ZWEITE GOTHARDRÖHRE: Die Kommentatoren bangen um den Alpenschutz

Das Ja zu einer zweiten Gotthardröhre birgt für viele Schweizer Zeitungskommentatoren eine Gefahr für den Alpenschutz. Aus ihrer Sicht steht eine Öffnung aller vier Fahrspuren zu befürchten, wenn nach dem Tunnelbau die heutigen Verantwortlichen kaum noch aktiv sind.

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Ein Lastwagen fährt im Gotthard Strassentunnel in Richtung Süden. (Bild: Keystone / Christian Beutler)

Ein Lastwagen fährt im Gotthard Strassentunnel in Richtung Süden. (Bild: Keystone / Christian Beutler)

«Tages-Anzeiger» / «Der Bund»: «Zwei Jahrzehnte lang galt der von der Alpeninitiative geprägte Imperativ: So viel Transitverkehr wie möglich soll auf die Schiene, mehr Strassen durch die Alpen gibt es nicht. Diese Ära geht mit dem heutigen Tag zu Ende. Durch den zweiten Gotthardtunnel wird sich die Zahl der Fahrspuren auf der wichtigsten Nord-Süd-Passage verdoppeln. (...) Es ist nach Abstimmungskämpfen üblich, die Sieger an ihre Versprechen zu erinnern. Das würde hier heissen: Bundesrat und Parlament müssten den Einspurbetrieb der beiden Röhren eisern verteidigen. Bloss: In 20, 30 oder 40 Jahren wird sich niemand mehr für den Abstimmungskampf vom Frühjahr 2016 interessieren.»

<strong>&laquo;Neue Luzerner Zeitung&raquo;</strong>: «Für die Zustimmung gibt es gute Gründe. Mit Tunnel ohne Gegenverkehr verschwindet das Risiko von Frontalzusammenstössen. Das Ja garantiert auch eine permanente Strassenverbindung zum Kanton Tessin. (...) Und die Furcht vor der Gefahr für die Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene und dem geritzten Alpenschutz? Diese Argumente stachen nicht. Der Grund liegt auf der Hand: Diese Punkte standen entgegen den Beschwörungen der Gegner gar nicht zur Disposition. Der Anteil des Güterverkehrs auf der Schiene nimmt heute schon zu; der neue Gotthard-Basistunnel dürfte diesen Trend verstärken. Der Alpenschutz wird respektiert, indem in beide Richtungen nur je eine Spur geöffnet wird. Falls dies unsere Enkel ändern möchten, braucht es eine neue Volksabstimmung.»

«Berner Zeitung»: «Der grosse Verlierer dieser Abstimmung ist der Alpenschutz. Auch wenn mit der Neat die Möglichkeit besteht, alpenquerende Güter auf die Schiene zu verladen, wird mit dem Bau einer zweiten Röhre der Untergang des Alpenschutzes eingeläutet. Da vermögen die Beteuerungen von [Verkehrsministerin Doris] Leuthard, die Kapazität werde nicht erhöht und die beiden Röhren nicht vollständig geöffnet, nichts daran zu ändern. Nur schon mit einspurig befahrenen Tunneln wird mehr Verkehr durch den Gotthard donnern - da sind sich Verkehrsexperten einig. Und es ist absehbar, dass wohl noch vor der Eröffnung der neuen Röhre Vorstösse dazu lanciert werden, diese vollständig den Autos und Lastwagen preiszugeben.»

«Blick»:«Am Anfang des Ja zur zweiten Gotthardröhre steht ein grosses Versprechen von Bundesrätin Doris Leuthard: Trotz zweier Röhren bleibe es bei nur je einer Fahrspur. Am Alpenschutz-Artikel werde nicht gerüttelt. An diesem Versprechen müssen sich die Tunnelfreunde nun messen lassen. Denn ist der zweite Tunnel einmal gebaut, wird der Druck auf eine Öffnung aller vier Spuren früher oder später steigen. Dann müssen auch die heutigen Ja-Sager Gegensteuer geben. Sonst ist die 20-Milliarden-Investition in die Neat für die Katz.»

«Neue Zürcher Zeitung»: «Mit dem Ja zu dieser Lösung wurde die Chance vertan, den bestehenden zeitlichen Spielraum auszunützen und noch einmal über die Bücher zu gehen, um eine Lösung zu finden, die ohne Bau einer zweiten Röhre auskommen würde. Solche Optionen standen im Raum, wurden aber, wie der Ansatz eines temporären Verlads von Autos und Lastwagen auf die Bahn, in einem Stadium belassen, in dem sie sich in der Diskussion vor allem als unpraktikable Drohkulisse vorführen liessen. Eigentlich auf der Hand liegende Varianten, wie eine Sanierung in Nachtsperren unter Einbezug des bestehenden Sicherheitsstollens, wurden gar nicht näher konkretisiert. Solche Lösungen hätten wesentlich geringere Kosten verursacht und damit Mittel in Milliardenhöhe freigespielt, die sich auf den zahlreichen stärker belasteten Abschnitten des schweizerischen Nationalstrassennetzes sinnvoller einsetzen liessen.»

«St. Galler Tagblatt»: «Es wäre falsch, das Resultat nun als Dammbruch zu interpretieren. Das gestrige Ja ist vorderhand kein Nein zum Alpenschutz und zur Verlagerung des Transitverkehrs auf die Bahn. Die Befürworter sind am Versprechen zu messen, dass die zweite Röhre nicht voll genutzt wird. Bloss: Der Druck für die Öffnung von vier Spuren wird früher oder später wachsen. Verkehrsministerin Doris Leuthard wird dann nicht mehr im Amt sein. (...) Der vom Volk bisher bestätigte Alpenschutz dürfte künftig einen schwereren Stand haben.»

«Nordwestschweiz» / «Südostschweiz»: «Anstatt weiterhin schwarz zu malen und Verfassungsbrüche zu unterstellen, die sowieso nicht vor 2030 eintreten könnten, sollten sich die Verlierer an der guten Nachricht des gestrigen Tages freuen: Die Allianz der Verlagerungsbefürworter ist breit - und wahrscheinlich durch die Abstimmung sogar noch gewachsen. Nicht nur der Bundesrat hat versprochen, Hand zu bieten, indem er die Abgabe für Lastwagen erhöhen will. Auch die Auto-Lobby will die Verlagerung der Güter auf die Schiene vorantreiben. Namentlich SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner hat sich zur Neat bekannt. Die Schweiz habe nicht Milliarden von Franken für die Neat umsonst ausgegeben, so der Aargauer Fuhrhalter.»

Watson:«Die Auseinandersetzung um die Gotthardsanierung hätte zum grossen symbolischen und polemisch umstrittenen Zankapfel zwischen Rechts und Links, Bürgerlich und Grün werden können, doch die Gegenkampagne hat nie richtig Fahrt aufgenommen, da die linken Kreise zu sehr damit beschäftigt waren, die Durchsetzungsinitiative abzuwehren.»

sda