Zwei Sichten

Und plötzlich gilt es ernst: Wie Patient und Ärzte einen Notfall erleben

Mit ernsthaften gesundheitlichen Problemen in der Notaufnahme zu landen, wünscht sich niemand: Schmerzen, Verunsicherung, gar Todesangst machen sich breit. Umso mehr sind Ärzte und Pflegende gefordert und müssen einen kühlen Kopf bewahren. Ein Fallbeispiel aus dem Bürgerspital Solothurn.

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Die Notfallstation des Bürgerspitals Solothurn. Der Eindruck, den dieses Bild vermittelt, täuscht: Hier herrscht meist Hochbetrieb.

Die Notfallstation des Bürgerspitals Solothurn. Der Eindruck, den dieses Bild vermittelt, täuscht: Hier herrscht meist Hochbetrieb.

Hansjörg Sahli

Die Aussensicht: Ein Betroffenheitsbericht über eine nächtliche Notaufnahme

von Gundi Klemm

Man kann, wie dankbare Patientinnen und Patienten immer wieder bestätigen, eine gute Betreuung und Pflege im Bürgerspital erhalten. Doch manchmal verläuft der Spitaleintritt mängelbehaftet und nicht ganz wunschgemäss.

Weil sie ihre gewaltigen Schmerzen, ihr ständiges Schwindelgefühl und ihre Ängste als «austherapierte», noch allein lebende Krebspatientin nicht mehr aushält, bittet sie eine Bekannte, sie um 22. 30 Uhr in die Notaufnahme des Bürgerspitals zu fahren. Von einem vor kurzem hier erfolgten Spitalaufenthalt ist die 83-jährige, auf weit unter 40 kg abgemagerte Frau beim Empfang in der Notaufnahme via Computerabfrage bekannt.

An diesem späten Abend herrscht hör- und sichtbar keine betriebliche Hektik in dieser Spitalabteilung. Der Patientin widmet sich wenig später eine Pflegefachfrau im Triageraum. Auf deren Frage: «Warum kommen Sie zu uns?», weist die Seniorin mit schmerzgezeichnetem Gesicht auf ihre den ganzen Körper betreffenden Schmerzen, ihre Atemnot und die durch Wassereinlagerungen stark aufgeschwollenen Füsse und Beine hin. Weil sie aber in ihrem Leidenszustand den Grund für ihre Schmerzen nicht nennt, weist ihre Begleitung auf die bestehende, mehrfach operierte und inzwischen nicht mehr behandelbare Krebserkrankung hin.

Sie erinnert wie bereits beim Empfang daran, dass im Bürgerspital eine Krankenakte über die Seniorin vorhanden sei. Die Pflegefachfrau füllt ein Aufnahmeformular aus und geleitet die Patientin und deren Begleitung in ein Untersuchungszimmer. «Legen Sie hier bitte Ihre Kleider ab und ziehen Sie das Nachthemd an», lautet dort ihre Aufforderung vor dem Verlassen des Raums. Sie klärt nicht, in welchem Verhältnis die Begleitung zur Patientin steht, die ihren Kleiderwechsel nicht allein und schliesslich nur mithilfe der Bekannten bewältigen kann.

Bessere Kommunikation

Nach mehr als halbstündiger Wartezeit betritt ein Pflegender den Raum, der sich zwar freundlich, aber mit einem für die betagte Frau kaum verständlichen süddeutschen Dialekt vorstellt. Er gibt sich redlich Mühe, Blut aus einer Armvene der Patientin zu gewinnen, was drei Mal misslingt, stets zusätzliche Schmerzen verursacht, bis sie eine weitere Tortur ablehnt. Die diensthabende Ärztin kommt dazu und begrüsst in schnell artikuliertem Hochdeutsch die Patientin, die darum bittet, langsam und deutlich zu sprechen. Wieder steht die Frage im Raum: «Erzählen Sie mal, warum Sie in die Notaufnahme kommen.» Die Patientin ringt mit den Tränen und sagt: «Das habe ich doch eben schon geschildert.»

Die Begleiterin bittet daraufhin erneut, das Patientendossier zu konsultieren, weil es doch alle wichtigen Informationen zum Gesundheitszustand der Seniorin enthalte. Zu allen Einzelheiten des Krankheitsgeschehens hat nämlich die Begleitung als entfernt wohnende Bekannte der Patientin einen nur unvollständigen Überblick.
Um die medizinischen Fachkräfte in ihrer Arbeit nicht durch ihre Anwesenheit zu belasten, verlässt die Bekannte das Untersuchungszimmer in der Hoffnung, dass sich danach eine etwas warmherzigere, empathische Zuwendung gegenüber der Seniorin entwickelt.

