Grenchen

Organist vor «Pfingstkonzert zu Coronazeiten»: «Das Risiko, dass etwas nicht klappt, ist durchaus da»

Organist Eric Nünlist plant eine gemischte Live-Youtube-Performance von der Eusebiuskirche aus. Die Orgel ertönt auf Youtube, die Glocken gibts live dazu.

Andreas Toggweiler
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Eric Nünlist im Glockenstuhl der Eusebiuskirche Grenchen

Eric Nünlist im Glockenstuhl der Eusebiuskirche Grenchen

Andreas Toggweiler

Die katholische Eusebiuskirche von Grenchen hat heute sieben Glocken. Die vergleichsweise üppige Ausstattung dürfte als Nachrüstung entstanden sein, nachdem die Reformierten mit der Zwinglikirche (4 Glocken) die Katholiken mit ursprünglich 3 Glocken übertrumpft hatten.

Der Kulturkampf ist längst vergessen und Eric Nünlist, Organist bei den Reformierten, hat jetzt zusammen mit Albert Knechtle, Organist der Eusebiuskirche, ein originelles Projekt zu Pfingsten auf die Beine gestellt, das gleichzeitig der gegenwärtigen Corona-Situation Rechnung trägt. Am Dienstag orientierte Nünlist die Medien über die Details.

Die Glocken haben es ihm angetan

Neidlos anerkennt er das schöne Eusebius-Glockengeläut, das jede Viertelstunde einen Teil einer Melodie spielt, bis auf die volle Stunde vor dem Stundenschlag, das ganze Thema erklingt. Es gemahnt an den Londoner Big Ben und wird vollkommen mechanisch von einer Stiftwalze im Kirchturm gesteuert.

«Obwohl ich in erster Linie Organist bin, haben es mir die Glocken angetan», bekennt Nünlist. So hat er schon 1994 eine Formation gegründet, die mit amerikanischen Handglocken unterwegs ist. Später hat er dann das «Glockenbeiern» entdeckt, eine Tradition aus Holland, die zurzeit eine Renaissance erlebt – auch in der Schweiz. 2015 spielte er «auf» den elf Glocken der St. Ursen Kathedrale in Solothurn, 2018 in Luzern und 2019 in Sursee. «Und 2020 wollen wir das ganze in Grenchen unter Einbezug von Youtube ausprobieren», freut sich Nünlist. Denn die Coronakrise mit Versammlungsverbot ruft für ihn geradezu nach innovativen Projekten, auch bei der Kirchenmusik.

Und das geht so: Während Albert Knechtle auf der Orgel der Eusebiuskirche Stücke und Tonsequenzen spielt, die auf Youtube aufs Handy oder Tablet übertragen werden, spielt Nünlist auf den 7 Glocken der Eusebiuskirche einen Part dazu, den man direkt bei geöffnetem Fenster mithören kann. Die pentatonisch gestimmten Glocken der Eusebiuskirche (A-C-D-E-G, A und C doppelt) erlauben Improvisationen ohne schräge Töne. «Versuchen Sie mal auf dem Klavier nur die schwarzen Tasten zu Spielen – das ist Pentatonik», erläutert Nünlist. Eine raffinierte Digitaltechnik (Tontechniker: Michael Rubi) erlaubt die Kompensation der Laufzeitunterschiede des Tonsignals sowohl zwischen Organist und Glockenspieler, als auch für die Übertragung im Internet. Denn dieses überträgt die Signale bekanntlich verzögert. Aus dem Klangteppich der Orgel und den Glockentönen soll dann ein «Pfingstkonzert zu Coronazeiten» entstehen.

«Das Risiko, dass etwas nicht klappt, ist durchaus da», räumt Nünlist ein. Nicht aufgrund der Verkabelung in der Kirche, sondern wenn das Internet beispielsweise an diesem Tag langsamer ist, als sonst. «Aber wir wagen es trotzdem – no risk, no fun!».

Die Geschwindigkeit des Schalls

Aufwändig dürfte sich auch die Montage der Seilzüge und Umlenkrollen zu den sieben Eusebius-Glocken gestalten. Um den Klöppel der grössten Glocke anzuschlagen, muss Nünlist sein Körpergewicht hineinlegen.

Auch nicht überlisten lässt sich die Physik des Schalls. Bei konstanter Verzögerung durch das Internet sollten die Töne in einer Entfernung von rund 300 Meter vom Kirchturm am besten mit der Youtube-Übertragung synchronisiert sein. Dies, weil der Schall nun mal nur 330 Meter pro Sekunde zurücklegt.

Um die Glocken gut zu hören könne man in diesem Perimeter (vgl. Karte unten) auch einen Spaziergang machen, meint Nünlist - "natürlich unter Wahrung der Corona-Distanz", wie er anfügt. Eine Versammlung vor der Eusebiuskirche wäre erstens verboten und würde zweitens auch nichts bringen. "Hier sind der Orgelklang und die Glocken nicht synchron." Im Bereich bis Däderizstraasse/Ebosa/ Zwinglikirche/Lidl/Girardstr./Parktheater sollte es keine Probleme geben. "Möglichst direkte Sichtverbindung zum Kirchturm haben.", rät Nünlist.

Die rund 30-minütige Übertragung findet am Pfingstsonntag, 31. Mai um 11.30 Uhr statt. Der Stream ist auf www.wort-zur-zeit.ch abrufbar, wo später auch ein Video aufgeschaltet wird. Pfarreileiterin Gudula Metzel wird eine kurze Pfingstbotschaft beisteuern. Dagobert Cahannes wird den Anlass moderieren.

In rund 300 Meter Entfernung sollen Glockenklang und Orgel synchron sein.

In rund 300 Meter Entfernung sollen Glockenklang und Orgel synchron sein.

zvg