ZUWANDERUNG: Eine Grenze in eisigen Zeiten

Immer noch versuchen jede Woche Hunderte von Flüchtlingen von Como durch die Schweiz zu reisen. 80 Prozent werden nach Italien zurückgebracht. Einige landen auf der Strasse.

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Grenzkontrollen in Chiasso. (Bild: Gaetan Bally / Keystone (Chiasso, 23.10.2014))

Grenzkontrollen in Chiasso. (Bild: Gaetan Bally / Keystone (Chiasso, 23.10.2014))

Im vergangenen Sommer sorgte der Strom von Migranten an der Schweizer Südgrenze und das wilde Flüchtlingslager am Bahnhof von Como für Schlagzeilen. Nach der friedlichen Räumung des Bahnhofareals im September und der Einrichtung eines Containercamps durch das Rote Kreuz ist es ruhiger geworden. Verschwunden sind die Flüchtlinge allerdings nicht. «Ihre Zahl ist zwar zurückgegangen, aber dennoch hat sich die Gesamt­situation meiner Meinung nach eher verschlimmert», beklagt sich die Tessiner SP-Grossrätin Lisa Bosia Mirra, die in der Flüchtlingshilfe aktiv ist.

Pro Woche stellt die Schweizer Grenzwacht an der Südgrenze momentan zwischen 400 und 500 «illegale Grenzübertritte» fest. Zum Vergleich: Im letzten Sommer waren es manchmal bis zu 400 täglich. Wie schon letztes Jahr will die Mehrheit dieser ­Migranten die Schweiz durch­queren, um nach Mittel- und Nordeuropa – insbesondere Deutschland – zu gelangen. Nur 20 Prozent stellen einen Asylantrag in der Schweiz. Für 80 Prozent führt der Weg somit wieder zurück nach Italien, gemäss dem Rückübernahmeabkommen.

Die italienischen Zöllner wickeln die Rückübernahmen unter der Woche bis maximal 24 Uhr ab. Das Containerdorf in Como schliesst allerdings bereits um 22.30 Uhr seine Pforten. Als ­Folge bleiben Migranten nachts ­obdachlos auf der Strasse. Dazu kommen Flüchtlinge, die sich unter Umständen am Abend von Mailand auf den Weg nach Como machen und dort stranden.

Freiwillige helfen Migranten

Da sich die Behörden nachts nicht um diese Flüchtlinge kümmern, ist eine Freiwilligenorganisation in die Bresche gesprungen. Nacht für Nacht fahren junge Italiener entlang der Grenze einige Hotspots ab, wo sie obdachlose Migranten vermuten. Die Initiative trägt den Namen «Accoglienza fredda» (kalter Empfang). Dass es sich nicht um Einzelfälle handelt, zeigt die Statistik des Netzwerks «Comosenzafrontiere» (grenzenloses Como). In der Nacht auf den 12. Januar wurden bis 4 Uhr morgens 46 Migranten «eingesammelt», darunter zwei Minderjährige. Bei minus 3 Grad Celsius. Einige Tage zuvor waren es in einer Nacht sogar 66.

Die Freiwilligen bringen sie in die Pfarrgemeinde von Rebbio bei Como, wo Pfarrer Don Giusto della Valle ein provisorisches Lager eingerichtet hat. Der Flüchtlingspfarrer hat die Schweiz schon hart kritisiert, weil sie spät in der Nacht Flüchtlinge wieder nach Italien schickt. Auch der Stadtpräsident von Como, Mario Lucini, stimmte in die Kritik ein. Caritas-Chef Roberto Bernasconi ist hingegen überzeugt, dass ein Grossteil der Flüchtlinge mittlerweile von Schleppern nachts nach Como gebracht wird. Gemäss Bernasconi ist das offizielle Zentrum des Roten Kreuzes oft nur zu einem Drittel belegt, weil die Migranten Angst vor einer Erfassung hätten. Bei der Grenzwacht wird die gängige Praxis der Rücküberweisung verteidigt. Flüchtlinge, die nicht unmittelbar nach Italien zurückgebracht werden, können für eine Nacht im Übergangsheim in Rancate TI bleiben. Dort wird ihnen auch eine Mahlzeit angeboten.

Wie die Kantonspolizei erklärt, ist die Zahl der dort beherbergten Personen rückläufig. Im Oktober 2016 waren es 1439 Personen, im November 1195 und im Dezember 918. Im Durchschnitt hielten sich 30 Personen pro Nacht dort auf. Die Spitzen werden am Wochenende erreicht, wenn wegen der geschlossenen Zollbüros der Italiener keine Rücknahmen durchgeführt werden können.

 

Gerhard Lob/Chiasso