Derendingen

Sind Musiklehrer wirklich gegen erleichterten Zugang zum Unterricht?

Der Musiklehrer Andreas Meier und der Musikschulleiter Matthias Pfeiffer aus Derendingen ärgern sich über Aussagen von Kantons- und Gemeinderat Markus Baumann.

Urs Byland
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Musikschülerinnen und -schüler zeigen ihr Können an einem Konzert.

Musikschülerinnen und -schüler zeigen ihr Können an einem Konzert.

AZ

In seiner Gastkolumne urteilt Derendingens SP-Gemeinderat Markus Baumann über die Derendinger Musiklehrerinnen und Musiklehrer. Gewerkschafter Baumann schreibt, die Musiklehrer würden sich gegen den erleichterten Zugang zum Musikunterricht für Schulkinder wehren. Er verstehe nicht, weshalb Ehre und Stolz der Musiklehrkräfte mit der Annahme der SP-Motion an der Gemeindeversammlung verletzt würden. Die Motion fordert eine Senkung der Musikschulbeiträge.

Auf Unverständnis stossen Baumanns Sätze bei Klavierlehrer Andreas Meier und Musikschulleiter Matthias Pfeiffer.

Andreas Meier und Matthias Pfeiffer, weshalb wird mit diesem Entscheid, pauschal 120 Franken Elternbeitrag für Gruppenunterricht und 300 Franken für Einzelunterricht zu verlangen, Ihre Ehre und Stolz verletzt?

Andreas Meier: Der Elternbeitrag hat mit meiner Entlöhnung nichts zu tun. Aber meine Kunden sind die Musikschüler und deren Eltern. Die Eltern kaufen eine Leistung bei mir ein für den Musikunterricht. Die Motion schadet dieser Dreiecksbeziehung. Wenn ein Glied wegfällt, sollte man wissen, an welchem Rädchen man dreht und welche Auswirkungen das hat.

Referat gegen SP Motion wurde nicht gehalten

Rund 200 Kinder besuchen den Instrumentalunterricht an der Musikschule von Derendingen. Mit der SP-Motion wird künftig ein Ertrag durch Elternbeiträge von 50 000 Franken erwirtschaftet und plafoniert. Die Kosten der Musikschule belaufen sich auf rund eine halbe Million Franken.

An der Gemeindeversammlung vom 14. März wurden zwei Motionen angenommen. Einerseits die SP-Motion, die pauschal einen Elternbeitrag von 120 Franken verlangte. Falls die Eltern Einzelunterricht verlangen, soll der Elternbeitrag bei 300 Franken liegen (heute 520 Franken). FDP und CVP formulierten eine Gegenmotion, in der sie eine ganzheitliche Evaluierung und Neugestaltung der Musikschule verlangten.

Musiklehrer Andreas Meier hatte ein Schreiben an die Eltern seiner Schüler verfasst, in dem er seine persönliche Meinung zur Motion kundtat. Die Schulleitung und die Musiklehrerschaft beauftragte ihn zudem in ihrem Namen an der Gemeindeversammlung in einem Referat Stellung zu beziehen. Das Referat wurde aber nicht gehalten.

Markus Baumann hatte vom Brief Meiers Kenntnis und intervenierte bei Versammlungsleiter und Gemeindepräsident Kuno Tschumi. Dieser erklärt: «Wir haben die Argumente der Musiklehrer bereits im Gemeinderat diskutiert. Ich empfahl deshalb, diese Argumente nicht nochmals an der Gemeindeversammlung vorzutragen.» (uby)

An welchem Rädchen wird gedreht?

Es entsteht ein Ungleichgewicht. Ich plädiere dafür, dass man den Musikunterricht und die Beziehung zum Musiklehrer auf einer Werteebene schätzt und nicht nur auf der Geldebene. Ich muss oft als ausübender Musiker sagen: Ich spiele hier nicht zu meinem Vergnügen, ich verdiene hier meinen Lebensunterhalt und der ist so und so viel wert. Ich finde, das ist ein Teil der Diskussion. Wenn man eben von Werten redet und nicht nur vom Geldwert des Musikunterrichtes.

