Kirchenkitsch

Der Sakristei-Estrich birgt weder Kunst noch Krempel

«Kirchenkitsch» hiess der Anlass, der das Publikum zahlreich anlockte: Einst geschätzt und zu einem besonderen Zweck hergestellt gab es irgendwann keine Verwendung mehr für den «Kitsch».

Lucien Fluri
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Kirchenkitsch Grenchen

Grenchner Tagblatt

Die Kapelle der Eusebiuskirche war bis auf den letzten Platz besetzt, die Stimmung gespannt, als Pfarrer Mario Tosin zwei Marienstatuen auf den Altar stellte. «Rein stilmässig...», begann der Pfarrer, machte eine Pause, atmete tief und das Publikum in der Kapelle lachte laut.

Es war nicht der kostbare Kirchenschatz, den Mario Tosin und Angela Kummer am Freitagabend vorführten. «Kirchenkitsch» hiess der Anlass, der das Publikum zahlreich anlockte: Einst geschätzt und zu einem besonderen Zweck hergestellt gab es irgendwann keine Verwendung mehr für den «Kitsch». Kirchenrituale gingen verloren, der Geschmack änderte sich, die Objekte landeten auf dem Estrich der Sakristei.

«Wertvoll» sind sie trotzdem: Für einige Leute, weil sie eine persönliche Beziehung zum Gegenstand haben. Für Angela Kummer, Leiterin des Kultur-Historischen Museums, sind sie als Geschichtenträger von Bedeutung. «Sie haben möglicherweise eine Geschichte zu einem der Gegenstände» wandte sich Kummer an das Publikum. «Vielleicht gibt es Leute, die noch wissen, wo und wozu ein Gegenstand gebraucht wurde.» Zum 200-Jahr-Jubiläum der Eusebiuskirche 2012 ist eine Ausstellung im Kultur-Historischen Museum geplant.

«Don Camillo» entfuhr es einigen Besucher spontan, als Mario Tosin genau eine solche Mütze vorzeigte, wie sie Fernandel als italienischer Pfarrer in den Schwarz-Weiss-Filmen der 1950er-Jahre trug. Bald war das Eis gebrochen; rege beteiligte sich das Publikum mit Tipps und Vermutungen zum ehemaligen Zweck der gezeigten Objekte.

Im Publikum gab es durchaus Fachleute: «Wer war selbst einmal Ministrant?», fragte Mario Tosin und einige Hände gingen in die Höhe. Der Baldachin für die Fronleichnamsprozession oder die Hand-Stola des Pfarrers waren dem Publikum bekannt. Klar war auch der Zweck der Tafeln, die früher am Hochaltar angebracht waren: Sie dienten dem Pfarrer als Spickzettel, als dieser die Messe noch mit dem Rücken zu den Kirchenbesuchern zelebrierte.

Nicht alles konnte geklärt werden

«Jetzt wird es komplizierter», sagte Angela Kummer, als sie eine Purpurdecke zeigte. Ob diese einst das Aufbahrungsgestell für die Särge verhüllte, die Knie der Kirchgänger auf der Kommunionsbank schützte oder den Altar bedeckte: Das Publikum war sich nicht einig. Auch die Herkunft zweier Familienwappen konnte nicht geklärt werden. Ihr Marmor erwies sich als Holzimitation, am Gold auf den Wappen hat kein Goldschmied etwas verdient.

Waren sie einmal Teil eines Altars und verwiesen auf die Stifterfamilien Rüefli und Fluri? Niemand wusste, was es mit ihnen auf sich hat. Lateinkenntnisse verlangte ein Marienbild aus den 1930er Jahren, das mit einem Missionsorden nach Grenchen gekommen sein könnte.

Am Ende der Veranstaltung durften die Besucher auf dem Estrich der Sakristei Schubladen öffnen und deren Inhalt inspizieren. Sogar den ehemaligen Hochaltar aus den 30-er Jahren konnte man bestaunen: Heute ist dieser im Glockenturm eingemauert, während seit den 70er-Jahren wiederum das originale, im Bachtelen gefundene Bild den Hochaltar ziert. Ganz am Ende zeigte sich, dass auch Pfarrer Mario Tosin noch nicht alle Kästen und Schubladen geöffnet hat. Für eine Zweitauflage der gelungenen Veranstaltung könnte noch Material vorhanden sein.