Maitannli
Kantonsarzt empfiehlt «Stäcklibuebe-Aktionen» dieses Jahr zu verbieten – so setzen die Gemeinden die Bitte um

Letztes Jahr wurde das Maitannli-Stellen wegen des Versammlungs- und Veranstaltungsverbots im Kanton Solothurn verboten. Auch dieses Jahr empfiehlt der Kantonsarzt den Gemeinden, solche Veranstaltungen rund um den 1. Mai nicht zu bewilligen.

Joel Dähler
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So sah das Stellen des Maitannlis letztes Jahr in Messen aus. Dort warte man auf Lockerungen der Corona-Massnahmen und stellte das Maitannli nachträglich im September noch auf.

So sah das Stellen des Maitannlis letztes Jahr in Messen aus. Dort warte man auf Lockerungen der Corona-Massnahmen und stellte das Maitannli nachträglich im September noch auf.

Hansjörg Sahli

Der 1. Mai ist fast da und damit auch die Tradition der Maitannli und der «Stäcklibuebe». Schon im vergangenen Jahr hat der Kanton Solothurn aufgrund der Coronapandemie das gemeinsame Aufstellen der Maitannli und die dazugehörigen Feiern verboten. Auch dieses Jahr dürfte es ähnlich aussehen.

Der Verband der Solothurner Einwohnergemeinden veröffentlichte einen Brief des Solothurner Kantonsarztes vom 8. April 2021. Darin werden die Einwohnergemeinden gebeten, aufgrund der weiterhin instabilen Corona-Lage, traditionelle Veranstaltungen rund um den 1. Mai, gerade auch die «Stäcklibueben-Aktivitäten», nicht zu bewilligen.

Ein Lichtblick bleibt: «Sofern die vom Bund verfügten Massnahmen weiterhin konsequent eingehalten werden, ist gegen das Stellen einzelner Maitannli jedoch nichts einzuwenden», heisst es in dem Brief.

Welschenrohr entschädigt Jahrgang finanziell

Die Gemeinde Welschenrohr befolgt die Empfehlung des Kantonsarztes, erhielt nun aber vom Jahrgang 2002 eine Anfrage, ob wenigstens das traditionelle Maitannli gestellt werden dürfe. Dies wurde im Gemeinderat nach den Vorgaben des Kantons bejaht. Zudem wurde beschlossen, diesem Jahrgang und demjenigen davor je 200 Franken «Sackgeld» für die Jahrgangskasse zu sprechen. Dies weil die Jahrgänger wegen der Pandemie keine Festwirtschaft betreiben dürfen.

Recherswil trauert über die aussterbende Tradition

In Recherswil bedauert man die Situation. Hier sei die 1. Mai-Tradition seit den letzten 1-2 Jahren am Aussterben. Es werde dieses Jahr erneut nichts stattfinden. «Auch wenn es keine Corona-Massnahmen gäbe, glaube ich, es würde trotzdem nichts stattfinden», meint Gemeindepräsident Hardy Jäggi. Viele Jugendliche seien zugezogen und nicht hier aufgewachsen. So gäbe es unter den Jahrgängen keinen so grossen Zusammenhalt mehr wie früher. Man habe aber natürlich «pro forma» die Mitteilung des Kantonsarztes an die Jugendlichen weitergeleitet.

Recherswil hatte schon mit einem umgesägten Maitannli zu tun.

Recherswil hatte schon mit einem umgesägten Maitannli zu tun.

TeleM1

Kriegstetten: Werden die Jugendliche den Corona-Regeln trotzen?

Ganz anders sieht es in Kriegstetten aus. Hier stehe die «Stäcklibuebe-Tradition» nicht vor dem Aussterben, wie die Gemeindeschreiberin von Kriegstetten erzählt. Ganz im Gegenteil. Man habe zuerst nur das Maitannli-Stellen erlaubt und die restlichen Feierlichkeiten gemäss der Bitte des Kantonsarztes verboten. Die Jugendlichen hätten sich gleich am nächsten Tag gemeldet und Einsprache gegen den Entscheid erhoben.

