Kanton Solothurn

«Hochbegabtenförderung darf keine Frage des Geldes sein»

FDP-Kantonsrat Christian Scheuermeyer fordert, dass der Regierungsrat in der Hochbegabtenförderung mehr tut. Ob ein Kind gefördert werde, hänge zu sehr von einzelnen Gemeinden ab.

Lucien Fluri
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FDP-Kantonsrat Christian Scheuermeyer: «Statt Gleichmacherei müssten wir Geist und Talente individuell und bestmöglich fördern.»

FDP-Kantonsrat Christian Scheuermeyer: «Statt Gleichmacherei müssten wir Geist und Talente individuell und bestmöglich fördern.»

key/tus

Ohne Geld geht gar nichts. Doch genau das fehlt im Kanton Solothurn. Das weiss auch FDP-Kantonsrat Christian Scheuermeyer. Trotzdem fordert der Deitinger Finanzpolitiker nun, dass der Kanton mehr für die Förderung begabter Kinder tut.

«Das darf keine Frage der Mittel sein», sagt Scheuermeyer. «Wir vergeben uns grosse Chancen.» Aus Sicht des Deitingers gibt es im Kanton zu wenige «Fördergefässe» für Hochbegabte oder Kinder mit Talenten sowie spezifischen Begabungen. «Der Kanton akzeptiert eine Situation, welche das Potenzial der Direktbetroffenen nicht fördert oder gar behindert. Dies ist unbefriedigend und ungerecht.» Nur einzelne Gemeinden wie etwa Biberist bieten spezielle Programme an.

Derzeit ist im Kantonsrat eine Interpellation von Scheuermeyer zum Thema hängig. Der frühere FDP-Kantonalpräsident hat sie aufgrund einer Erfahrung in seinem privaten Umfeld und diversen Gesprächen mit betroffenen Eltern verfasst. «Die Lehrkräfte waren damals überfordert», beschreibt er ein Beispiel. Zu wenig Förderung kann Folgen haben: Nicht geförderte, unterforderte Kinder mit Talenten und Begabungen können im Schulalltag verhaltensauffällig werden und ihre schulischen Leistungen können stark abfallen. «Die Situation für die Eltern kann dann ebenso schwierig sein, wie für Eltern mit einem Kind, welches schulische Schwächen hat.»

Das Problem konnte im Fall aus dem Umfeld von Scheuermeyer, letztlich durch das Überspringen einer Klasse gelöst werden. Das müsse aber nicht immer funktionieren, weiss er von einem anderen Beispiel: Der Klassenwechsel hatte negative soziale Folgen für das Kind.

«Keine Gleichmacherei»

Für Scheuermeyer ist wichtig, dass «jedes Kind die Chance erhält, sein Potenzial bestmöglich zu entfalten». Das ist aus seiner Sicht heute nicht der Fall: Während für schwache Schüler «wichtige und richtige» Fördermassnahmen bereit stünden, sei das Angebot in der Begabtenförderung von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich. Indem Fördermassnahmen fehlten, betreibe das Schulsystem indirekt ein «Gleichmachen der Kinder mit Talenten und Begabungen nach unten zum Durchschnitt hin», stellt Scheuermeyer fest. «Statt Gleichmacherei müssten wir aber Geist sowie Talente individuell und bestmöglich fördern.»

«Gemeinden können das tun»

Etwas anders als Scheuermeyer sieht dies der Regierungsrat, wie er in seiner Stellungnahme zum Vorstoss festhält. «Wir sehen derzeit keinen Bedarf für eine weitere Entwicklung von kantonalen Angeboten», heisst es aus dem Bildungsdepartement. Es gebe heute bereits passende Formen. «Ein grosser Teil der begabten und besonders begabte Schülerinnen und Schüler kann im Rahmen des Regelunterrichts gefördert werden. Je individualisierender und differenzierender der Unterricht gestaltet wird, desto weniger sind besondere Angebote für speziell Begabte erforderlich.» Als Möglichkeit der Begabtenförderung nennt er individuelle Lernziele oder den Besuch einzelner Fächer in einer höheren Klasse. Zudem könnten Gemeinden «in eigener Kompetenz» Angebote organisieren und finanzieren.

Verena Hofer, Koordinatorin der Solothurner Gruppe «Eltern hochbegabter Kinder», kritisiert die Stellungnahme des Regierungsrates als «teilweise schönfärberisch». Denn zum einen verweise der Regierungsrat mehrfach auf Fördermassnahmen auf der Sek-I- und Sek-II-Stufe. Dort aber liege das Problem nicht. «Die Eltern, die zu uns kommen, kommen nicht wegen der Sek-Stufe», sagt Hofer. «Die Probleme und der Leidensdruck beginnen im Kindergarten und manifestieren sich in den ersten Schuljahren .»

Zwar ist Hofer auch überzeugt, dass die Förderung in den Gemeinden stattfinden muss. Eine kantonale Unterstützung hält sie jedoch für sinnvoll. «Wenn der Regierungsrat keine Gelder spricht, dann hat das eine Signalwirkung. Warum sollen es dann die Gemeinden tun?», fragt sie und verweist darauf, dass es in Kantonen , die Beiträge bezahlen, mehr Angebote für Hochbegabte gibt.

Zudem geht für Hofer nicht auf, dass der Regierungsrat in seiner Antwort auf die Interpellation die Begabtenförderung und die Begabungsförderung in einem Zug nennt und vermischt. Die Fragen des Interpellanten Scheuermeyer beziehen sich explizit auf die Begabtenförderung. Das sind ca. 20 Prozent aller Kinder, davon gelten 1 bis 2 Prozent als hochbegabt. Die Begabungsförderung dagegen kümmert sich darum, die Stärken aller Lernenden zu fördern.