Kostenlose Sozialberatung für alle Solothurner Staatsangestellte

Nach einem Pilotversuch in drei Ämtern wird das Angebot flächendeckend eingeführt: Alle Solothurner Staatsangestellten können bei privaten Problemen eine Sozialberatung in Anspruch nehmen. Der Kanton erhofft sich weniger Krankheitsabsenzen und tiefere Fluktuationsraten.

Urs Moser
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21 Staatsangestellte haben in der Pilotphase das Angebot der Sozialberatung in Anspruch genommen.

21 Staatsangestellte haben in der Pilotphase das Angebot der Sozialberatung in Anspruch genommen.

KEYSTONE

Nach einer zweieinhalbjährigen Pilotphase in drei Ämtern hat der Regierungsrat beschlossen, das Angebot flächendeckend für die Angestellten der gesamten Verwaltung, der kantonalen Schulen, der Gerichte, der staatlichen Anstalten und der Finanzkontrolle einzuführen. Ebenso für das Personal von Schloss Wartenfels, Schloss Waldegg, des Museums Altes Zeughaus und der Zentralbibliothek, die massgeblich vom Staat subventioniert werden.

Es gibt zwar verschiedene Stellen, an die sich die Staatsangestellten bereits bisher bei ausserordentlichen Belastungen am Arbeitsplatz wenden konnten, etwa bei Mobbing, sexueller Belästigung oder nach einer längeren krankheitsbedingten Abwesenheit. Alle diese Hilfestellungen betreffen aber Probleme am Arbeitsplatz selbst. Wirken sich Belastungen aus dem privaten Umfeld negativ auf die Leistungsfähigkeit im Beruf aus, bleibt man auf sich selbst gestellt. Mit der betrieblichen Sozialberatung – eine freiwillige Leistung des Arbeitgebers, die in grösseren Unternehmen etabliert sei, so die Regierung – will sich der Kanton nicht nur als fürsorglicher Arbeitgeber beweisen, man verspricht sich auch einen finanziellen Nutzen, der die Kosten überwiegt: durch eine Verbesserung der Arbeitsleistung der Staatsangestellten und tiefere Fluktuationsraten.

Bedarf «nicht nachvollziehbar»?

Das Engagement scheint dem Regierungsrat so selbstverständlich, dass er wieder einmal nach dem Motto «tue Gutes und schweig darüber» handelte. Der Beschluss vom 26. Februar zur definitiven Einführung der Sozialberatung ist nach aussen nicht kommuniziert worden. Unbestritten ist die Sache aber keineswegs. Die definitive flächendeckende Einführung war zwar schon in der Botschaft zum Globalbudget für das Personalwesen beiläufig erwähnt, aber das schien kaum jemandem aufgefallen zu sein. Sonst wäre es im Kantonsrat im Dezember wohl zu einer ähnlichen Auseinandersetzung gekommen wie bei den Schülertransporten zum Turnunterricht per Reisebus. SVP-Fraktionschef Christian Werner kündigt jedenfalls an, das Thema in der Fraktion noch einmal zur Diskussion zu stellen und gegebenenfalls bei der Regierung zu intervenieren.

Maximal fünf Stunden in der Arbeitszeit

Für die betriebliche Sozialberatung gelten vorerst für zwei Jahre die gleichen Bedingungen wie während der Pilotphase, danach wird der Bedarf neu eingeschätzt. Das Angebot ist auf fünf Beratungsstunden pro Fall begrenzt und kann während der Arbeitszeit in Anspruch genommen werden. Für längere Beratungen ist eine Kostengutsprache beim Personalamt zu beantragen, sie haben dann ausserhalb der Arbeitszeit stattzufinden. Für das Angebot arbeitet der Kanton mit dem Verein für Ehe- und Lebensberatung (VEL) mit zusammen, der von den Landeskirchen getragen wird und vier Beratungsstellen in Solothurn, Olten, Grenchen und Breitenbach betreibt. Das VEL-Team setzt sich aus Fachpersonen mit einer Grundausbildung in Sozialarbeit oder Psychologie und einer Fachausbildung in Paar- und Familientherapie zusammen. Eine Beratungsstunde kostet 125 Franken, mit dem Kanton wird anonym abgerechnet. Bei potenziell 120 Ratsuchenden und durchschnittlich vier Beratungsstunden würde das 60 000 und nicht 40 000 Franken wie budgetiert kosten. Man rechne in der ersten Phase nach Einführung mit einer überdurchschnittlichen Nachfrage, die dann wieder abflacht, sagt Personalamt-Chef Urs Hammel. Diesen Effekt habe man nicht budgetiert. Allfällige Mehrkosten würden aus den Globalbudget-Reserven finanziert. (mou)

