ZÜRICH: Universität Zürich in Erklärungsnot

Die grösste Schweizer Hochschule installierte im Februar einen Webfilter, um Surfer vor sexueller Belästigung durch Erotikinhalte zu schützen. Allerdings kann sie nicht sagen, wie viele Fälle es gab. Kritiker wie der Chaos Computer Club sehen sich bestätigt.

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Henning Steier

Mitte März berichtete die NZZ, dass die Universität Zürich einen Pornofilter für Webinhalte eingeführt hat, der zahlreiche Seiten blockiert, die keine Erotikinhalte zeigen. Die Hochschule liess verlauten, man habe ihn eingeführt, weil verhindern wolle, dass UZH-Angehörige ungewollt mit pornographischen Seiten konfrontiert werden. Gefragt, wie viele Beschwerden es gegeben habe, sagte Sprecher Beat Müller der NZZ damals: «Nicht die Zahl, sondern die konkrete Beschwerden waren Anlass für den Filter.»

Der Chaos Computer Club (CCC) Zürich, welcher die Existenz des Webfilters publik gemacht hatte, bemühte sich seitdem wiederholt darum, eine Antwort auf die Frage zu erhalten, wie viele Beschwerden es gegeben hat. Denn zwar wurde der Filter mittlerweile an den Instituten entfernt. In öffentlichen Bereichen wie zum Beispiel den Bibliotheken blieb die Software jedoch weiterhin im Einsatz. Laut CCC-Sprecher Hernani Marques steht die Frage im Raum, «ob die Hochschule mindestens 48'000 Franken investiert und die Netzfreiheit einschränkt hat, obwohl es augenscheinlich kein Pornografieproblem an der Hochschule gibt».

Keine Zahlen

Nach diversen Nachfragen sagte UZH-Sprecher Beat Müller der NZZ nun: «Wir können leider keine quantitativen Angaben machen, weil solche nicht vorliegen. Mit anderen Worten: Wir haben keine Zahlen dazu, wie viele Fälle von sexueller Belästigung zur Einführung des Webfilters geführt haben.» Hernani Marques fühlt sich in seiner Vermutung bestätigt und sagte der NZZ: «Wir denken, das Handeln der Uni ist ideologisch geprägt: Im Bestreben, ein Blümchenwiesen-Internet zu schaffen, wurde zur Zensurkeule gegriffen.» Die Universität sei den Hochschulangehörigen, doch auch der Öffentlichkeit, die sie massgeblich finanziert, nach wie vor eine Erklärung schuldig, weshalb sie Software- und Hardware-Investitionen in eine umfassende Zensurinfrastruktur getätigt hat.

Tristan Jennings, Co-Präsident des Verbands der Studierenden der Universität Zürich (VSUZH) sieht es ähnlich, wie er der NZZ sagte: «Dass die Universität die Fälle von sexueller Belästigung womöglich nicht quantitativ erfasst hat, würde weitere Fragen aufwerfen, auf welcher Basis die Entscheidung getroffen wurde, den Webfilter einzuführen. Wir werden uns weiterhin für eine besser geeignete und vor allem transparente Lösung einsetzen.» Der VSUZH erhoffe sich auch durch die negativen Rückmeldungen zum Webfilter, dass die Universität auch in Zukunft von solchen vorschnellen Entscheidungen absieht.

Die Universität hat angekündigt, bis zum Sommer eine Lösung finden zu wollen. Vielleicht wird der Pornofilter bis dahin auch Thema im Kantonsrat, denn wie Judith Stofer, Kantonsrätin der Alternativen Liste (AL) Zürich, der NZZ sagte, erwägt sie einen entsprechenden Vorstoss.