Auf einen Kaffee mit ...

Vilson Dedaj hat erst vom Vater vom Doppeladler gehört

Vilson Dedaj, Torwart des FC Solothurn, spricht über albanische Wurzeln, Gefühle und das Leben in zwei Kulturen. Ausserdem erzählt er, wie zum Doppeladler, dem Zeichen für Grossalbanien, steht.

Urs Byland
Drucken
Teilen
Zeigt in der Stadionbeiz Gefühle: Vilson Dedaj.

Zeigt in der Stadionbeiz Gefühle: Vilson Dedaj.

UBY

Vilson Dedaj ist ein grosser Mensch, aber nicht unbestritten die Nummer Eins im Tor des FC Solothurn. «Der Andere», wie er ihn nennt, sei auch gut. «Der Andere» ist Jeffrey Grosjean. Gemeinsam haben sie dafür gesorgt, dass der FC Solothurn kaum Tore zulassen musste. Die nicht mehr vorhandene Komfortzone als Nummer 1, die sportliche Rivalität mit Grosjean, beschäftigt Dedaj wahrscheinlich mehr, als er sich anmerken lässt. Die Rivalität der beiden Tormänner ist aber nicht das Thema in der Stadionbeiz.

Schmerzhafte Erinnerungen

Das Thema ist der Doppeladler, das Zeichen für Grossalbanien, das die Fussballer Granit Xhaka und Pajtim Kasami nach Torerfolgen in ihren Clubs mit beiden Händen, ineinander gehakten Daumen und gespreizten Fingern formten. Thema ist das Leben in zwei Kulturen. Was für die Schweizer klar ist, wird für den Schweizer mit kosovo-albanischen Wurzeln zur Gratwanderung. Der Sturz kommt unerwartet. Bei der Frage, was er für Kosovo fühle, brechen bei Vilson Dedaj die Dämme.

«Ich bin dort geboren, ich hatte meine Familie, ich habe den Krieg erlebt ...», dann schluchzt der sonst immer lachende Riese und ist minutenlang nicht fähig eine Silbe zu sprechen. Im Kosovo-Krieg 1998-1999 sterben über 10 000 albanisch-stämmige Bewohner des späteren Kosovo, fünf Mal mehr als auf der Gegenseite bei den Serben. Am 29. April 1999, berichtet Dedaj, werden im Dorf Gjakova, von wo er stammt, alle Männer ab 16 Jahren zusammengetrieben und erschossen. Unter den Opfern sind Dedajs Onkel und ein Cousin.

Mit dieser, seiner Reaktion auf die Frage habe er selber nicht gerechnet, gesteht Vilson Dedaj. 1999 war er 12 Jahre alt. Sein ermordeter Cousin 16. Hinterlassen hatte der Onkel einen Sohn im gleichen Alter wie Vilson Dedaij und eine Tochter. «Sie waren nicht 16 Jahre alt und durften überleben.» Überlebende Cousine und Cousin flüchteten mit der Mutter in die Schweiz. «Ich bewundere ihn extrem, wie er das Leben trotz des Verlusts des Vaters meisterte und eine eigene Familie gründen konnte.»

Die Nachkriegszeit sei voller Hoffnung für den neuen Staat gewesen, nimmt Dedaj den Faden wieder auf. Zwei-, dreimal jährlich besucht er Verwandte in Kosovo. Das verbinde ihn, wie auch die albanische Musik. Viele Feste und Hochzeiten in Kosovo hat er miterlebt und dabei mit dieser Musik viel Freude verspürt. Und der Doppeladler? Er wisse nicht, wie er reagieren würde, denn als Tormann hat er ja noch nie ein Tor gemacht.

Der Doppeladler oder Grossalbanien war für den bald 27-jährigen Kältetechniker bisher aber kein Thema. Als das Skandalspiel Serbien gegen Kosovo-Albanien abgebrochen wurde, habe er seinen Vater fragen müssen, was das für eine Fahne sei, die da an einer Helikopter-Drohne über den Rasen schwebte. «Ich hatte diese Fahne noch nie gesehen. Ich wusste aber schon, dass in mehreren Ländern Albaner leben.» Er vermute, dass vor allem rechtsnationale Kreise dieses Symbol benutzen. «Die jungen Kosovaren haben dieses Zeichen einfach übernommen, weil es cool wirkt, aber ohne zu überlegen, was noch dahinterstecken könnte.»

Im Schweiz-Team undenkbar

Klar sei der Doppeladler in der Schweizer Nationalmannschaft «ein No Go». «Wenn einer ein Tor schiesst, dann macht er dieses für die Schweiz und denkt nicht an Grossalbanien.» Aber ein Familiengruss, wie Pajtim Kasami das Zeichen vor versammelter Presse nannte? «Da steckt schon mehr dahinter.» Das Zeichen sei vor allem bei den jungen Kosovaren ein Symbol geworden, das den Stolz für das neue Land Kosovo ausdrücken soll. Dedaj zeigt Verständnis dafür, dass das Zeichen bei einigen Schweizern nicht gut ankommt. «Der Spieler zeigt ja damit, dass er für Kosovo ist, anstatt beispielsweise ein Kreuz zu machen und sich so als Schweizer zu zeigen.» Er habe aber in Diskussionen mit seiner Schweizer Freundin auch Toleranz gespürt. «Unsere Wurzeln seien nun mal in Kosovo, hat sie gemeint, und Wurzeln seien stärker als ein Stück Papier.»

«Auch etwas zurückgeben»

Ein Stück Papier, das Vilson Dedaj lange verweigert worden ist. Er ist 1992 mit viereinhalb Jahren in die Schweiz gekommen. Sein Vater arbeitete als Saisonnier und konnte damals die Familie, seine Frau und die beiden Söhne, nachziehen. Vilson Dedaj beantragte 2002 den Schweizer Pass. Es dauerte sechs Jahre, bis er diesen als 21-Jähriger erhielt. «Zuerst wurde mir der Pass mit billigen Begründungen verweigert, obwohl wir seit 1992 in Niederbipp wohnhaft waren. Ich habe rekurriert.» Das Verfahren habe ihn gefrustet. «Mein Bruder und meine Eltern erhielten den Pass im März 2008, ich nicht. Als ich nachfragte, hiess es, sie hätten mich vergessen.» Er habe die Motivation verloren. Aber Freunde und seine Kollegen vom FC Niederbipp haben ihn und seine Familie ermuntert, weiterzugehen. «Das ziehst Du jetzt durch, sagten sie, ich müsse dranbleiben.» Er müsse als Kosovo-Albaner froh sein, dass die Schweiz ihn aufgenommen hat, sagt er auch. «Ich fühle mich verpflichtet, auch etwas zurückzugeben.»

Natürlich seien Schweizer irritiert, wenn eingebürgerte Ausländer plötzlich für die alte Heimat so viele Emotionen zeigten. Umgekehrt würde er auch wenig Verständnis haben. «Da kann man sich schon verarscht fühlen. Andererseits muss man die jungen Leute verstehen, ihre Wurzel sind dort, das kann man nicht ändern.» In 20 Jahren sei für die Kinder der Kinder Kosovo nur noch ein Randthema. «Dann überlegen sie nicht bei der Frage nach der Herkunft, sondern sagen: Ich bin Schweizer.»