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Werkleiter der Stahl Gerlafingen: «Ein Bekenntnis zum Werkplatz fehlt»

Zwei Mal stand die Produktion der Stahl Gerlafingen still. Trotzdem fällt das Betriebsergebnis besser aus als budgetiert. Werkleiter Daniel Aebli fordert gleich lange Spiesse für die Produktion und ein Bekenntnis zur Industrie.

Franz Schaible
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Derzeit ist das Stahlwerk in Gerlafingen gut ausgelastet. Trotzdem bleibt unter dem Strich zu wenig übrig.

Derzeit ist das Stahlwerk in Gerlafingen gut ausgelastet. Trotzdem bleibt unter dem Strich zu wenig übrig.

Felix Gerber

«Nicht euphorisch, aber zufrieden»: So umreisst Daniel Aebli, Werkleiter der Stahl Gerlafingen AG, das Geschäftsjahr 2016. Im Stahl- und Walzwerk wird auf einer Fläche von rund 60 Hektaren oder 85 Fussballfeldern seit 1813 ununterbrochen Eisenschrott geschmolzen und Stahl produziert. «Im vergangenen Jahr haben wir 619'000 Tonnen Stahl gefertigt», erklärt Aebli im Gespräch.

Das sind sechs Prozent weniger als im Vorjahr und acht Prozent unter dem budgetierten Wert. Grund dafür sei aber nicht eine schwächelnde Nachfrage gewesen, sondern zwei längere Stillstände. «Im Sommer legte ein Kurzschluss die gesamte Produktion während zehn Tagen lahm.»

Man habe 400 Mitarbeitende in die ungeplanten Ferien schicken müssen. Und im November führte ein Kabelbrand zu einem einwöchigen Stillstand. Entsprechend sank der Umsatz um über 7 Prozent auf 284 Millionen Franken. Der Exportanteil liegt bei rund einem Viertel.

Daniel Aebli ist seit 2014 Werkleiter der Stahl Gerlafingen AG. Sie gehört zur italienischen Stahlgruppe Beltrame.

Daniel Aebli ist seit 2014 Werkleiter der Stahl Gerlafingen AG. Sie gehört zur italienischen Stahlgruppe Beltrame.

Hanspeter Bärtschi

Betriebsergebnis gesteigert

Trotzdem zeigt sich Aebli zufrieden mit dem Geschäftsverlauf. «Denn unter dem Strich haben wir die – zugegebenermassen tiefen – Erwartungen übertroffen», freut sich der Werkleiter. Das Betriebsergebnis auf Stufe Ebitda wird über 10 Millionen Franken betragen. Budgetiert waren 8,7 Millionen. «Das löst aber keine Euphorie aus, denn auch dieses Resultat ist ungenügend.» Das Stahlwerk benötige ein Ergebnis zwischen 15 und 20 Millionen Franken zur Finanzierung der nachhaltigen Ersatzinvestitionen, des Zinsendienstes, der Schuldenamortisation und des Aufbaus einer Reserve. «Dieses Ziel müssen wir so rasch wie möglich erreichen.»

«Das bessere Ergebnis bei einem tieferen Umsatz ist Resultat der Optimierungsmassnahmen», erläutert Aebli. Es sei gelungen, die Kostenbasis zu stabilisieren. Die nach dem Frankenschock im Januar 2015 sofort ergriffenen Massnahmen auf Kostenseite seien im vergangenen Jahr voll zum Tragen gekommen. Der Währungsdruck sei aber immer noch da, und zwar nicht nur im Export, sondern auch im Inland. «Unsere Konkurrenten produzieren in Euro und exportieren wegen den Währungsvorteilen vermehrt in die Schweiz», beobachtet Aebli.

Der Schweizer Markt sei für die Stahlwerke in den angrenzenden Ländern nicht nur preislich, sondern gerade im Baustahlbereich auch absatzmässig ein höchst interessanter Markt. Mit einem Jahresverbrauch von über einer Million Tonnen Betonstahl gehöre die kleine Schweiz zu den Top Fünf in Europa. «Bei einem Eurokurs von 1.20 Franken hätten wir das gewünschte Betriebsergebnis erreicht.»

Für 2017 gibt sich Aebli vorsichtig. «Das Budget liegt nur wenig über den erreichten Eckwerten im vergangenen Jahr.» Der Start sei gelungen, die Absatzziele erreicht und das Werk sei gut ausgelastet. Der Bereich Bewehrungsstahl mit einem Absatzanteil von gegen 90 Prozent profitiere von der guten Baukonjunktur in der Schweiz. Auch wenn sich diese abgeschwächt habe, bleibe das Bauvolumen ausserordentlich hoch. Dagegen leide der Bereich Profilstahl mit einem hohen Exportanteil unter der harzenden Wirtschaftsentwicklung in Europa. Zudem herrsche dort ein Überangebot. China überschwemme den europäischen Markt mit seinem Stahl zu Dumpingpreisen.

