Solothurn

In diesem "Froschkönig" gibt es zwei Prinzessinnen und Prinzen

Der Probebesuch im Theater Mausefalle zeigt, wie sich Menschen mit einer Behinderung auf die grosse Bühne vorbereiten. Seit Januar üben sie das Stück "Der Froschkönig" und stehen nun kurz vor der Aufführung am 2. Juni.

Ornella Miller
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Acht kognitiv behinderte Schauspielerinnen und Schauspieler wirken beim «Froschkönig» mit
13 Bilder
Der Kurs ist einer von 25, die der Bildungsklub der Pro Infirmis anbietet
Was ist denn hier drin? Die Prinzessinnen bekommen einen kostbaren goldenen Ball.
Diese fällt aber beim Spielen in den Brunnen. Hier fischt eine der Prinzessinnen nach der Kugel
Die Prinzessin sogar steigt in den Brunnen
Nichts hilft. Die Kugel wird nicht gefunden.
Theaterkurs des Bildungsklubs der Pro Infirmis Solothurn und Umgebung
Der Froschkönig sitzt am Tisch
Happy End: Der Frosch wird zum schönen Prinzen für die schöne Prinzessin.

Acht kognitiv behinderte Schauspielerinnen und Schauspieler wirken beim «Froschkönig» mit

Hanspeter Bärtschi

Vorne das grelle Rampenlicht des Theaters Mausefalle. Hinten die hundert schwarzen Stühle im schwarzen Saal. Dazwischen trudeln die acht kognitiv behinderten Schauspielerinnen und Schauspieler ein. Eine innige Umarmung, freudige Begrüssung. Da und dort ein Kuss. Heute gilt es ernst, heute ist Hauptprobe. Nachdem sie seit Januar schon sechzehn Mal geübt haben, stehen sie kurz vor der Aufführung ihrer eigenen Version des Stücks «Der Froschkönig» am 2. Juni.

Glänzende Kostüme werden hervorgekramt und übergezogen. Sich schön machen für die Darbietung. Endlich in die Rolle schlüpfen, die man selber gewählt und mitgestaltet hat. «Ich freue mich mega», strahlt Angélina, die eine Dienerin und Sprecherin sein wird. «Ich habe noch nie vor Publikum gespielt.» Sie ist eine der wenigen Neuen in dieser Gruppe. Denn viele besuchen den Theaterkurs schon lange.

Fühlen, wie es einem geht

Öffentliche Werkstattaufführung

am 2. Juni um 20.15 Uhr im Theater Mausefalle in Zuchwil.

Bildungsklubfest am 10. Juni um 18.30 Uhr im Alten Spital in Solothurn. Eintritt jeweils frei.

Der Kurs ist einer von 25, die der Bildungsklub der Pro Infirmis Solothurn und Umgebung derzeit anbietet. Er ist sehr beliebt und es gibt ihn schon seit 14 Jahren. Seit drei Jahren leitet Joseph Nicolet ihn. Einfühlsam geht er auf die jeweiligen Bedürfnisse der Teilnehmer ein. Für ihn sei es eine Herzensangelegenheit, mit der Gruppe zu arbeiten. «Die Frauen und Männer hier sind spontaner als Nichtbehinderte.»

Man spürt, dass sie ihm nahe stehen. Vor der eigentlichen Probe geschieht viel. In einer «Befindlichkeitsrunde» sitzen alle vor der grossen Bühne im Kreis und erzählen, wie es ihnen gerade so geht. «Mir gefällt es», sagt eine Frau. «Ich bin ganz aufgeregt», gibt eine andere zu, «und ich bin traurig.» Nicolet findet heraus, dass die Trauer auf einen Abschied ausserhalb des Theaters zurückzuführen ist. Das gehört trotzdem hierher, beeinflusst die Stimmung. Eine Träne steht ja im Raum.

Auch sonst: Es geht beim Theaterkurs nicht nur darum, Spass zu haben, sondern vor allem auch, Selbstbestimmung einzuüben und zu leben. Und das setzt Selbstwahrnehmung voraus. Auf sich hören. Fühlen, wie es einem geht. Merken, was man will. Deshalb konnten die Teilnehmenden bestimmen, was sie spielen. Diese Gruppe mag Märchen, hat aber das Stück abgewandelt. Die Teilnehmer stimmen in einen beschwörenden Singsang ein und verscheuchen mit den Armen Unangenehmes: «Alles Schlechte fort!» Jeder darf sich äussern. Dann folgt das Positive mit herbeiwinkenden Armen: «Komm, Theater, komm!» – «Komm, Mut, komm!»

Von Prinzen und Prinzessinen

Auf der ansonsten schlichten Bühne wimmelt es nur so von Kronen. Denn Prinzessin sein ist derart beliebt, dass man gleich zwei davon einsetzt und daraus folgend auch zwei Prinzen. Da thronen sie auf roten Sesseln zu einem Geburtstagsfest und speisen Kuchen. Mit wichtiger Miene. Das Geschenk wird ausgepackt, ein kostbarer goldener Ball, der beim Kreisspiel gleich Verwendung findet.

«Oh, da fällt er in den Brunnen!» Im Gegensatz zum Ursprungsmärchen versucht man hier aber zuerst, ihn selbst herauszufischen. Dies sehr theatralisch, was Lacher und Schmunzeln auslöst. Der Frosch muss trotzdem herbeigerufen werden. Diesem versprechen die Prinzessinnen die Erfüllung all seiner Forderungen. Allerdings hier, im Gegensatz zum Märchen, mit Absicht. Als der Frosch später das Versprechen einlösen will, beharrt der König darauf, dass Versprechen eingehalten werden. Auch in dieser Inszenierung folgt ein Happy End: Der Frosch wird zum schönen Prinzen für die schöne Prinzessin. Das Stück ist lebendig und abwechslungsreich, oft mitreissend. Nicolet und seine Assistentinnen gaben auch während und hinter der Bühne manchmal Anweisungen: «Dreh dich zum Publikum!» Denn bisweilen vergisst ein Akteur etwas. Es ist aber sowieso nur eine Werkstatt-, keine richtige Aufführung. Eine solche werde nächstes Jahr ins Auge gefasst. Eine zweite Gruppe, die an einem anderen Tag probt, hat eine Alltagssituation gewählt, nämlich ein schlechtes Mahl im Restaurant.

«Die Entwicklung ist gross», findet Bildungsklub-Leiterin Helga Willimann-Günther. «Während viele am Anfang nicht alleine auf der Bühne stehen konnten, sind sie nun mutiger und selbstständiger. Sie können beispielsweise bei der Kleiderwahl sagen: Ich möchte so oder so aussehen.» Freundschaften hätten sich auch ergeben, viele Begegnungen und ein wenig Integration in die Gesellschaft.

Eine letzte Umarmung. Der Federhut liegt auf dem Stuhl, das Kleid in der Tasche. Das Inva-Taxi wartet.