Dieses Jahr täten sich der jetzige Jahrgang und der vorherige Jahrgang, der aufgrund der Pandemie nichts zum 1. Mai machen konnte, zusammen. Aufgrund der passionierten Jugendlichen haben diese nun die Erlaubnis erhalten, nebst dem Maitannli-Stellen auch ein kleines Fest machen zu dürfen. Die Auflagen: Es dürfen nicht mehr als 15 Personen zusammen kommen und die allgemein geltenden Corona-Massnahmen müssen eingehalten werden. Das «Verschleipfen» von Gegenständen hat die Gemeinde dem Jahrgang allerdings weiterhin aus Corona-technischen Gründen verboten. Auf der Gemeindeverwaltung befürchtet man allerdings, dass sich die Jugendlichen eventuell nicht an das Verbot halten werden.

Dorfplatz Günsberg als Beispiel: So kann das «Verschleipfen» von Gegenständen aussehen.

Dorfplatz Günsberg als Beispiel: So kann das «Verschleipfen» von Gegenständen aussehen.

Hanspeter Baertschi

In Derendingen ist keine Anfrage eingegangen

Auch in Derendingen weiss man vom Schreiben des Kantonsarzt. Man halte sich klar an die Vorgaben, so dass Aktionen von «Stäcklibuebe» wie das «Verschleipfen» von Gegenständen nicht stattfinde. Es sei bei der Gemeinde bisher auch keine Anfrage diesbezüglich vom diesjährigen Jahrgang eingegangen.

Obergerlafingen erlaubt Tannli

Die Obergerlafinger «Stäcklibuebe» werden am 1. Mai ihr Maitannli stellen dürfen. Der Gemeinderat war sich in seiner letzten Sitzung zwar nicht ganz sicher, ob dies wegen Corona überhaupt erlaubt sei. «Man liest überall etwas anderes», stellte Sabrina Schneider, Ressort Jugend fest. Sie stützte sich auf das Schreiben vom 8. April vom Gesundheitsamt, das den Fachstab Pandemie zitiert, wonach gegen das Stellen der Maitannli unter Einhaltung der Hygienemassnahmen nichts einzuwenden sei.

Die Tradition der «Maitannli» und «Stäcklibuebe» verschwindet immer mehr

Bei den Gemeinden Gerlafingen und Zuchwil sind die Feste vom 1. Mai schon länger kein Thema mehr. Zuchwil beispielsweise sei eine beliebte Gemeinde, bei der Leute aus anderen Regionen hinziehen würden, und die die Tradition der «Stäcklibuebe» nicht mehr kennen würden.

«In den vergangenen Jahren haben wir hier kein Maitannli-Stellen mehr erlebt»,

heisst es bei der Gemeinde Zuchwil auf Anfrage.

Ursprung und Bedeutung von «Stäcklibuebe»

Laut der Webseite für lebendige Traditionen Schweiz, welche in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Kultur, den kantonalen Kulturstellen und der UNESCO Schweiz entstand, wird die Entstehungsgeschichte wie folgt beschrieben: Mit den «Stäcklibuebe» oder «Stellbuebe» waren ursprünglich die Wehrpflichtigen gemeint, die erstmals Militärdienst leisteten. In der Nacht nach ihrer Aushebung kehrten sie nicht nach Hause zurück, sondern tranken das eine oder andere Gläschen Alkohol und trieben allerlei Schabernack. Seit der Einführung von sechs grossen Rekrutierungszentren für die ganze Schweiz im Jahr 2003 ging diese Tradition der «Stäcklibuebe» weitestgehend verloren. Bis heute treten sie aber noch in einigen Gemeinden der Kantone Aargau, Bern und Solothurn in Erscheinung. Und inzwischen gibt es auch «Stäcklimeitli». Dabei werden in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai Gegenstände aus Vorgärten entwendet und an einem Platz zusammengetragen. Dort müssen sie die Dorfbewohnerinnen und -bewohner tags darauf abholen. In derselben Nacht stellen die «Stäcklibuebe» in vielen Gemeinden auch die sogenannten Maitannli auf. Sie nennen sich deshalb auch «Maibuben». Ferner wurde es auch geläufig, dass manche «Stäcklibuebe» in der ersten Mainacht heimlich versuchen, Maitannen in anderen Gemeinden umzusägen.