Suizidprävention

Psychische Leiden nicht tabuisieren

Das Bundesamt für Gesundheit lanciert einen Aktionsplan zur Suizidprävention. Auch der Kanton Solothurn wird diesen umsetzen.

Morena Adimari
Drucken
Teilen
Präventive Massnahme: Industriekletterer montierten 2009 Drahtnetze am Geländer der Kornhausbrücke Bern.

Präventive Massnahme: Industriekletterer montierten 2009 Drahtnetze am Geländer der Kornhausbrücke Bern.

Keystone

Die Suizidrate in der Schweiz bleibt hoch: Deutschland, Grossbritannien, die Niederlande und viele andere Länder liegen in den Statistiken weit unter der Schweiz. Innerhalb der Landesgrenze lassen sich kantonal kaum grosse Schwankungen feststellen.

So befindet sich die Solothurner Suizidquote (2014) mit 12 Fällen pro 100 000 Einwohner im «Normalbereich». Wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) berichtet, sterben schweizweit jährlich rund 1000 Personen aufgrund eines Suizids. Täglich werden 20 bis 30 Personen nach einem Suizidversuch medizinisch versorgt.

In den letzten Jahren wurden viele Massnahmen zur Suizidprävention ergriffen: So konnten durch den erschwerten Zugang zu Waffen und durch die Sicherung von Sprungplattformen die Suizidfälle stark reduziert werden. «Der Kanton Solothurn verfügt bereits über wichtige Institutionen für die Förderung der Suizidprävention», berichtet Manuela Meneghini, Programmleiterin psychische Gesundheit beim kantonalen Gesundheitsamt.

Obwohl in den letzten 20 Jahren sowohl auf Kantons- wie auf Bundesebene grosse Erfolge erzielt wurden, könnte noch einiges geleistet werden. Deshalb initiiert das BAG einen gesamtschweizerischen Aktionsprogramm zur Suizidprävention. Der Kanton Solothurn wird diesbezüglich «die vorhandenen und aktuellen Angebote ausbauen und fördern», so Meneghini.

Konkreter Aktionsplan

Nebst der Offenlegung von zehn Zielen, definiert der Aktionsplan die Handlungsspielräume von Bund und Kanton: Der Bund werde lediglich die Schlüsselmassnahmen übernehmen (Monitoring und Forschung).

Die Kantone hingegen müssen auf verschiedenen Ebenen Strategien entwickeln, verschiedene Organisationen und Kampagnen unterstützen sowie Leistungsaufträge mit diversen Institutionen eingehen. Nicht zuletzt müssen die Ansätze zur Erschwerung der Suizidmittelbeschaffung weiterhin verfolgt werden.

Eine parlamentarische Motion beauftragte 2014 den Bundesrat damit, einen Aktionsplan zur Stärkung der Suizidprävention vorzulegen und umzusetzen. Dabei wurde eine Stärkung der gesamtschweizerischen Suizidprävention verlangt. Das BAG verabschiedete nun am 24. November den Aktionsplan Suizidprävention, der ab 2017 in Kraft tritt. Ziel ist eine Verminderung der Suizide: Bis 2030 sollten die jährlichen Todesfälle um 25 Prozent reduziert werden, das ergebe 300 Fälle weniger pro Jahr.

«Depression ist behandelbar»

Der nicht–assistierte Suizid sei keine Krankheit, wie das BAG berichtet, sondern ein Symptom. Oftmals entstehe ein solcher Entschluss aus dem Zusammenwirken multipler Faktoren, die in einer Krisensituation auftreten.

Ein solcher Moment erscheine ausweglos und bewirke eine starke emotionale Einengung des Denkens: «Ein solcher Akt ist in den seltensten Fällen wohlerwogen», erklärt Martin Hatzinger, Chefarzt Psychiatrische Dienste der Solothurner Spitäler (soH). Eine psychische Krankheit sei meistens der Hauptfaktor, der vermengt mit anderen zu einem Suizidversuch führe, teilt das BAG mit.

Wie Hatzinger berichtet, gelten Depressionen als häufigste Ursache für einen Suizid; gerade deshalb sei eine frühzeitige Erkennung dieser Krankheit wichtig. «Sowohl Angehörige wie auch betroffene Personen sollten wissen, dass Depressionen behandelbar sind», sagt Hatzinger. Man könne Vieles dagegen unternehmen.

Aus diesen Gründen scheint eine Sensibilisierung und eine Förderung der Institutionen, die sich mit psychischen Erkrankungen – insbesondere mit Depressionen – auseinandersetzen, als wichtiger Pfeiler für die Suizidprävention.

