Grenchen

100 Jahre Stadtorchester: Mit Musik durch Höhepunkte und Krisen

Das Stadtorchester Grenchen wird 100-jährig. Eine Festschrift schaut auf glorreiche Zeiten zurück.

Andreas Toggweiler
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Das Grenchner Stadtorchester heute
10 Bilder
Der legendäre Orchesterleiter Wilhelm Steinbeck am Klavier
Konzert unter der Leitung von Yehudi Menuhin
Konzertprogramm des ersten Konzerts 1920
Kulturpreisverleihung 2016
Bilder aus der 100-jährigen Geschichte des Stadtorchesters Grenchen
Plakat der Internationalen Musikwoche 2000
Probenplan 1925
Stadtorchester 1866
Violinist Yehudi Menuhin im Parktheater.

Das Grenchner Stadtorchester heute

zvg Stadtorchester Grenchen

Das Stadtorchester Grenchen kann dieses Jahr sein 100-Jahre-Jubiläum als Verein feiern. Aus diesem Anlass wurde eine Festschrift herausgegeben und das Orchester tritt dreimal zusammen mit anderen Musikvereinen der Stadt auf.

«Wir wollen im Jubiläumsjahr die Bedeutung der anderen Musikvereine und der Musikschule für das Stadtorchester unterstreichen. Denn schon früher hat es immer wieder gemeinsame Auftritte gegeben», erklärt Rolf Beyeler, längjähriges Mitglied und Archivar des Stadtorchesters. Er, der seit nunmehr 60 Jahren im Orchester mitspielt, hat zusammen mit Claudia Dahinden, Autorin der Festschrift, die 100jährige Geschichte des Vereins aufgearbeitet.

Rolf Beyeler, Archivar des Stadtorchesters Grenchen und Claudia Dahinden, Autorin der Festschrift, präsentieren die neue Jubiläumsbroschüre

Rolf Beyeler, Archivar des Stadtorchesters Grenchen und Claudia Dahinden, Autorin der Festschrift, präsentieren die neue Jubiläumsbroschüre

Oliver Menge

Eine Fülle von Archivmaterial gesichtet

Dazu habe man auf ein gut dokumentiertes Archiv zugreifen können, das Beyeler teilweise bei sich zu Hause pflegt. Weitere Dokumente wie das Notenarchiv sind im Haldenschulhaus gelagert, im Zwinglihaus und vereinzelt noch im Stadtarchiv.

Claudia Dahinden hat sich im Sommer des vergangenen Jahres an die Arbeit gemacht und konnte eine Fülle von geschichtlichem Material zusammentragen. Auch etwas «Oral History» wurde betrieben, mit älteren Mitgliedern des Stadtorchesters. «Wir konnten gar nicht alles für die Broschüre verwenden», meint Dahinden. Dafür erhielt man vom Kultur-Historischen Museum die Möglichkeit, eine Sonderausstellung zu gestalten, welche vom 20. August bis 19. Dezember im Dachstock des Museum zu sehen sein wird.

Anfang mit Hausmusik der Uhrenpatrons

Die Wurzeln des Orchesters reichten bis tief ins 19. Jahrhundert zurück, als sich zwischen 1864 und 1866 in den Stuben von Urs Schild-Rust und Adolf Schild-Hugi, Söhnen des Uhrenpioniers Anton Schild, regelmässig rund ein Dutzend Musikanten zur Probe, um Messen zu begleiten und lokale Gesangsvereine bei ihren Auftritten zu unterstützen. «Das Schicksal des Orchesters war eng mit demjenigen der Uhrenindustrie verbunden - ging es dieser Gut, florierte auch das Orchester und umgekehrt», fasst Dahinden die weitere Entwicklung zusammen. Als offizieller Verein unter dem ersten Präsidenten Leo Gaugler wurde das Stadtorchester aber erst 1920 konstituiert. Erster Dirigent wurde Karl Bock, vormals erster Geiger der Wiener Oper und k.u. k. Kapellmeister. Er leitete das Stadtorchester volle 40 Jahre lang bis 1960 und bis 1954 auch die Musikschule.

Unbeirrt führte er das Orchester durch das Auf- und Ab der (Zwischen-)Kriegsjahre. Zum 25-Jahre-Jubiläum gastierte Bock beispielsweise mit dem Stadtorchester im Kursaal Interlaken. Auch zur Eröffnung des Parktheaters konnte das Stadtorchester als erster Verein überhaupt auftreten - mit Beethoven.

Zunehmend machten sich danach aber Ermüdungserscheinungen bei den Musikern breit. Das Bedürfnis nach neuen musikalischen Impulsen wurde angemeldet.

Die glorreiche Zeit unter Wilhelm Steinbeck

Am 23. September 1959 wurde der erst 33-jährige Leiter der Musikschule und Kapellmeister Wilhelm Steinbeck zum Dirigenten gewählt. «Unter ihm erlebte das Stadtorchester die glorreichsten Zeiten», erinner sich Rolf Beyeler.

Das Geld der Uhrenpatrons floss reichlich und man konnte grosse Namen als Solisten und viele Profis für das Orchester engagieren. Im Rahmen eines Gastauftritts wurde Yehudi Menuhin Grenchner Ehrenbürger (weil Gstaad/Saanen anfänglich zögerte) und verdankte dieses Entgegenkommen der Stadt mit der Menuhin-Stiftung. Die Mitte der 1970er-Jahre einsetzende Uhrenkrise führte auch beim Stadtorchester dazu, dass die Ambitionen und vor allem auch das Budget gesenkt werden mussten. Dirigent Steinbeck wollte den Sparkurs aber nicht mittragen und demissionierte in der Folge. Weitere Dirigenten waren Bruno Goetze (1977-1991), Rudolf E. Baumann (1991-2009), Daniel Polentarutti (2009- 2017) und Ruwen Kronenberg, der die Formation seit 2017 leitet.

Musikalischem Neuorientierung

Mit Kronenberg wurde auch eine musikalische Neuorientierung eingeleitet, insbesondere eine engere Zusammenarbeit mit der Musikschule Grenchen (wo Kronenberg unterrichtet). Mit ein Auslöser dieser Entwicklung war auch eine gewisse Überalterung des Orchesters gewesen, da der musikalische Nachwuchs zunehmend fehlte.

«Wir sind jetzt zumindest, was die Streicher betrifft, auf einem soliden Kurs», meint Beyeler. Das fehlende Interesse an Blasinstrumenten heutiger Jugendlicher könne man aber nicht von einem Tag auf den andern beseitigen. Dazu brauche es mitunter auch Impulse aus den Elternhäusern.

Hinweis
Auftritte des Stadtorchesters: 28. und 29. März im Parktheater mit Männerchor Canta Gaudio ; 13. Juni im Stadtpark mit Musikschulen Grenchen und Bettlach sowie Jodlerclub Bärgbrünnli; 14. November Herbstkonzert mit der Stadtmusik Grenchen (Parktheater). Die Festschrift ist an den Konzertauftritten erhältlich.