Grenchen

Gesamtschulleiter zum Schulstart: «Wir haben das Machbare angestrebt ...»

Der Grenchner Gesamtschulleiter Hubert Bläsi zum «virtuellen Schulbeginn» nach zwei Wochen Frühlingsferien.

Andreas Toggweiler
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Leere Velostation beim Primarschulhaus Eichholz.

Leere Velostation beim Primarschulhaus Eichholz.

Hanspeter Bärtschi

Am Montag hat in Grenchen die Schule wieder begonnen. Bereits letzte Woche haben die Lehrerinnen und Lehrer gearbeitet, damit die Schüler diese Woche mit dem Fernunterricht wieder loslegen konnten.

Es war ein Schulstart nach den Ferien, wie es ihn bis anhin noch nie gegeben hat. Er fand in den Wohnungen in Grenchen statt, wo die Kinder per Internet wieder Kontakt mit ihren Lehrkräften aufgenommen haben.

Zudem haben sie gestaffelt Material in den Schulhäusern abgeholt. Inzwischen ist ziemlich klar, dass in der Volksschule das Interregnum des Fernunterrichts am kommenden 11. Mai ein Ende hat. Wir stehen somit in der Mitte von zwei gleich langen Tranchen dieses speziellen Regimes.

Es gibt keine Vergleichsmöglichkeiten

Die Halbzeitbilanz von Gesamtschulleiter Hubert Bläsi: «Es ist aus meiner Sicht bisher relativ gut gelaufen – auch wenn ich eigentlich keinerlei Vergleichsmöglichkeit habe», meint Bläsi. Die neue Unterrichtsform habe man in kürzester Zeit aufbauen müssen. «Die Situation war für alle neu: für Eltern, für Kinder, wie auch für Lehrkräfte gleichermassen.»

Geholfen habe sicher, dass der Befund aufgrund der Behördenvorgaben alternativlos war – es also gar nicht erst zu Diskussionen kam. «Wir haben das Machbare angestrebt, und das möglichst gut umzusetzen versucht.»

Die Situation habe bei den Lehrkräften einiges an Kreativität ausgelöst, was ihn sehr gefreut habe, betont Bläsi. So hat eine Schulklasse aus dem Kochen einer Mahlzeit ein Projekt gemacht: Vom Budgetieren und Menu planen übers Einkaufen, Zubereiten und Kochen bis zum Präsentieren, Feedback einholen und zur Dokumentation des Prozesses auf dem Computer. All das war ein gutes Beispiel von fächerübergreifendem Unterricht. In einer anderen Klasse haben sich die Kinder per Video darüber geäussert, wie es ihnen so geht in Zeiten von Corona. Davon später.

Nicht genügend Computer in allen Haushalten

Eine Herausforderung war die Kommunikation. «Wenn man sieht, wie schwierig es manchmal in normalen Zeiten schon ist, bloss eine Schulreise abzusagen...» Die Lehrkräfte mussten mit einer Klasse kommunizieren und das innerhalb gewisser Zeitfenster. Eine Richtlinie war ein 33-seitiges Papier des Kantons, dem man nach Möglichkeit nachgelebt habe.

Nach Möglichkeit, wie Bläsi betont. Denn wenn man sich zum Ziel setze, dass sich alle Kinder um 8 Uhr früh im virtuellen Klassenzimmer versammeln, stosse man da in Familien mit mehreren Kindern und womöglich Eltern im Homeoffice, verständlicherweise bald einmal an technische Grenzen. Denn nicht jedes Kind kann zu jeder beliebigen Zeit an den Computer. Vereinzelt wurden ältere Computer aus der Schule ausgeliehen. Zum Glück seien Familien nur selten gänzlich ohne Internetanschluss. «Da haben wir uns halt mit der Briefpost beholfen.» Ein Fixpunkt, an dem man überall festhalte, sei, dass die Lehrkraft jede Woche mindestens einmal mit jedem Kind der Klasse direkt telefonieren könne.

romotionsrelevante Prüfungen gibt es während der Homeschooling-Phase nicht. Es werde aber teilweise mit Testbögen gearbeitet, mit denen die Kinder ihr Wissen selber überprüfen können. Daneben werden gelöste Aufgaben abgegeben und korrigiert – einfach nicht physisch, sondern im Internet. Technisch wird primär mit dem Speicherdienst OneDrive und mit der Microsoft- Software Teams gearbeitet, bisweilen auch mit Whatsapp-Gruppen für Eltern.

Die Schule habe sehr viele Angebote für informatische Dienstleistungen erhalten, ist Bläsi aufgefallen. Da sei es mitunter auch einfach ums Geschäft gegangen. Manche verlockende (Gratis-)Lösungen seien hinsichtlich des Datenschutzes problematisch. Gut habe bisher die Zusammenarbeit mit den Informatikdiensten der Stadt geklappt.

Die Lehrkräfte selber hätten etwa die Hälfte der Arbeitszeit zu Hause, die andere Hälfte in den Schulzimmern ihrer Schulhäuser verbracht, schätzt Bläsi. Letztere Lösung habe den Vorteil, dass man vereinzelt Kolleginnen oder Kollegen antreffe, was Absprachen (unter Berücksichtigung der BAG Vorgaben) vereinfache.

Bläsi betont, dass dies alles nur dank enormer Zusatzanstrengungen der Beteiligten möglich sei. «Es ist für uns alle ein Quantensprung im digitalen Lehren und Lernen», so seine Bilanz.
Elternseitig habe man zudem beobachten können, dass man sich angesichts der Herausforderung zusammentue. «Beispielsweise war uns nicht bewusst, dass zwar viele einen Computer haben, aber längst nicht alle einen Drucker. Da hat sich dann mancherorts eine Art von Nachbarschaftshilfe etabliert.»

Aufteilung von Klassen käme nicht in Frage

Gespannt blickt Bläsi auf die Zeit nach dem 11. Mai voraus. Hier wartet man nun auf die neuen Richtlinien des Kantons für die Wiederaufnahme des Unterrichts. Dass es in einem Schulzimmer kaum möglich sein wird, einen Zwei-Meter-Abstand einzuhalten, hat dabei schon Bundesrat Berset am Montag festgehalten und von «pragmatischen Lösungen» gesprochen.

Kaum in Frage kommt für Bläsi die Aufteilung von Klassen: eine Hälfte in der Schule, die andere im Fernunterricht. «Das wäre für eine Lehrperson schlicht nicht mehr zu bewältigen», befürchtet er. Denn sie müsste quasi zwei Klassen gleichzeitig mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen unterrichten.
Wie geht es nun aber den Schülerinnen und Schülern? – «Dass viele und vor allem jüngere Kinder darauf ‹plangen›, wieder in die Schule gehen zu dürfen, ist eine Tatsache, dasselbe gilt notabene auch für die Lehrpersonen», meint Bläsi. Denn Schule, das sei nicht nur lernen, das sei auch Begegnung, Austausch, Kreativität und Emotionen. Und dass viele Kinder das vermissen, sei nicht verwunderlich, aber doch auch schön.