Solothurn
Das Verquere an ihren Werken lauert dahinter

Nancy Wälti zeigt ihre Werke «Verquer» im Kunstmuseum Solothurn erstmals in einer Einzelausstellung.

Angelica Schorre
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Ausstellung von Nancy Wälti im Kunstmuseum Solothurn
13 Bilder
Vue 2009, Gips, Lackspray, Tusche
Versteck 2008, Gips, 5-teilig
remains under construction, Mausmatten. 32-teilig
Rating, Phosphorbronze, 2017
Knäuel 2014, Tisch, Fleischwolf, Ton
Leck 2010, Gips, Schaufel
Illusion 2014, Laternen, Spiegel, 3-teilig
Auf Nadeln 2012, Holz, Lackspray, Nadeln
Block 2010, Holz, Aschenbecher, Lackspray
Blind Model, 2012, Schleifpapier auf Glas
am Stamm, 2017,
absorbent, 2010, Reinigungsschwämmee 468-teilig

Ausstellung von Nancy Wälti im Kunstmuseum Solothurn

Hanspeter Bärtschi

Reinigungsschwämme, Holzklöpfel, Spannfeder, Abfalldeckel und vieles mehr: Alltägliche Gegenstände – wie zufällig gefunden – stehen im Team oder alleine für sich, greifen in Installation und Darstellung tastend um sich, bekommen in ihrer Verfremdung ihre eigene erstaunliche, komische, ernste Geschichte.

In die Hand genommen hat sie die Künstlerin Nancy Wälti, die ihre Werke im Kunstmuseum Solothurn zum ersten Mal in einer Einzelausstellung zeigt. Und was wären Geschichten ohne Titel? Nancy Wälti setzt die Titel ihrer Werke mit scheinbarer Leichtigkeit und Sprachwitz – oft allerdings schrammt dann die Aussage über jede Gefälligkeit hinweg. «Verquer» heisst die Ausstellung im Parterre West: Verquer sein, quer zum Alltäglichen sein, tut dem Betrachtenden gut.

Hommage an Gunter Frentzel (1935–2017)

Im grössten Saal des Parterres widmet das Kunstmuseum Solothurn dem am 25. März 2017 verstorbenen Solothurner Künstler Gunter Frentzel eine Hommage. Diese Würdigung mit fünf Skulpturen aus dem Museumsbestand und einem Spätwerk aus dem Nachlass ist ein verdienter Dank an eine Persönlichkeit, die nicht nur einen wichtigen Beitrag zum skulpturalen Schaffen der Schweiz geleistet hat, sondern sich auch stets für das Wohl der hiesigen Künstlerschaft engagiert hat. 1990 und 2011/12 waren Gunter Frentzels Werke in Einzelausstellungen im Kunstmuseum zu sehen. 1999 erhielt er den Kunstpreis des Kantons Solothurn. Neben seinen Skulpturen wird er auch dank seiner für die Retrospektive von 2011 realisierten Laser-Arbeit in Erinnerung bleiben. Mit öffentlichen und privaten Mitteln konnte der Erhalt der Licht-Zeichnung, die als Dreieck am Nachthimmel über dem Museumspark erscheint, für immer gesichert werden. (MGT)

Thema «Paarbeziehungen»

Es war einmal eine Spannfeder: Sie scheint – versteckt in einem Rohr – oben und unten stramm befestigt zu sein. Doch sie ist durchtrennt, starke Magnete halten im Innern die Spannung aufrecht. Das Objekt «Spannung» gehört zum Thema «Paarbeziehungen» wie auch die drei mit Essig und Öl behandelten Papierbilder Gedankenfreiheit zur «Ménage à trois» geben – Essig und Öl gehören zu jeder Restaurant-Ménage.

Es waren einmal ein paar Holzklöpfel: Doch ihre Zeit als Werkzeug ist vorbei. Wie von einem Biber wurden sie bearbeitet, der hart «am Stamm» blieb, so der Titel. Umgekehrt zu einer Personengruppe arrangiert, scheinen sie sich mit ihrem neuen Dasein abgefunden zu haben.
Es war einmal ein Reinigungsschwamm, der nun mit 467 weiteren Artgenossen einen Rundturm bildet.

«Absorbent» (saugfähig) heisst das Gebilde, das trutzig zusammengefügt um seine Eigenart zu wissen scheint – und äusserst vorsichtig wirft man einen Blick in das Innere des Turmes. Es waren einmal zwei Abflussstöpsel, die, wie U-Boot-Periskope an die Wand montiert, nun heftig weinen. «Vue» heisst die Installation – die Augen haben schon alles bis zum Überfluss gesehen.

Es war einmal in der Verenaschlucht: Jedem Solothurner ist der glückverheissende Griff im Felsen der Schlucht bekannt. Doch der «Wunschklotz» von Wälti zeigt nicht den Abdruck einer sich am Felsen festhaltenden Hand, sondern den einer geballten Faust: Hier zürnt nicht der Himmel. Und auch der Titel «Versteckt» der Geschichte der auf dem Boden arrangierten Abfalldeckel hält scheinbar nicht, was er verspricht: Unter den in Gips gegossenen Deckeln kann sich nicht einmal eine Ameise verstecken. Aber verborgene Gedanken können dies. Soweit ein paar Geschichten hinter Nancy Wältis «Dingen».

Wenn man mag, findet man in der Ausstellung vielleicht auch einen ganz direkten Bezug zur Künstlerin Nancy Wälti. Das Arrangement von zwei Holzböckchen, die schwer mitgenommen aussehen, heisst «Working poor». Oder die Gruppe aus ausgestanzten Mousepads zeigt einen Satz in nicht erhabener Blindenschrift: «. . . remains under construction» – «bleibt im Bau».
Die Ausstellung «Verquer» ist behutsam leise arrangiert, lässt Luft und Raum für die einzelnen Objekte und die Gedanken der Besucherinnen und Besucher.

Manch einer wird sich beim Betrachten an Meret Oppenheims «Das Früchstück im Pelz» erinnern oder an die Maggiflasche von Joseph Beuys. Nancy Wälti setzt in ihrer eigenen Handschrift die Tradition des «Objet trouvé», des gefundenen Gegenstands, der zum Kunstwerk wird oder als ein Teil von diesem wird, fort. Hoffentlich bleibt ihr Werk noch lange «im Bau» – und verquer.

Ausstellung «Nancy Wälti. Verquer». Kunstmuseum Solothurn, Parterre West. 13. Mai 2017 bis 13. August 2017. Vernissage: Heute Samstag um 17 Uhr. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11:00 bis 17:00 Uhr; Samstag und Sonntag 10:00 bis 17:00 Uhr. Zur Ausstellung erscheint im Verlag für moderne Kunst, Wien, die erste Publikation zum Schaffen von Nancy Wälti mit Aufsätzen von Simon Baur, Anna Bürkli und Christoph Vögele (96 Seiten, Fr. 28.–).

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