Viele Eltern reiben sich doch die Hände und sagen, endlich muss ich nicht mehr so viel zahlen für den Musikunterricht?

Ich habe kürzlich mit einer Schülerin darüber geredet. Sie sagte, die Hälfte ihrer Klasse – man muss das relativieren, aber dennoch – würde gerne Musikunterricht geniessen, aber sie würden es nicht vermögen. Jetzt ist die Frage, warum sie es nicht vermögen? Man kann hier selbstverständlich nur mutmassen, ich stelle aber eine Wertverschiebung fest. Weg von dem, was der Musikunterricht wert ist, hin zu anderen Dingen, die ebenso viel oder mehr wert sind.

Sie haben erwähnt, dass die Unterrichtskosten den Eltern auch als Argumente dienen, um ihre Kinder zum regelmässigen Üben anzuhalten.

Ja. Aber auch damit sie sagen können: Wir zahlen so viel, aber erwarten auch, dass an der Musikschule ein qualitativ guter Unterricht gegeben wird. Da fühle ich mich verpflichtet.

Die 120 Franken respektive 300 Franken sind also nicht der richtige Weg?

Das kann der richtige Weg sein. Offenbar schwimmt Derendingen momentan im Geld. Dann ist das schön, wenn das die nächsten Jahre funktioniert. Ich sage einfach, eine solch starre Regelung ist nicht nötig. Es gibt bereits den Sozialtarif, nur wissen die wenigsten davon oder haben hier eine Hemmschwelle. Aber 120 Franken und vornehmlich Gruppenunterricht?

Hier sehen Sie die mögliche Gefahr der Motion?

Auch. Die Leute haben eine Motion unterschrieben, in der ihnen verkauft wurde: 120 Franken und Gruppenunterricht, das reiche. Da wird nicht verstanden, wie es hier läuft.

Was ist nicht gut, wenn die Eltern nur 120 Franken zahlen müssen?

Wahrscheinlich werden die Kosten steigen. Man will ja mehr Schülern den Zugang zum Musikschulunterricht ermöglichen. Damit steigen unsere Pensen. Gleichzeitig fallen Elternbeiträge weg. Dann wird möglicherweise der Gruppenunterricht der einzige Ausweg sein. Und vielleicht werden dann jedes Jahr die Schüler das Instrument wechseln.

Matthias Pfeiffer: Wir müssen auch über die Qualität des Unterrichts reden. Ich habe Verständnis, wenn ein Schüler nach einem Jahr ein Instrument wechselt. Wollen wir aber, dass sich der Musikunterricht, wie Markus Baumann das anspricht, positiv auf die Entwicklung des Kindes auswirkt, dann braucht es eine Konstanz. Dann bringt das Umherhüpfen von einem zum anderen Instrument nichts. Diese Beliebigkeit widerspricht dem Grundgedanken, den wir hier an der Musikschule zu vermitteln versuchen.

Was ist der Grundgedanke?

Wir wollen möglichst viele Kinder in die Musikschule bringen und wir wollen einen qualitativ guten Unterricht anbieten. Wir haben in den letzten Jahren sukzessive den Gruppenunterricht verringert. Weil wir gemerkt haben, dass wir im Instrumentalunterricht den einzelnen Schülern zu wenig gerecht werden.

Wir haben Spezialarrangements getroffen für Eltern, die sich nur Gruppenunterricht leisten können, dass auch deren Kinder teilweise individuell unterrichtet werden. Und es besteht die Möglichkeit, angelehnt an die Rahmenbedingungen der Stipendienregelung der Gemeinde, im Einzelfall Vergünstigungen zu vereinbaren. Der nun gut geheissene Vorstoss der SP ist nicht integriert in diese ganze Entwicklung.