Trotz der grossen Herausforderungen, einen genügend rentablen Betrieb zu realisieren, stehe der Standort Gerlafingen für den italienischen Mutterkonzern Beltrame nicht zur Disposition. Die Italiener hätten zwar Mühe zu verstehen, wie die Schweizer Politik mit Firmen umgehe (siehe Kasten). «Der Stahlkonzern leistet aber jede mögliche Unterstützung und der Standort Gerlafingen ist seit der Übernahme 2006 gut integriert», so Aebli.

Beltrame anerkenne, dass innerhalb der Gruppe kein anderes Werk die Kosten so radikal gesenkt habt wie Gerlafingen. «Wir haben intern den Ruf als ‹Anpassungsweltmeister›», sagt Aebli lachend. Letztlich zähle aber die Marge und Beltrame erwartet weitere Verbesserungen. Positiv zu werten sei, dass der Mutterkonzern weiter in den Standort Gerlafingen investiere. 2016 seien es 8 Millionen Franken gewesen, davon alleine 2 Millionen in einen neuen Giesskran. 2017 sind Investitionen in ähnlicher Grössenordnung geplant.

Personal: Spielraum ausgereizt

Ebenso klar sei, dass der personalmässige Spielraum ausgereizt sei. Ende 2016 waren im Stahlwerk 472 Mitarbeitende tätig, 16 weniger als ein Jahr zuvor. «Das ist nun das Minimum, um das Stahlwerk überhaupt betreiben zu können», hält Aebli fest.

Daniel Aebli zu den Rahmenbedingungen: «Das wäre das Aus für das Stahlwerk»

Von «Minenfeldern» auf dem politischen Parkett spricht Daniel Aebli, Werkleiter der Stahl Gerlafingen AG. Bestehende und geplante politische Entscheidungen würden die Wettbewerbsfähigkeit des Stahlwerks gegenüber der ausländischen Konkurrenz massiv beeinträchtigen. Er erwähnt etwa die Netzkosten. Dank den gesunkenen reinen Strompreisen könne Gerlafingen die Energie zwar zu vergleichbaren Kosten wie die Schwesterwerke in Italien und Frankreich einkaufen. Aber die Netzkosten seien in der Schweiz viel zu hoch. Aebli: «Wenn wir in Frankreich produzieren würden, wären die Netzkosten pro Jahr rund 7 Millionen Franken tiefer.» Umsomehr stört er sich an der Absicht, dass die «dicken Stromleitungen», wie sie das Stahlwerk als Grossverbraucher benötigt, mehr kosten sollen. Das führe dazu, dass die Netznutzung noch teurer wird. Vehement wehrt sich Aebli gegen die diskutierte Einführung einer Abgabe auf Graustrom (Energie aus unbekannter Herkunft). Das führe zu höheren Strompreisen und schmälere die Konkurrenzfähigkeit von Gerlafingen weiter. Denn alle im nahen Ausland produzierenden Mitbewerber müssen solche Abgaben nicht bezahlen. «Die Graustromabgabe würde das Aus für das Stahlwerk bedeuten.» Ferner seien die Transportkosten in der Schweiz wegen dem Kabotageverbot viel höher als in Europa. «Zum Schutz des hiesigen Transportgewerbes dürfen inländische Transporte nur mit Schweizer Lastwagen durchgeführt werden.» Das führe dazu, dass Transporte aus Deutschland nach Zürich günstiger seien als jene aus Gerlafingen. Als weiteres Beispiel führt Aebli die 2016 in Deutschland eingeführte Überwachungsregelung an. Demnach müssen Firmen ausserhalb der EU Stahllieferungen nach Deutschland – «unserem wichtigsten Exportmarkt» – ausführlich dokumentieren. «Für uns ist damit ein enormer bürokratischer Aufwand verbunden.» Umgekehrt zähle das neue Regime für ausländische Stahlwerke aber nicht. «Hier fehlt es der Schweizer Politik an Rückgrat.» Aebli fordert eine Industriepolitik, aber nicht im Sinne von Subventionen. Er meint «ein klares Bekenntnis zur produzierenden Industrie mit dem Ziel, dass keine Bestimmungen in die Gesetze einfliessen, welche die heimische Industrie gegenüber der ausländischen Konkurrenz benachteiligen würden.» Keine Probleme dagegen hat Aebli mit der zur Abstimmung kommenden Energiestrategie 2050. Dies im Gegensatz zum Branchenverband Swissmem. Es sei der grösstmögliche Kompromiss, mit dem man leben könne. Hinter der Zustimmung steckt auch Eigeninteresse. «Die Vorlage befreit nämlich grosse Stromverbraucher von der Pflicht, 20 Prozent der KEV-Rückerstattung in Energieeffizienzmassnahmen zu stecken, die kaum noch etwas bewirken.» (FS)