Studie zeigt: Kanton Solothurn altert stark – das setzt soziale Systeme unter finanziellen Druck

2033 wird voraussichtlich der letzte Jahrgang der «Babyboomer» pensioniert. Ab dann steht die Region Solothurn vor einer neuen Situation: Im Verhältnis zu den Generationen im Erwerbsleben werden jene der Rentner überproportional grösser sein. Erstmals belegen Prognosen diese Vermutung.

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Die Bevölkerung im Kanton altert stärker. (Archiv)

Die Bevölkerung im Kanton altert stärker. (Archiv)

Walter Schwager

Bereits seit Jahren machen Experten auf die Problematik aufmerksam: In den nächsten 15 Jahren tritt die Generation der sogenannten «Babyboomer», all jener, die in den rund 20 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden, aus dem Erwerbsleben aus. In Verbindung mit der in den letzten Jahrzehnten gesunkenen Geburtenrate führt dies zu einer stärkeren Alterung der Bevölkerung. Berücksichtigt man ausserdem die Tatsache, dass die Menschen immer älter werden und die Gesundheitskosten weiterhin steigen, ergeben sich daraus strukturelle Veränderungen und die Frage, wie die Gesellschaft ab 2033 auf diese finanziell und strukturell reagieren will. Dann nämlich wird der letzte Jahrgang der «Babyboomer» pensioniert.

Für Prof. Dr. Mathias Binswanger, Volkswirtschaftsprofessor an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), ist diese Feststellung zwar keine Überraschung und Solothurn bilde schweizweit keine Ausnahme. Doch: «Man redet in dieser Frage meist von der AHV, während die Kosten, die auf die Gemeinden zukommen, ausser Acht gelassen werden.» Erstmals prognostizieren nun Zahlen diese Entwicklung für die Region Solothurn. Am Donnerstag wurden sie präsentiert.

Zwei Studierende der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) haben im Auftrag des Verbandes Solothurner Einwohnergemeinden (VSEG) und von sovision espaceSolothurn, einem Verein zur Förderung von wirtschaftlichen Interessen und von kreativen Projekten in der Region Solothurn, Datenmaterial gesammelt und ausgewertet.

Dieses zeigt: Während die Bevölkerung in 41 Solothurner Gemeinden in den nächsten Jahren um 8 Prozent steigt, sinkt die Zahl der Erwerbstätigen um rund 8 Prozent. Gleichzeitig steigt der Anteil an Pensionierten um nicht weniger als 58 Prozent. Beträgt das Verhältnis von Pensionierten zu Erwerbstätigen aktuell 0,302 Prozent – kommen also auf einen Pensionierten drei erwerbstätige Personen - , wird das Verhältnis 2033 0,528 betragen: Auf eine pensionierte Person kommen noch knapp zwei Erwerbstätige.

zvg

Für Mathias Binswanger sowie Sandra Jedrinovic und Florian Kaiser, die Verfasser der Arbeit, zeigt sich zwar, dass die Bevölkerung in der untersuchten Region leicht anwachsen wird. So werden die Steuererträge zumindest keinen Einbruch erleiden, sondern eher leicht anwachsen. Doch die Arbeit kommt auch klar zum Schluss: «Die sozialen Systeme werden immer mehr unter finanziellen Druck geraten.» Die Ergänzungsleistungen AHV, Altersheimbeiträge und Spitex-Kosten werden, je nach Gemeinde, zwischen 30 und 90 Prozent wachsen und vermehrt den Gemeinden belastet werden.

Für Solothurn bedeutet dies etwa, dass auf die Stadt 2033 im Vergleich zu 2017 1,34 Mio. Franken Mehrkosten zukommen. In Biberist wachsen die Kosten von 2017 bis 2033 gemäss der Prognose um gut 1 Mio. Franken, in Langendorf um 250‘000 Franken, in Riedholz und Messen beispielsweise um 340‘000 bzw. 270‘000 Franken. In der ganzen Region mit den 41 untersuchten Gemeinden steigen die Kosten in diesen 16 Jahren um 9,2 Mio. Franken (2017: 18,5 Mio. Franken, 2033: 27,7 Mio. Franken).

VSEG will mit Strategiegruppe Lösungen suchen

Mitte September zeigte eine Studie der Credit Suisse für die gesamte Schweiz, dass ab 2021 mehr Erwerbstätige den Arbeitsmarkt verlassen als dass 20-jährige Arbeitnehmende nachrücken. Ebenfalls Ende Sommer zeigten Zahlen aus dem Kanton Aargau die Problematik der wachsenden Gesundheits- und Pflegekosten. Trotz punktueller Gegenmassnahmen und -entwicklungen sind dort die Gesundheitskosten in den letzten zehn Jahren enorm gestiegen: 2018 hat die Bevölkerung, die über 80-jährig ist, um gut 86 Prozent höhere Leistungen bezogen als noch 2010.

Entsprechendes Zahlenmaterial und Prognosen aus dem Kanton Solothurn sind bisher nicht bekannt. Genau hier ortet Thomas Blum, Geschäftsführer des Verbandes Solothurner Einwohnergemeinden (VSEG), ein Problem: «Es wurden zu lange alle Augen zugedrückt.» Man sei sich vonseiten der kantonalen Politik der Problematik und ihrer Dringlichkeit zu wenig bewusst.

