Beratungsstelle

Jugendliche unterstützen Jugendliche: «Weil mich die Zahlen schockieren»

Franziska Hermann berät und unterstützt im Rahmen des Projekts [U25] suizidale Jugendliche sowie deren Angehörige und Hinterbliebene nach Suizidfällen. Im Interview mit der Solothurner Zeitung erklärt sie, weshalb.

Drucken
Teilen
Franziska Hermann ist 25 Jahre alt und absolviert derzeit ihr Masterstudium in klinischer und Gesundheitspsychologie an der Universität Fribourg.

Franziska Hermann ist 25 Jahre alt und absolviert derzeit ihr Masterstudium in klinischer und Gesundheitspsychologie an der Universität Fribourg.

zvg

Solothurner Zeitung: Franziska Hermann, warum engagieren Sie sich für die Jugendsuizid-Prävention von [U25]?

Franziska Hermann: Weil mich die Zahlen schockieren. In der Schweiz nimmt sich durchschnittlich alle acht Stunden ein Mensch das Leben, alle acht Minuten, so vermuten Fachleute, versucht es jemand. Die Anzahl der Suizidtoten ist höher als die der Verkehrstoten.

Zusätzlich lassen Suizidtote nahestehende Menschen zurück, denen das Weiterleben unbeschreiblich schwerfällt. Für mich persönlich war und ist es wichtig, Suizidalität zu enttabuisieren, für die Jugendlichen und ihre Angehörigen da zu sein und ihnen zuzuhören. Und mich für das Wichtigste einzusetzen, was es gibt: das Leben.

Woran liegt es, dass so viele Menschen versuchen, sich das Leben zu nehmen?

Ich sehe Suizidalität nicht als eine Erkrankung, sondern als Reaktion auf eine Krisensituation. Solche Krisensituationen können beispielsweise ein Streit, ein Verlust, eine Trennung, eine Erkrankung, eine Enttäuschung, Isolation oder das dauerhafte Gefühl der Ablehnung darstellen. Zum anderen geht Suizidalität oft mit psychischen Belastungen wie Depressionen einher.

Wo genau liegt denn nun der innovative Ansatz von [U25]?

Gegenfrage: Was tun Kinder und Jugendliche, die von solch einer Krise geplagt sind? Meistens vertrauen sie sich mit viel Mut und etwas Angst jemandem im gleichen Alter an. Viele bleiben jedoch mit ihren Sorgen alleine. Und genau an dieser Stelle setzen wir mit [U25] an.

Wir möchten, dass sie sich jemandem anvertrauen können und von dieser Person auch Unterstützung erfahren. Und wir sind davon überzeugt, dass es für Teenager viel leichter ist, ihre Probleme mit Gleichaltrigen zu besprechen. Dies erklärt, warum wir im Beratungsteam von [U25] mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen arbeiten.

Warum beraten Sie im Internet und nicht persönlich?

Die Jugendlichen sind sich gewöhnt, im Internet Kontakte zu knüpfen und zu kommunizieren. [U25] bildet somit eine absolut niederschwellige und einfach erreichbare Anlaufstelle für junge Menschen in Krisen und Suizidgefahr.

Das Beratungsangebot von [U25] steht aber auch nahestehenden Menschen und jungen Hinterbliebenen nach Suizidfällen zur Verfügung.

Was motiviert Sie, bei der [U25]-Beratung weiterzumachen?

In meinen vier Jahren als Peerberaterin habe ich so schöne, motivierende Sätze gelesen wie: «Danke, dass du für mich da bist» oder «Wegen dir bin ich noch am Leben». Mir wurden viele Fragen gestellt, ich habe Fragen gestellt, und wir haben dann zusammen mit den Jugendlichen nach Antworten und Lösungswegen gesucht.

Und diese auch oft gefunden. Immer wieder wurde mir klar, dass es das Wichtigste ist, den Betroffenen regelmässig zu schreiben und Signale zu senden. Signale, die ganz persönlich und direkt an mein Gegenüber gerichtet sind und dieser Person Kraft geben.

Gibt es auch suizidgefährdete Jugendliche, bei denen Ihre Beratung an Grenzen stösst?

Ja, wenn es beispielsweise um eine psychische Erkrankung geht. Dann vermitteln wir die Jugendlichen an Psychologen oder Psychiater. [U25] bietet keine Online-Therapie an, sondern eine Begleitung. Wir üben somit auch oft eine Brückenfunktion aus, indem wir den Betroffenen helfen, das richtige Therapieangebot zu finden.

(mgt/frB)