Amtsgericht

Stiefvater auf «Sulzer»-Parkplatz mit Auto überrollt – war es ein Unfall oder Absicht?

Das Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt beurteilt eine rätselhafte Todesfahrt auf dem Zuchwiler «Sulzer»-Parkplatz. 2013 hatte ein damals fast 19-Jähriger dort seinen Stiefvater mit dem Auto überrollt. Dieser verstarb wenig später im Spital.

Ornella Miller
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Schauderhaft, was am 5. September 2013 um halb acht Uhr abends auf dem «Sulzer»-Parkplatz beim Widi Zuchwil geschah. Ein fast 19-Jähriger überrollte mit dem Auto vorwärtsfahrend seinen Stiefvater. Unbeteiligte Kinder haben ein «Knacken» wahrgenommen, so «wie wenn man Karton zerreissen würde», als der Serbe langsam über Kopf und Körper des am Boden liegenden 40-jährigen Landsmannes fuhr. Der verstarb gleichentags im Spital. Das Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt muss entscheiden, ob es vorsätzliche oder fahrlässige Tötung oder bloss ein Unfall war.

Streit mit dem Stiefvater als Auslöser?

Staatsanwalt Marc Finger sagte: «Man muss eine Gesamtschau vornehmen», nicht blosse Einzelwürdigung der Zeugen. Es wurden im Gerichtssaal sechs Unbeteiligte vernommen, Finger zitierte zudem Schilderungen einer Anwohnerin. Vor Verhandlungsbeginn fand ein Augenschein am Tatort statt.

Die Zeugen – viele davon heimfahrende Fussballjunioren – konnten sich kaum erinnern. Früher hatten sie teils übereinstimmend, teils widersprechend einen Tatablauf wiedergegeben. Es soll an diesem Abend vor halb neun Uhr neben dem Auto zu einem Streit gekommen sein, bei dem zwei Männer einander schubsten: der angeklagte Vuk R.* und sein Stiefvater. Vuk sei ins Auto gestiegen und habe den am Boden Liegenden überrollt. Schreie seien zu hören gewesen. Drei der Kinder fuhren daraufhin mit den Velos näher, um zu sehen, was genau los war und sahen das blutende Opfer. Vuk habe sie nach der Notrufnummer gefragt und rief dort an. Einer der beiden unverletzten Männer – es war auch noch der Bruder von Vuks Grossvater dabei – sagte ihnen, sie sollen fortgehen. Der Hauptzeuge hatte Vuk früher gar in Schutz genommen, indem er annahm, dass er nicht absichtlich über ihn drübergefahren sei.

«Streit gab es 100 Prozent keinen», sagte Vuk vor Gericht. Er hatte mit den Tränen zu kämpfen. Es gehe ihm nicht gut, antwortete er auf eine entsprechende Frage. «Es belastet mich jeden Tag.» Vuk ist seit November 2014 in Behandlung bei einem Psychiater und nimmt Medikamente auch gegen Depressionen.

Er habe Albträume. Sein Arbeitgeber wisse von der Geschichte. «Hätte ich gewusst, dass er vor mir liegt, ich wäre nie weitergefahren.» Er habe den Renault Laguna GT V6 mit Automatikgetriebe besser einparkieren wollen.

Sie seien zu dritt zu diesem Parkplatz gefahren, weil das Fahrzeug merkwürdige Geräusche von sich gegeben habe und man habe mit einem befreundeten Fachmann abgemacht. Die seltsamen Geräusche wurden von Zeugen bestätigt. Auf dem Parkplatz warteten sie auf den Fachmann.

Verteidiger fordert kompletten Freispruch

Vor und beim Fahren habe Vuk, der seinen Führerschein gerade erst erhalten hatte, seinen Stiefvater nicht gesehen. So Alexander Kunz, der einen kompletten Freispruch für seinen Mandanten forderte, nannte neun Punkte, welche dessen Version bestätigen würden. Beispielsweise habe Vuk den Überfahrenen nicht gesehen, weil der selber Fachmann war und während der Warterei unter dem Auto habe nachschauen wollen. Weiter schilderte er die Ergebnisse eines Gutachtens zu Verkehrsunfällen mit Tests anhand etlicher Puppen. Demgemäss hätte es sich so angefühlt, als ob man eine Temposchwelle überfahren würde, was weniger stark sei als das Fahren auf ein Trottoir. Dass er auch noch mit der zweiten Achse drüberfuhr, sei wegen des Schocks gewesen. «Das Überrollmanöver ging extrem schnell.

Er war vor Schreck gelähmt.» Das Opfer sei weiter noch ansprechbar gewesen und habe Vuk nicht belastet. Und schliesslich: «Es fehlt jegliches Motiv.»

Staatsanwalt Finger jedoch klärte auf, dass die Ehe von Vuk nur wenige Tage vor der Tat vollzogen worden war. Es war eine Scheinehe, was ein Gericht später bestätigte. Zweck sei seine Erlangung der Aufenthaltserlaubnis in der Schweiz gewesen. Für die Eheschliessung habe er bezahlt, sei aber noch etwas schuldig gewesen. Für die Tat sah Finger eigentlich 9 Jahre, wegen der langen Verfahrensdauer reduzierte er auf 7 Jahre. Der Anwalt der beiden Kinder des Opfers fordert Schadensersatz und eine Genugtuung von je 35'000 Franken. Das Urteil wird voraussichtlich am 5. März gesprochen.

*Name geändert