Die Arbeit der FHNW liefert nun den Anlass, das Thema erneut aufzugreifen: «Wir müssen eine strategische Arbeitsgruppe ins Leben rufen, die zuhanden der Politik Themen und Handlungsmöglichkeiten prüft», stellt Blum fest. Die wichtigsten Stakeholder sollen an einen Tisch geholt werden, wo unbefangen die künftigen Bedürfnisse, technische und strukturelle Möglichkeiten sowie regulatorische Rahmenbedingungen diskutiert und definiert werden. Mit den Erkenntnissen und Anforderungen möchte man bereits Ende 2019 oder zumindest im ersten Halbjahr 2020 an die Politik treten und so möglichst schnell eine Basis schaffen, damit sich der Kanton für die Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte rüsten kann. Dabei soll man sich aber nicht nur auf die Altersfrage fokussieren, denn für familienfreundliche Strukturen oder junge Menschen sind ebenso Überlegungen gefordert.

Im Weiteren wird der VSEG mit seinen Partnern ein Altersleitbild/Alterskonzept für den Kanton entwerfen, welches den zukünftigen Herausforderungen Rechnung trägt. Die Gemeinden wollen die neue Alters- und Gesundheitspolitik im Kanton Solothurn auf der Basis einer ganzheitlichen Versorgungskette (Prävention, freiwilligen Arbeit, ambulante Pflege, stationäre Pflege, Spezialangebote wie Palliativ Care-/Demenzangebote etc.) neu ausrichten sowie zukunftsfähig und finanzierbar ausgestalten. Die bisherige kantonale Altersplanung basierte lediglich auf einer ressourcengesteuerten Bettenplanung, die den zukünftigen Ansprüchen nicht mehr genügen kann.

Durchmischung ist wichtig

In der Arbeit der FHNW betonen die Autoren auch die Wichtigkeit der Durchmischung. «Wenn eine Gemeinde nur darauf fokussiert ist, den älteren Leuten Angebote und ein angenehmes Leben zu ermöglichen, kann es sein, dass die anderen Bevölkerungssegmente dadurch untergehen.» Die Gefahr, dass ein Dorf so zur «Alterssiedlung» werde, müsse ausgeräumt werden, da die Ausgaben der Gemeinde gegenüber den Einnahmen unverhältnismässig ins Gewicht fallen. «Das Zusammenleben von allen Generationen sollte in allen Gemeinden gefördert werden», so die Autoren.

Die bisherige Struktur könne dabei auch als gute Voraussetzung für die weitere Entwicklung genutzt werden. Doch auch wenn die Autoren darauf aufmerksam machen, dass auf dem Land die fehlende medizinische Versorgung auffalle, sind sie der Ansicht, dass eine flächendeckende, dichte Versorgung wenig Sinn mache. Andere Lösungen wie Hausbesuche von Ärzten oder digitale Lösungen würden besser passen. Statt das jede Gemeinde ihre eigene Lösung sucht, müssten die Gemeinden als Region nach der passenden Lösung mit entsprechender Verteilung der Kosten suchen. Auch Mathias Binswanger stützt mit Blick auf die regionalen Strukturen diese Idee: «Das ist der einzig gangbare Weg.»

Auch für André Naef, Präsident von sovision espaceSolothurn stehen für die Region konstruktive Lösungen im Vordergrund. Im Vergleich zu früher seien Personen, welche aus dem Erwerbsleben austreten, heute wesentlich mobiler und fitter. Oft würden sie sich sogar wünschen, noch weiter einer Tätigkeit nachgehen zu können. «Dieser Wunsch kann sowohl im privaten Sektor als auch in der Wirtschaftswelt erfüllt werden», so Naef. Komplementär zur Spitex könnte er sich eine Organisation vorstellen, die nicht-medizinische Leistungen und Einsätze auf niederschwelliger Basis anbietet – eine «Homex»: von Einkäufen und Erledigen von Besorgungen über Arbeiten in Haushalt und Garten bis zu Begleit- und Fahrdiensten für Arztbesuche.

Auch in der Arbeitswelt lasse sich, mit etwas Flexibilität, der drohende Fachkräftemangel abschwächen, wenn das Pensum von Mitarbeitenden mit viel Know How über längere Zeit geplant und Schritt für Schritt reduziert wird – auch über das Pensionsalter hinaus. Weiter sieht Naef in der demografischen Veränderung auch eine wirtschaftliche Chance für die Region.

Mit dem Wissen der hier ansässigen Medizinal-, Technologie- und Industrieunternehmen sieht er ein grosses Potential in der Entwicklung zukunftsgerichteter, gesundheitlicher Dienstleistungen. Und nicht zuletzt geht auch eine Feststellung der Studie in die gleiche Richtung, in die sovision denkt: Die Gemeinden müssen über alle Generationen hinweg durchmischt bleiben, damit die Region Solothurn attraktiv bleibt. Damit Alt und Jung neben- und miteinander, statt isoliert voneinander leben kann, sind neue Denkweisen gefragt. (mgt)