Beim Besuch am nächsten Morgen ist die betagte Frau glücklich, in einem warmen Bett zu liegen und sich von den Pflegekräften dieser Station liebevoll betreut zu wissen. Da sie klar im Kopf ist, glaubt sie, dass dieser Bericht, den sie ausdrücklich autorisiert, das grundsätzliche Verständnis des professionellen Personals gegenüber alten und kranken Menschen verbessert, wenn sie in der Notaufnahme Hilfe suchen. «Vielleicht habe ich auch nur einen falschen Moment erwischt», lächelt sie versöhnlich.

* Die Autorin ist freie Mitarbeiterin der Redaktion und beschreibt ihre Erfahrung als Begleitperson.

Innensicht: Womit Ärztinnen, Ärzte und Pflegende zu kämpfen haben

von Eva Maria Genewein*

Wir sind uns bewusst, dass Patientinnen und Patienten, die unsere Notfallstation aufsuchen, sich in einer Notsituation befinden, Schmerzen haben, leiden. In einer solchen Lage wird der Ablauf auf der Station – Aufnahme, Triage, ärztliche Behandlung und vor allem die mehrfache Frage nach dem Leiden von Patienten und Angehörigen als unangenehm und sinnlos empfunden. Auch Wartezeiten sind unglücklich, teilweise sogar gefährlich und doch kommen sie vor – und sind immer wieder Anstoss für Reklamationen. Könnten Notfallstationen nicht besser organisiert sein? Könnten Patienten nicht einfach in ein warmes Bett gelegt werden, sofort ist die Ärztin zur Stelle, die sofort erkennt, wo das Problem liegt. Die Ärztin, die weiss, woran die Patientin abends um 22.30 Uhr so schwer erkrankte, dass sie keine Kraft mehr hatte zu sprechen?

Die Antwort könnte lauten: ja, wenn …, aber sie heisst nein, weil ... die Notfallstation des Bürgerspitals Solothurn täglich von durchschnittlich 90 Menschen in Not aufgesucht wird: In den meisten Fällen gelangen sie ohne Vorankündigung zu uns. Notfallstationen müssen so organisiert sein, dass jeder Patient möglichst sofort nach Eintreffen von der Triagefachperson in Bezug auf die Dringlichkeit des Leidens beurteilt werden kann. Zu uns kommen Patienten, die den Schockraum benötigen, weil sie beispielsweise an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall erkrankt sein könnten, und Patienten, die wegen einer Schnittwunde oder Verstauchung eines Gelenkes in die Hausarztpraxis weitergeleitet werden.

Ruhe bewahren ist wichtig

Dem Notfallteam sind die Patienten in der Regel nicht bekannt, auch wenn sie über Jahre von Spezialisten im Haus betreut wurden. Die Triagefachperson alarmiert die Ärztin und gibt ihre Informationen weiter. Die Ärztin sucht die Dokumente im Computer und ist bei Begrüssung der Patientin mit dem Grundleiden der Patientin bereits mehr oder weniger vertraut. Trotzdem muss sie sich nach dem jetzigen Befinden erkundigen, da ja ein neues Leiden – in diesem Fall die starken Schmerzen und der Schwindel – Ursache für die Konsultation auf der Notfallstation ist. Es gilt jetzt, dafür die Ursache zu finden, damit eine Therapie erfolgreich sein kann. In der Regel nimmt die Ärztin mit dem zuständigen Spezialisten Kontakt auf und erhält dadurch nochmals wichtige Informationen.

Am beschriebenen Abend war die Notfallstation bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Mitarbeitenden hatten alle Hände voll zu tun und liessen sich selbstverständlich nichts anmerken. Professionelles Handeln und gute Organisation bedeuten Ruhe auf der Notfallstation. Und Ruhe sind wir unseren Patienten schuldig, die aufgrund ihrer Beschwerden unter grosser Belastung stehen. Die Ruhe ist aber auch wichtig für uns, damit wir konzentriert arbeiten können. Es verleitet aber zu meinen, dass «hör- und sichtbar keine betriebliche Hektik» spürbar ist. Die Aussensicht ist hier mit Recht eine andere als die Innensicht. Wir wollen unseren Patienten die nötige Ruhe vermitteln können.

Das Eintreffen auf der Notfallstation war nicht «der falsche Moment», sondern das Zusammentreffen von Realitäten, die in diesem konkreten Fall unterschiedlicher nicht sein könnten: eine betagte Patientin am Rande ihrer Kräfte mit der Ahnung um die Endlichkeit ihres Lebens und ein Notfallsystem, das auf Sicherheit und Zeitgerechtigkeit der Diagnostik und Therapie basiert, die Erhaltung des Lebens vor Augen. Könnte dieses Ereignis ein Anstoss für neue Abläufe sein? Wir werden darüber nachdenken und nehmen die Anregung dankbar an.