Aufklärung und Hilfe: die Anlaufstellen

Online-Plattformen:

- tschau.ch

- ipsilon.ch

- anlaufstelle-suizid.ch

- 143.ch

- 147.ch

- solothurner-buendnis.so.ch

- selbsthilfesolothurn.ch

Telefonische Assistenz:

- Tel. 147 (Pro Juventute)

- Tel. 143 (Dargebotene Hand)

- 0800 55 42 10 (Kindernotruf)

- 0848 35 45 55 (Elternnotruf)

Psychiatrische Dienste:

- Solothurn 032 627 11 11

- Olten 062 311 52 10

Notfall- und Krisenambulanz für Erwachsene:

- Solothurn 032 627 11 11

- Olten 062 311 52 10

Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienste:

- Solothurn 032 627 17 00

- Grenchen 032 654 56 10

- Olten 062 311 20 10

- Balsthal 062 311 20 40

Viele kantonale Anlaufstellen

Wie auch das BAG erklärt, sind in der Suizidprävention niederschwellige Angebote (so beispielsweise Online-Plattformen) unentbehrlich. Obwohl der Kanton viele Projekte unterstützt, gibt es in diesem Gebiet, verglichen mit anderen Kantonen, noch grosse Ausbaumöglichkeiten. In diesem Zusammenhang erklärt Manuela Meneghini: «Solche Angebot müssen verstärkt gefördert und ausgebaut werden.»

Mit den hingegen aktuell laufenden Massnahmen und Kampagnen, die hauptsächlich im Bereich der psychischen Gesundheit arbeiten, erzielt der Kanton teilweise gute Resultate. «Mit der Einführung des Tages der psychischen Gesundheit hatte der Kanton Solothurn eine schweizerische Vorbildfunktion», so Meneghini.

An diesem internationalen Aktionstag werden an diversen Standorten beispielsweise Informationsstände angeboten. Ein weiteres positives Ergebnis erzielen die Aktionstage, die jeweils kostenlos verschiedene Informationsangebote darbieten und Anlässe veranstalten (etwa Vorträge und Filme). Initiiert wurde Letzteres vom Amt für soziale Sicherheit in Mitarbeit mit der Pro Infirmis Aargau-Solothurn, den Psychiatrischen Diensten der Solothurner Spitäler (soH) und der Solidaris Stiftung.

Auch das Bündnis gegen Depression leiste eine ausgezeichnete Arbeit, so Meneghini. Diese Institution betreibt Aufklärungsarbeit und fördert die Kommunikation unter Betroffenen und Angehörigen.

Nicht zuletzt werde mit Multiplikatoren zusammengearbeitet: Personen, die aufgrund ihrer Tätigkeit als Unterstützerfiguren dienen können – etwa Pfarrer und Lehrkräfte. Dem Bündnis gegen Depression sind unter anderem auch die psychiatrischen Dienste der Solothurner Spitäler angeschlossen.

Obwohl sich diese Organisation nur am Rande mit der Suizidprävention befasst, gebe es hier grosse Ausbaumöglichkeiten, um die Umsetzung des Suizidpräventionsaktionsplans erfolgreich zu gestalten, wie Manuela Meneghini und Annette Hitz, Leiterin des Bündnisses gegen Depression, erklären.

Keine Tabuisierung

Das Bündnis gegen Depression – sowie viele andere Institutionen – setzt sich seinerseits stark ein, um die psychischen Krankheiten zu entstigmatisieren. «Die Akzeptanz solcher Erkrankungen sollte in der Bevölkerung noch wachsen», berichtet Hitz; ähnliches gelte auch für die Suizidthematik. «Das Thema sollte aufgegriffen und nicht tabuisiert werden», sagt Hitz.

In dieser Hinsicht erklärt auch Hatzinger, dass das Bewusstsein für die Wahrnehmung einer Krisensituation in der Bevölkerung gestiegen sei. Nichtsdestotrotz könne sich die aktuelle Lage durchaus noch verbessern.

Deshalb sei es in der künftigen Suizidprävention wichtig, nicht nur die suizidgefährdeten Personen anzusprechen, sondern auch die Wachsamkeit der Angehörigen zu fördern. «Oftmals ist die akute Suizidphase kurz» und könne verhindert werden, so Hitz. Aufgrund solcher Tatbestände erscheint es wichtig, wie Hatzinger erklärt, die gesamte Bevölkerung «auf bestehende Angebote aufmerksam zu machen».

Alle Zahlen und die Diskussion beziehen sich nicht auf Fälle von assisstiertem Suizid.