ZUGVERKEHR: Der Bund erlaubt Interregio-Halte in der Agglomeration

Der Bund ermöglicht Fernverkehrshalte in den Vorstädten von Bern oder Zürich, wo immer mehr Menschen arbeiten und wohnen. Den SBB geht er zu wenig weit.

Tobias Gafafer
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Ein Zug bei der Einfahrt in den Bahnhof Zürich Oerlikon. (Bild: Manuel Lopez/Keystone (27. Oktober 2016))

Ein Zug bei der Einfahrt in den Bahnhof Zürich Oerlikon. (Bild: Manuel Lopez/Keystone (27. Oktober 2016))

Tobias Gafafer

Viele Unternehmen haben Ar­beitsplätze aus den Zentren in die Aussenquartiere verlagert. In Zürich oder Bern sind neue Stadtteile mit wuchtigen Bürogebäuden entstanden. Das ÖV-Angebot ist zwar gut, das Bahnsystem aber bis heute auf die Hauptbahnhöfe ausgerichtet. Die Fahrt vom Zentrum Zürich Altstettens mit Umsteigen nach Bern etwa dauert fast eineinhalbmal so lang, wie ein Intercity-Zug für die Strecke zwischen den zwei Städten be­nötigt. 2016 wollten die SBB als Premiere versuchsweise einzelne IC-Halte für Pendler in Zürich Altstetten und Bern Wankdorf anbieten. Doch das Bundesamt für Verkehr (BAV) pfiff sie zurück. Es fehle ein Konzept. Nun hat der Bund seine Richtlinien aktualisiert. Vorstadtbahnhöfe von metropolitanen Zentren, darunter Zürich Altstetten und Oerlikon, Bern Wankdorf und Renens bei Lausanne, könnten von Fernverkehrszügen bedient werden. Das schreibt das BAV in der Wegleitung zur neuen Konzession für den Fernverkehr, die ab Ende 2017 gelten soll. Es teilt diesen in ein Premiumnetz, das die Intercity-Züge zwischen den Metropolen umfasst, und ein Basisnetz zur Feinerschliessung auf.

Nicht für Langdistanzpendler

Es gehe um Linien des Basisnetzes, also um den Interregio-Verkehr, sagt BAV-Sprecher Andreas Windlinger auf Anfrage. Möglich wäre etwa der Halt der Züge Bern–Burgdorf–Olten–Zürich in Bern Wankdorf und Zürich Alt­stetten. Dass Fernverkehrszüge Vorstadtbahnhöfe bedienen, ist heute nicht üblich. Eine Ausnahme sind die Interregio von Zürich Flughafen nach Luzern und Basel, die auch in Zürich Oerlikon respektive Zürich Altstetten halten. Die Neuregelung gilt nicht für das Premiumnetz des Fernverkehrs. Der von den SBB geplante Test mit Intercity-Zügen wäre also auch künftig nicht möglich. Das BAV stützt sich dabei auf raumplanerische und wirtschaftliche Überlegungen. Im Vordergrund stehe eher die bessere Anbindung von mittelgrossen Städten an die Metropolitanregionen als attraktivere Verbindungen für Langdistanzpendler, etwa zwischen Zürich und Bern.

Die SBB begrüssen auf Anfrage die Pläne des BAV. Halte in Vorstadtbahnhöfen hätten einen Kundennutzen und würden die Bahnknoten entlasten, sagt Sprecherin Masha Foursova. Diese haben zu Stosszeiten ihre Kapazitätsgrenze erreicht. Die SBB wollen aber, dass auch Linien des Fernverkehrs-Premiumnetzes, also zum Beispiel IC-Züge Zürich–Bern, solche Stationen bedienen können. Pro Bahn geht das BAV ebenfalls zu wenig weit. «Es ist unsinnig, dass nur Fernverkehrslinien des Basisnetzes, nicht aber des Premiumnetzes in Vorstadtbahnhöfen halten ­sollen», sagt Präsidentin Karin Blättler. Tangentialverbindungen könnten die Hauptbahnhöfe entlasten und kürzere Reisezeiten ermöglichen.

Vergebliche Suche nach konstruktiver Lösung

Bisher liegt dem BAV noch kein Gesuch für Halte vor. Die SBB haben aber angekündigt, dass die Linien von Zürich nach St. Gallen und ins Rheintal ab 2018 halbstündlich auch Zürich Oerlikon bedienen sollen. Für Pendler aus der Ostschweiz ergeben sich damit neue Direktverbindungen. Zudem erwägt die Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn (BLS) den Einstieg in den Fernverkehr. Ihr Konzept sieht vor, dass die Linien von Interlaken und Brig über Olten nach Basel und Zürich in Bern Wankdorf halten.

Die BLS und die SBB konnten sich indes nicht auf eine Kooperation im Fernverkehr einigen, obwohl im Februar eine unterschriftsreife Vereinbarung auf dem Tisch lag. Sie sah vor, dass die BLS, die SBB und die Südostbahn (SOB) bis im Juni kon­struktiv eine Lösung suchen. Der machtbewusste SBB-Chef An­dreas Meyer wollte dies aber nicht akzeptieren. Die SOB ist noch mit den SBB im Gespräch, um Linien von Basel/Zürich über die Gotthard-Bergstrecke nach Lugano sowie von Zürich über St. Gallen nach Chur gemeinsam zu betreiben. In der Vereinbarung vom Februar war von einem partnerschaftlichen Interregio-Konzept die Rede. Kommt dieses tatsächlich zustande, könnten SOB-Züge künftig auch in Zürich Oerlikon halten.