Weissenstein

Wo Schriftsteller Alexandre Dumas sich ein Molkebad gönnte

Am Anfang stand auf dem Weissenstein ein Sennhaus. Doch mit Aufklärung und Romantik wurde es für die wachsende Zahl von Molke-«Kuristen» zu klein. 1828 ging das erste Kurhaus auf. Bis zur Neueröffnung des Hotels Weissenstein 2019 sollten etliche Um- und Ausbauten folgen. Mit einigen Hochs – und Tiefs.

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Ansicht des ersten Sennhauses von 1755 und der Ställe von Süden. Aquatinta von 1817 von Heinrich Keller.
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Schneesport auf dem «Göiferlätsch» vor dem Kurhaus auf einer Ansichtskarte von 1939.
Das baufällige Kurhaus 1987, vor der Renovation von Westflügel und Hauptgebäude.
Die gleiche Ansicht nach der Renovation, im April 1990. Rechts aussen der nicht sanierte Ostflügel.
Aus dem Kurhaus wurde das «Hotel Weissenstein»: Der für über 20 Mio. Franken um und ausgebaute Komplex ist letzten 1. August wiedereröffnet worden. Rechts der neu angebaute Panorama-Pavillon, der bis zu 500 Personen Platz bietet.

Ansicht des ersten Sennhauses von 1755 und der Ställe von Süden. Aquatinta von 1817 von Heinrich Keller.

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Eine unvergleichliche Aussicht über das ganze Mittelland, bis hin zum Alpenkranz. Das war – und ist bis heute – ein Trumpf, den der Weissenstein zu bieten hat. Dazu kamen in den Anfängen der touristischen Nutzung aber noch ganz andere Vorzüge: Kuren mit Milch und Molke, dazu Bäder im Käsewasser; «Kuristenzellen für Brustkranke», die direkt über den Viehställen lagen, aus denen durch Öffnungen würzige – als Bazillen tötend geltende – Stallluft in die Zimmer hochsteigen konnte. All dies lockte an der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert zahlreiche Gäste auf den Solothurner Hausberg. Schwache, Blutarme und Tuberkulosegefährdete: Sie alle schworen auf die heilsamen Kuraufenthalte bei Bergkäse und -butter auf dem Weissenstein.

Zu Zeiten traf sich im vorletzten Jahrhundert auf dem Berg alles, was Rang und Namen hat: Russische Fürsten ebenso wie amerikanische Millionäre, Vertreter der europäischen höheren Gesellschaft wie Intellektuelle. Die Schriftsteller Alexandre Dumas, André Gide, Romain Rolland und Henri Frédéric Amiel bestiegen und beschrieben ihn (teilweise) auch. So Amiel, der den Jura als einen «Balkon ohne Ende» besungen hat. Dumas, der am 29. September 1832 bei einem Molkebad eine schmackhafte Eierspeise genoss und dafür samt Übernachtung und Frühstück vier Franken bezahlte, schwärmte gegenüber der Wirtin: «Mais c’est un paradis que votre auberge, Madame.»

Auf dieser Postkarte von 1905 ist der Anbau rechts vom Kurhaus zu sehen.
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Diese Karte trägt den Poststempel 15.6.1919
Auch diese hier ist mit dem 15.6.1919 datiert
Gleiches gilt für diese Postkarte mit der Aussicht vom Solothurner Hausberg
Diese Karte trägt den Poststempel 3.8.1926
Datierung: 29.9.1947

Auf dieser Postkarte von 1905 ist der Anbau rechts vom Kurhaus zu sehen.

zvg

Ab 1875 gings per Postkutsche auf den Berg

Zuerst stiegen die Kurgäste zu Fuss, zu Pferd oder Esel den steilen Berg hinauf. Ab 1875 stand dann eine vierspännige Pferdepostkutsche im Einsatz, die jeweils morgens um 8 Uhr beim Kurhaus abfuhr und um 9.30 Uhr beim Bahnhof Solothurn eintraf. Der Bergkurs startete dort 14.15 Uhr und erreichte das Ziel um 18.30 Uhr. Ab 1885, so zeigen alte Fahrpläne, wurde der Postkurs gar zweimal täglich geführt.

Mit der Eröffnung der Eisenbahnstrecke Solothurn–Oberdorf– Moutier 1908 verkehrte die Postkutsche dann ab Oberdorf auf den Berg. Doch schon bald gerieten Molkekuren aus der Mode, schossen weit attraktivere und mondänere touristische Destinationen im Berner Oberland und der Innerschweiz aus dem Boden und letztlich brachte der Ausbruch des Ersten Weltkriegs den Kurgästestrom praktisch zum Versiegen.

