch. Als der Bundesrat 2012 im Zuge des Syrienkriegs entschied, nach einer längeren Pause erneut an den Programmen des UNHCR teilzunehmen, initiierte er ein Pilotprojekt. Zwischen 2013 und 2015 sollten 500 Flüchtlinge aufgenommen werden. Mit ihrer Hilfe testete der Bund ein speziell zugeschnittenes Integrationsprogramm. Wichtigstes Ziel war die berufliche Integration.

«Es wird davon ausgegangen, dass dank dieser speziellen Integrationsmassnahmen eine bessere berufliche Integration der Flüchtlinge erreicht wird», schrieb im Dezember 2016 das zuständige Staatssekretariat für Migration (SEM) in einem Zwischenbericht. Und Resettlement-Flüchtlinge mussten immerhin ihre Absicht erklären, sich integrieren zu wollen. Nur: Sind die Hoffnungen in die Integrationsfähigkeit der umgesiedelten Flüchtlinge gerechtfertigt? Nicht ganz, wie eine vor kurzem veröffentlichte Evaluation des Bundes zeigt. Forscher haben das Pilotprojekt 2013 bis 2015 begleitet.

Bessere Chance durch gezielte Massnahmen

Zwar zeigten sich die befragten Fachpersonen des Projekts generell zufrieden, gerade die durchgehende Betreuung durch Coachs habe eine Verbesserung herbeigeführt. Doch stellen die Autoren das Ziel des SEM in Frage: «Es ist fraglich, ob es sinnvoll war, die Verbesserung der beruflichen Integration als einziges Hauptziel zu deklarieren.» Der Grund liegt im gesundheitlichen und psychischen Zustand der Geflüchteten. Sie sind zum Teil traumatisiert, sassen jahrelang in Lagern fest. Durchschnittlich beträgt die Aufenthaltsdauer in Flüchtlingslagern des UNHCR 17 Jahre, sagte die noch zuständige Bundesrätin Simonetta Sommaruga kürzlich. Heisst das nun, mittels UNO in die Schweiz geflogene Flüchtlinge sind schwerer zu integrieren als Flüchtlinge, die irregulär in die Schweiz gereist sind? Nein, schreibt das SEM. «Wenn die Integration von Resettlement-Flüchtlingen mit gezielten Massnahmen gefördert wird, haben sie eine sehr viel bessere Chance, sich erfolgreich in den Arbeitsmarkt zu integrieren als ohne.» Ihre Aussicht auf einen Job sei nicht kleiner als bei «normalen» Flüchtlingen.

Das Hauptziel des Programms sei jedoch zu ehrgeizig gewählt worden und deshalb realistischerweise nicht erreichbar, räumt das SEM ein. Das SEM weist darauf hin, dass bei Kindern und Jugendlichen zum Beispiel ja eben gerade nicht das primäre Ziel in der beruflichen Integration liegen könne.

Die umgesiedelten Flüchtlinge litten häufig an Traumata, so das SEM. Und darin liege auch einer der Gründe, weshalb die berufliche Integration bei den vorläufig Aufgenommenen etwas einfacher gelinge. Diejenigen Menschen also, welche die Kriterien für den Status als anerkannte Flüchtlinge nicht erfüllen.