Die auf 40’000 Franken geschätzten Kosten seien zwar ein vergleichsweise kleiner Betrag, aber: «Auch das sind Steuergelder, die zuerst verdient werden mussten. Und wir sind zu einem sorgsamen Umgang mit allen Steuergeldern verpflichtet.» Was Werner stört: Für ihn ist es «sehr fragwürdig und nicht nachvollziehbar», gestützt auf die Erfahrungen aus dem Pilotversuch von einem ausgewiesenen Bedarf zu sprechen. Nehme man den Schlussbericht dazu ernst, komme man im Gegenteil zur Erkenntnis, das eben kein Bedarf für ein flächendeckendes Angebot besteht.

Jeder gelöste Fall ist wertvoll

Um diesen Bedarf zu untersuchen, konnten sich seit dem Juli 2016 die Mitarbeitenden des Amts für Justizvollzug, der Amtschreibereien und des kantonalen Steueramts in belastenden Situationen an den Verein für Ehe- und Lebensberatung wenden, der die Sozialberatung im Auftrag des Kantons übernimmt. Das sind rund 620 Personen, von denen 21 (rund drei Prozent des angesprochenen Personenkreises) durchschnittlich vier Beratungsstunden erhielten. In den meisten Fällen ging es um gesundheitliche Probleme, gefolgt von Paar- und Familienberatung und Konflikten am Arbeitsplatz selbst. Man geht davon aus, dass die Grössenordnung auch dem Bedarf bei einer flächendeckenden Einführung für die gesamte Verwaltung entspricht und rechnet somit mit etwa 120 Ratsuchenden jährlich.

Ein (anonymes) Feedback zum Beratungsangebot liegt allerdings nur von neun Personen vor, sie zeigten sich allesamt zufrieden mit der Beratung und sahen die Ziele erreicht oder zumindest teilweise erreicht. Zum Zweifel etwa von SVP-Kantonsrat Christian Werner, dass dies ausreicht, um von einem erwiesenen Bedarf für die ganze Verwaltung zu sprechen, entgegnet Personalamt-Chef Urs Hammel, dass die qualitative Bewertung der Rückmeldungen eben wichtig sei.

Man gehe aufgrund von Erfahrungswerten davon aus, dass negative Erfahrungen gemeldet worden wären. Hammel: «Jeder Fall, der durch die Sozialberatung gelöst werden kann, ist für uns wertvoll. Teure Absenzen und Konflikte am Arbeitsplatz können verhindert und die Leistungsfähigkeit kann hoch gehalten werden.» Von daher sei in diesem Bereich auch eine geringe Anzahl Fälle, die mit positivem Feedback der Ratsuchenden abgeschlossen werden konnte, ein Erfolg. Daher habe man das Angebot nun definitiv für die ganze Verwaltung eingeführt.

Effekt (noch) nicht messbar

Teure Absenzen und Konflikte am Arbeitsplatz werden verhindert. Als der Pilot in drei Ämtern gestartet wurde, hiess es, vor der flächendeckenden Einführung der Sozialberatung werde dieser Effekt genauer untersucht. So könne überprüft werden, ob sich die Investition lohnt, so werde auch den kritischen Stimmen Rechnung getragen, ist im Regierungsbeschluss vom November 2015 nachzulesen. Das Konzept sah einen Vergleich der Kennzahlen zu Krankheitsabwesenheit und Fluktuationsrate in den Pilot-Ämtern seit Einführung der Sozialberatung vor. Den Vergleich sucht man nun aber im Schlussbericht zum Pilotversuch und im Regierungsbeschluss zur definitiven Einführung vergebens. Personalamt-Chef Urs Hammel dazu: «Wir haben ein neues Personalcontrolling mit neuer Datenbasis eingeführt. Die Datenerhebung dafür läuft seit 2018. Die Werte aus den Vorjahren, also vor Einführung des neuen Kennzahlensystems, sind nicht verlässlich. Daher haben wir uns bei der Auswertung des Pilots nicht wie ursprünglich geplant darauf abstützen können.»