Schwere Vorwürfe

Hat Mercedes das E-Bike des Solothurner Start-ups «Asfalt» kopiert?

«Asfalt» gewann mit seinem E-Bike 2019 eine der bedeutendsten Auszeichnungen der Velo-Welt. Jetzt wurde es wohl dreist kopiert.

Sébastian Lavoyer
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Das E-Bike von Asfalt bekam 2019 einen wichtigen Preis.

Das E-Bike von Asfalt bekam 2019 einen wichtigen Preis.

zvg

David Oreio kam aus dem Staunen kaum heraus, als er die Bilder des neuen Mercedes-E-Bikes auf Social Media zu Gesicht bekam. Von blossem Auge ist kein Unterschied zu dem von ihm und zwei Kollegen entwickelten und mit einem internationalen Award ausgezeichneten «Asfalt LR» auszumachen. Man habe sie «dreist kopiert», monieren die Gründer des in Solothurn ansässigen E-Bike-Start-ups Asfalt in einer Medienmitteilung.

Was steckt dahinter? Nun, die drei Solothurner haben vier Jahre getüftelt, viel eigenes Kapital und noch mehr Herzblut in das Projekt «Asfalt LR» gesteckt, bis sie 2019 eine erste Kleinserie produzieren konnten. Das Bike aber schlug ein wie eine Bombe. Bei der grössten Fahrradmesse der Welt, der Eurobike in Friedrichshafen am Bodensee, wurde das Bike im September 2019 mit einem Gold Award ausgezeichnet. Das ist, als würde ein neuer Autobauer aus dem Nichts auftauchen und an den grössten Messen Awards abräumen. Eine Sensation.

Speziell an ihrem Bike ist, dass zwei Batterien quasi unsichtbar im Rahmen eingebaut sind. Eine der beiden Batterien kann durch Entfernen der eigens designten Sattelstütze herausgenommen und separat geladen werden. Über 100 Kilometer Reichweite garantieren die unsichtbaren «elektronischen Helfer». Darüber hinaus besticht das schlichte Design. Das leuchtende LED-Logo in der Front, der runde Mittelmotor, der Carbon-Riemenantrieb und die Nu-Vinci-Nabenschaltung 380 – nur das Beste ist gut genug. Rund 3'100 Franken kostet das.

«Asfalt»-Mitgründer David Oreiro mit dem E-Bike. (Archiv)

«Asfalt»-Mitgründer David Oreiro mit dem E-Bike. (Archiv)

Hanspeter Bärtschi

Design in Verbindung mit Qualität und Innovation, das muss es gewesen sein, was Anfang 2020 dazu führte, dass die Solothurner von der australischen Firma N+ Bikes kontaktiert wurden. N+ ist Lizenznehmer von Mercedes Benz und war auf der Suche nach einem E-Bike-Modell, das unter der Lizenz von «Mercedes Benz EQ Formula E-Team» hätte verkauft werden sollen. Man verhandelte, die Asfalt-Macher bauten einen Prototypen mit leuchtendem Mercedes-Logo und verschickten es nach Australien. Der Prototyp hätte am Formel-1-Grad-Prix in Melbourne vor geladenen Gästen präsentiert werden sollen.

Mercedes-Benz nimmt «das Thema» sehr ernst

Dann kam Corona. Der Grand Prix wurde abgesagt, der Kontakt zu N+ versandete bis Mercedes und N+ vor wenigen Tagen auf ihren Plattformen das zum Verwechseln ähnliche «N+ Mercedes-Benz Formula E Team eBike» vorstellten. Ohne Wissen von Asfalt. Und rund 1'000 Franken teurer als das Original, obwohl man null Entwicklungskosten hatte.

Finden Sie die zehn Unterschiede! Links das «neue» E-Bike von Mercedes-Benz EQ, rechts das Asfalt, des gleichnamigen Solothurner Start-ups.

Finden Sie die zehn Unterschiede! Links das «neue» E-Bike von Mercedes-Benz EQ, rechts das Asfalt, des gleichnamigen Solothurner Start-ups.

David Oreio/Asfalt

Durch die Nachfrage mehrerer Händler wurden die Solothurner Erfinder auf das dreiste Vorgehen aufmerksam. Offenbar haben N+ und Mercedes dabei auch ungefragt Originalbildmaterial von Asfalt verwendet. Auf einem der Produktebilder ist sogar David Oreio, einer der Asfalt-Gründer abgebildet. Wir hätten dem Gründer gerne unsere Fragen gestellt. Aber er musste aus rechtlichen Gründen abblocken: «Wir befinden uns derzeit in intensiven Verhandlungen zu diesem besonderen Fall. Ich hoffe, dass wir in einigen Tagen mehr dazu sagen können.»

Auch Mercedes haben wir mit dem Kopie-Vorwurf konfrontiert. Roger Welti, Kommunikationschef von Mercedes-Benz Schweiz schreibt uns: «Mercedes-Benz nimmt dieses Thema sehr ernst. Unsere Kollegen in Deutschland sind derzeit an der genauen Klärung des Sachverhaltes.» Welti betont des Weiteren, dass Mercedes-Benz erwarte, dass Lizenzpartner «keine Rechte Dritter» verletzten. Man sei dran, den Sachverhalt mit N+ zu klären. N+ war für diese Zeitung bisher nicht erreichbar.

Wie auch immer der Fall ausgehen wird, die Asfalt-Macher freuen sich jetzt auf die baldige Veröffentlichung ihres neuen Modelles. Mit verbessertem Design sowie neuer Motortechnologie und neuer Batterie. Für eine grössere Reichweite und noch mehr Leistung. Damit wird Asfalt die Nase schon wieder vorne haben. Kopie hin oder her.