Coronakrise

«Dass viele an alternative Erzählungen glaubten, gibt zu denken»: Jetzt beginnt die Zeit der Aufarbeitung

Nach der Coronakrise stellt sich unter anderem die Frage danach, wie gut die Bevölkerung den verschiedenen Institutionen noch vertraut.

Rebekka Balzarini
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Kampagne des Bundesamt für Gesundheit (BAG) gegen die weitere Ausbreitung des Coronavirus.

Kampagne des Bundesamt für Gesundheit (BAG) gegen die weitere Ausbreitung des Coronavirus.

Keystone

Die Coronakrise ist, so scheint es zumindest, vorerst überstanden: Die Schutzmassnahmen wurden seit Wochen schrittweise gelockert, die Fallzahlen bleiben auf tiefem Niveau stabil. Während der Bund und die Kantone weiterhin wachsam bleiben, gibt es trotzdem Raum dafür, die letzten Wochen aufzuarbeiten. Der Kanton Tessin macht das unter anderem mit einer Umfrage: Er will wissen, wie seine Kommunikation in der Coronakrise angekommen ist und wie stark die Bevölkerung der Regierung, den Institutionen und den Spitälern vertraute.

Mit der Frage nach der «richtigen» Kommunikation in den vergangenen Wochen hat sich auch der Verein Ethik und Medizin Schweiz (VEMS) beschäftigt. In einem Positionspapier widmet sich die Organisation mit Sitz in Olten unter anderem der Frage, ob das Vertrauen der Bevölkerung in die Medizin in den letzten Wochen gelitten hat. Michel Romanens ist Präsident des Vereins. Der Facharzt für Kardiologie führt eine Praxis in Olten.

Das Coronavirus stellte uns alle vor eine Ausnahmesituation. Wie würden Sie die Entwicklung in der Schweiz in den letzten Wochen beschreiben?

Michel Romanens: Der Wissensstand bei Pandemien ist in der Medizin etabliert. Beim Virus SARS-CoV-2 haben wir zunächst einen unbekannten Erreger. In Anbetracht der tragischen Ereignisse in Bergamo wurde aber rasch klar, dass die Verletzung von Verhaltensregeln in der Pandemie entsetzliche Folgen hat. Die Covid-19-Pandemie ist hier nicht grundsätzlich verschieden zu früheren viralen Pandemien. Es galt, die Bevölkerung im Umgang mit der Pandemie rasch in korrekten Verhaltensregeln zu schulen. Dies ist offensichtlich in der Schweiz gut gelungen.

Sie schreiben, Corona sei auch Projektionsfläche einer Machtlosigkeit. Weshalb?

Das SARS-CoV-2-Virus hat in kürzester Zeit hoch entwickelte Gesundheitswesen vor riesige Herausforderungen gestellt und jedem von uns Grenzen aufgezeigt. Manchen schien das unglaublich, und so haben schnell schon Gerüchte von einem angeblichen Laborursprung des Virus die Runden gemacht. Es ist offenbar schwer zu akzeptieren, wie stark die Natur ist.

Wie gross ist das Risiko, dass es zu einem bleibenden Misstrauen gegenüber klinisch-medizinischen Fakten kommt?

Letztlich hat sich gezeigt, dass sich der Glaube an all die Verschwörungstheorien nicht halten konnte. Dass für eine gewisse Zeit aber etliche Bürgerinnen und Bürger an solche alternativen Erzählungen geglaubt haben, sollte uns schon zu denken geben. Wir werden einen Zusammenhang beobachten zwischen leichtsinnigem Verhalten und der Zahl der Toten. Pandemien sind hier gnadenlos. Ein bleibendes Misstrauen gegenüber der Medizin wird sich aufgrund der Fakten nicht etablieren können.

In dem Positionspapier warnen Sie aber vor der Bedrohung durch einen passiven Widerstand. Was meinen Sie damit?

Wir stellen in diesen Tagen fest, wie schnell sich manche jetzt an überhaupt keine Regeln mehr halten. Das kann man als passiven Widerstand deuten. Insofern, als offenbar nicht verinnerlicht ist, dass es zur Eindämmung des Virus wirklich wichtig ist, sich an die Regeln zu halten, welche während jeder Pandemie gelten. Der Widerstand gegen etablierte Verhaltensregeln in einer Pandemie ist mit tödlichen Folgen verbunden.

In dem Papier werden Medizinerinnen und Mediziner kritisiert, die sich negativ zu den Schutzmassnahmen geäussert haben. Gehören solche kritischen Stimmen denn nicht zum Dialog innerhalb der Medizin?

Eine Medizinerin, ein Mediziner kann nur jeweils eine Sicht der Dinge darlegen. Erst im wissenschaftlichen Dialog mit Kolleginnen und Kollegen können validierte Aussagen gemacht werden. Es verunsichert die Bevölkerung, wenn sich Medizinerinnen und Mediziner direkt mit Kritik an sie wenden. Und wenn dies zu einem gesundheitsgefährdenden Verhalten motiviert, dann verursacht unbedarfte Kritik eben Folgeschäden.

Der VEMS befürchtet noch einen weiteren Folgeschaden. Im Positionspapier schreiben sie, dass durch eine Ermächtigung der Ökonomie über die Medizin das Vertrauen der Menschen schwinden könnte.

Die Ermächtigung findet institutionell statt, indem Medizinerinnen und Mediziner sich auf der Behandlungsebene, also der Mikroebene, vermehrt ökonomischen Kräften beugen müssen. Andererseits ist aber auch eine Ermächtigung über die Sprache feststellbar. Etwa, indem Begriffe wie «Effizienz» im ökonomischen Sinn, nicht im medizinischen Sinn verwendet werden. Oder, indem neue, der Medizin fremde Begriffe aus der Ökonomie in medizinische Diskurse implantiert werden und diese so in eine ökonomische Logik zwingen.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Der Bund erarbeitet beispielsweise gesundheitsökonomische Konzepte, welche die Tragbarkeit medizinischer Kosten dahin gehend prüfen, ob diese ein politisch vorgegebenes Budget sprengen könnten. Es wird dabei mit fragwürdigen Methoden eine mathematische und gesundheitsökonomische Maschinerie über die Medizin ausgebreitet, welche tatsächlich behauptet, eine effiziente Medizin sei nicht kosteneffizient. Das gewollte Ergebnis dieser politischen Vorgaben des Bundesrats ist die Schaffung einer Grundlage für Rationierung sinnvoller medizinischer Leistungen. Dieses Vorgehen der Behörden muss einem demokratischen Prozess unterbreitet werden.