Der Bau und die Eröffnung des Weissensteintunnels
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Auch damals importierte die Schweiz viele Italiener für den Bau des Tunnels.
Beim Südportal des Weissensteintunnels wurde extra ein «Italienerdorf» errichtet.
Auf der offiziellen Festkarte zur Eröffnung ist ein Belastungszug auf dem Geissloch-Viadukt zu sehen (11. November 1907).
Der Festzug durch Solothurn 1908.
Die Station Gänsbrunnen mit Tunneleingang.

Der Bau und die Eröffnung des Weissensteintunnels

E. Schenker Wirtz

Mehr eine Hypothek als ein schmuckes Kronjuwel

Die bauliche Entwicklung des Kurhauses widerspiegelt den Gang der Zeit. Anstelle des ursprünglichen Sennhauses baute die Solothurner Bürgerschaft 1826/27 ein eigentliches Kur- und Gasthaus, das 1828 eröffnet wurde. Der gute Ruf des Hauses, der Anschluss Solothurns ans Eisenbahnnetz und der wiederholte Ausbau der Bergstrasse lösten wachsende Besucherströme aus. Diesen wurde mit dem Anbau von zwei grossen Seitenflügeln (1862 bis 1867) und zuletzt 1876 mit der Errichtung einer «Trinkhalle» Rechnung getragen.

1877, bei der Aufteilung der Stadtgemeinde Solothurn in eine Einwohner- und eine Bürgergemeinde, gelangte das Kurhaus in den Besitz der Bürgergemeinde. Für die Bürgerschaft war dieses Eigentum über die Jahre hinweg allerdings mehr eine teure Hypothek als ein schmuckes Kronjuwel: Gegen den Zahn der Zeit halfen die kleineren und grösseren Renovationsarbeiten auf die Dauer wenig – für einen entscheidenden Wurf fehlte der Bürgergemeinde das Geld.

Das Kurhaus drohte endgültig zu verlottern, als sich 1985 unter Führung des damaligen Stadtpräsidenten und Nationalrats Urs Scheidegger ein Initiativkomitee bildete, mit dem Ziel, der «Vergangenheit eine Zukunft zu geben». In einer gross angelegten Sammelaktion kam ein wesentlicher Teil der benötigten 5,5 Mio. Franken für die Sanierung des Hauptgebäudes und des Westflügels zusammen.

1990: Kaum eröffnet – schon wieder geschlossen

Am 1. Mai 1990 konnte die «Kurhaus Weissenstein AG» als Baurechtsnehmerin zur feierlichen Eröffnung laden. Doch der Neustart stand unter keinem glücklichen Stern: Die Bauarbeiten waren noch nicht wirklich fertig, betriebliche Mängel wurden offensichtlich und zu schlechter letzt stieg der Restaurateur aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig aus. Gleich nach der Eröffnung musste das Kurhaus auch wieder schliessen. Dank einer Kooperation mit dem Kursaal Interlaken konnte der Betrieb zwei Wochen später dann doch starten. Mehr schlecht als recht gings darauf mit verschiedenen Pächtern weiter.

Baulicher Handlungsbedarf auch im bisher nicht renovierten Ostflügel setzte die Bürgergemeinde weiter unter Druck, worauf die Regiobank Solothurn als Käuferin einsprang: Mehr der Not als dem eignen Triebe folgend. Dass gleichzeitig auch die Zukunft des 1951 in Betrieb genommenen Sesselliftes lange ungewiss und umstritten blieb, erschwerte während Jahren einen Durchbruch. Erst die Eröffnung der neuen Gondelbahn Ende 2014 sorgte für eine neuen Ausgangslage (siehe Kasten).

Aus dem Kurhaus wurde das «Hotel Weissenstein»

Lange schien die Zukunft des geschichtsträchtigen, aber verlotternden Kurhauses wenig rosig. Doch Ende 2014 sorgte die Eröffnung der neuen Gondelbahn – anstelle des alten Sessellifts – für eine neue Perspektive: Eine Investorengruppe – um Tom und Arabelle Umiker sowie Urs Hoffmann (Generalbauunternehmung Baulink AG) – kaufte 2015 der Regiobank Solothurn das Kurhaus ab. Am 11. September 2017 erfolgte der Spatenstich für ein ambitiöses, über 20 Mio. Franken teures Projekt. In dessen Rahmen wurden die bestehenden Bauten umfassend saniert und ausgebaut. Neues Herzstück, das auch grössere Veranstaltungen und somit zusätzliche Frequenzen ermöglichen soll, ist die 500 Personen fassende Panorama-Halle. Am 1. August dieses Jahres wurde der Gesamtkomplex, nun «Hotel Weissenstein», neu eröffnet. (ums.)