Gastautorin

(Eigen-)Verantwortung

Tatjana Cristina Disteli
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Glücklich darf sich schätzen, wer im trauten Heim seinen Lebensabend verbringen darf. (Themenbild)

Glücklich darf sich schätzen, wer im trauten Heim seinen Lebensabend verbringen darf. (Themenbild)

Keystone

In unserem Land denkt man föderalistisch. Wir halten Freiheit und Selbstbestimmung für höchste Güter. In früheren Jahrzehnten hat uns diese Orientierung Fortschritt gebracht, beträchtlichen Wohlstand und individuelle Lebensentwürfe. Heutzutage scheinen wir in dieser ökonomisierten Individualität stecken zu bleiben. Haben wir auf diesem Weg den Blick für das grosse Ganze verloren?

Public-Health-Krisen, wie eine Pandemie, stellen die Gesellschaft vor medizinische, ethische und rechtliche Herausforderungen. Corona hat uns allen vor Augen geführt, wie das heutige Gesellschaftssystem an seine Grenzen stösst: Es macht Menschen, die bereits verletzlich sind, noch verletzlicher. Denken wir an die Kompetenz eines politischen Föderalismus zur Bekämpfung einer grenzenlosen Pandemie. Oder an das Herumdoktern an Details im hochkomplexen Gesundheitswesen, während der kranke Mensch aus dem Blickfeld gerät. Dann der Pflegenotstand: Die Bevölkerung klatscht – Reaktionen der Entscheidungsträger folgen zögerlich bis gar nicht.

Wie ist die Unterfinanzierung von Palliative Care oder der Physiotherapie zu erklären? Die günstigste menschenfreundliche Medizin findet kein Gehör für anständige Finanzierung, während auf den üblichen Pfaden Milliarden fliessen. Das zu späte Bereitstellen von Schutzausrüstung für das Personal in der Langzeitpflege lässt uns ratlos zurück, die Isolation von betagten und handicapierten Mitmenschen fassungslos. Wer von uns will ohne menschlichen Beistand dem Sensemann gegenübertreten?
In der Lebensmitte setzen wir die Selbstbestimmung über alle anderen Werte. Und dann: Pensionierung, 10 Jahre angenehmes Leben, wenn man das Glück hat, gesund zu sein. Spätestens dann fängt es an mit dem grossen, langsamen Loslassen-Müssen ...

Auch im Gesundheitswesen wird die Autonomie des Patienten hochgehalten. Die Wahrheit ist, dass uns die mit dem Erwachsenwerden gewonnene Autonomie mit zunehmendem Alter wieder abhandenkommt. Es ist knallhart. Alt, krank, einsam oder gebrechlich zu sein ist nichts für Feiglinge. Und das ist irgendwann unsere eigene Zukunft. Haben wir im Alter noch Platz in unserer individualisierten Leistungsgesellschaft? Oder fühle ich mich gezwungen, Exit zu mir ins Heim zu holen, um diesem Schicksal möglichst selbstbestimmt zu entkommen?

Die meisten unter uns werden die letzten Monate in einer Institution verbringen und ihr Leben da – hoffentlich würdig, lebenssatt und zufrieden – abschliessen. Zum Glück sind die Bilder von früher selten geworden: Menschen, die in irgendeinem kalten Korridor im Rollstuhl vor sich hinstarren. Das bricht einem das Herz.

Unsere Alters- und Pflegeheime werden bald erneut vor riesigen Herausforderungen stehen und sie sollten – wie die Spitäler auch – auf grösste Unterstützung zählen dürfen. Nicht zuletzt für sie tragen wir die Maske im Gesicht. Für uns ein kleines Opfer mit grosser Wirkung, denn auch bei uns wird das Virus wieder auf unsere ältere Bevölkerung überspringen. Als Gesellschaft können wir unsere betagten Bürgerinnen und Bürger nicht dem Freiheitsgedanken opfern: Es geht um unsere Grossmütter, Väter, Tanten und Geschwister.

Glücklich, wer in einem gut geführten Heim seinen Lebensabend verbringt, wo Herzenswärme, professionelle Pflege, eine tolle Hotellerie und menschliche Präsenz mehr zählen, als ökonomische Buchführung. Die heimatgebenden Institutionen verdienen unsere besondere Aufmerksamkeit! Vielleicht rücken die Alters- und Pflegeheime damit bald wieder in die Mitte der Gesellschaft, dahin, wo sie hingehören: in eine lebensfrohe, sichere und menschenwürdige Umgebung.

Tatjana Cristina Disteli, römisch-katholische Theologin, Olten