Aus Niederämter Sicht
Das Niederamt auf Instagram – und auch auf Netflix?

Melina Aletti
Melina Aletti
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Jae C. Hong

Sonntagabend, ich bin alleine zuhause und habe gerade fertig gegessen. Ohne viel zu überlegen setze ich mich aufs Sofa und starte Netflix, um wieder einmal ein paar Folgen einer Serie zu schauen. Ich wähle die zweite Staffel von «Bridgerton», vor allem weil die Serie bei den Vorschlägen zuoberst steht und ich sie schon kenne.

Die Auswahl wäre aber riesig, momentan sind in der Schweiz rund 3100 Filme und über 1500 Serien auf Netflix verfügbar. Was hätte ich gemacht, wenn es Netflix nicht gäbe? Wahrscheinlich hätte ich zuerst die Tagesschau und dann den Tatort geschaut. Nicht, weil ich Krimis besonders gerne mag, sondern viel mehr, weil mir das am Sonntagabend im Fernsehen als Erstes begegnet wäre.

Obwohl ich mich vergnügen und ablenken wollte, hätte ich ohne Netflix also eine Nachrichtensendung konsumiert, ich hätte mich informiert. So weit kam's aber nicht, ich habe höchstens nebenher noch etwas auf meinem Smartphone rumgedrückt. Auf Instagram habe ich vielleicht zwischen Unterwäschewerbung und Ferienfotos zufällig einen Informationsbeitrag gesehen. So wird es vielen in meinem Alter gehen.

Laut einer Untersuchung der Universität Zürich aus dem Jahr 2020 gehören bei den 16- bis 29-Jährigen rund die Hälfte zu den sogenannten «News-Deprivierten» – sie nutzen sämtliche Medien unterdurchschnittlich für News – und wenn, dann meist über gratis verfügbare Online- oder Social-Media-Angebote. Um diese Gruppe mit Informationen zu erreichen, braucht es also mehr als die Tagesschau und eine gedruckte Zeitung – die wird höchstens noch zum Stopfen nasser Schuhe gebraucht.

Auch dort ist übrigens Qualität wichtig, es geht viel besser mit der «NZZ» als mit «20 Minuten». Aber zurück zum News-Konsum: Bei den 18- bis 24-Jährigen gaben letztes Jahr 36 Prozent an, Social-Media-Plattformen als ihre Hauptinformationsquelle zu nutzen. Das tönt zuerst nach unseriösen Inhalten ohne gesicherte Quellen, aber es gibt auch auf Instagram oder Youtube hochwertigen Journalismus.

«ARD» und «ZDF» haben beispielsweise das Netzwerk «Funk», das über 70 verschiedene Formate vereint und ausdrücklich ein Publikum zwischen 14 und 29 Jahren anspricht. Aber auch «SRF» liefert mit «SRF Impact» oder «We, Myself & Why» Informationsinhalte auf Social Media, die auf Jugendliche und junge Erwachsene ausgerichtet sind. Jungen Menschen fehlt bei journalistischen Nachrichten oft der Bezug zur eigenen Lebensrealität. Ist dies die Chance für den Lokaljournalismus?

Was vor der Haustüre passiert, ist greifbar und Teil des eigenen Lebens. Am mangelnden Interesse liegt der tiefe News-Konsum nämlich nicht. Ich teile diese Kolumne jeweils auch auf Instagram. Immer wieder sprechen Leute mich darauf an und sagen mir, dass sie sich mit dem Inhalt identifizieren können. Sie hätten den Text aber nie zu lesen bekommen, wenn er nur in der Zeitung abgedruckt gewesen wäre.

Auch für Netflix ist das Lokale momentan ein Thema. Im Mai stimmen wir darüber ab, ob solche Streamingdienste verpflichtet werden sollen, vier Prozent ihres in der Schweiz erwirtschafteten Umsatzes in das Schweizer Filmschaffen zu investieren und mindestens 30 Prozent Filme anzubieten, die in Europa produziert wurden.

Wird die Vorlage angenommen, hätte ich zwar weiterhin am Sonntagabend keine Nachrichten mitbekommen, aber vielleicht wenigstens eine Serie gesehen, die etwas näher an mir dran ist als «House of Cards», «Orange is the New Black» oder «Bridgerton».

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