Kunst

«Die Kunst war immer schon in mir»: Im Atelier des Trimbacher Künstlers Kufferath von Kendenich

Der Trimbacher Künstler Wilhelm Kufferath von Kendenich ist Dichter und Bildhauer zugleich. Ein Besuch im Atelier.

Lorenz Degen
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Wilhelm Kufferath von Kendenich Der Künstler mit einem Modell
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Wilhelm Kufferath von Kendenich Der Künstler im Atelier
Wilhelm Kufferath von Kendenich Die Säule "Freiheit" stand in Berlin zum 10-Jahres-Jubiläum des Mauerfalls

Wilhelm Kufferath von Kendenich Der Künstler mit einem Modell

Oltner Tagblatt

Ein grossgewachsener, hagerer Mann öffnet die Tür. Zwei freundliche Augen blicken durch eine runde Brille, die an jene von Le Corbusier erinnert. Sein fester, warmer Händedruck heisst den Besucher willkommen. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. «Folgen Sie mir in die Unterwelt.» Wilhelm Kufferath von Kendenich (81) schreitet die Treppe hinab. Im Keller seines Hauses befindet sich das Atelier, hier entstehen seine Kunstwerke.

Aus Holz formt er Skulpturen. In einer Holzsäule mit dem Titel «Freiheit» liegt eine zerborstene Kette. Sie stand anlässlich des zehnten Jahrestags des Mauerfalls in Berlin. Auf einer Werkbank ruht ein schwarzer Würfel mit einer weggebrochenen Ecke, die rötlich schimmert. In einer Doppelreihe von Metallstiften fehlt ein Stift. Die Irritation des Betrachters ist gewollt: «Die Ausnahme bestätigt die Regel, von der sie sich ausnimmt», erklärt der Künstler. Kufferaths Werke sind voller subtiler Botschaften, die sich demjenigen erschliessen, der sich auf sie einlässt.

Dass er Künstler werden würde, war nicht abzusehen, als Kufferath (das Adelsprädikat lässt er weg) 1939 in der westfälischen Stadt Düren als Sohn eines Kaufmannes zur Welt kam. An diesem Ort lässt sich die Familie bis ins Jahr 1750 zurückverfolgen. Wahrscheinlich geht der Stamm noch weiter zurück, doch im Dreissigjährigen Krieg gingen die Aufzeichnungen verloren. Als ein «grosses Glück» bezeichnet Kufferath das Kindermädchen Luise, seine engste Bezugsperson in dieser Zeit. Sie stammte aus dem Hohen Venn, einem Landstrich zwischen Deutschland und Belgien, trat dann in ein Frauenkloster in Breslau ein und lief dort weg. Bei der Familie Kufferath sorgte sie für die sieben Kinder. «Sie hat mich in alles eingeführt: Lesen, Rechnen, Basteln, Laubsägen», berichtet Kufferath. Während sie die Schuhe der Kinder putzte, erzählte sie von Kaiser Wilhelm, Bismarck und der Weimarer Republik. «Das war grossartig», erinnert sich Kufferath. Sie beschützte ihn vor dem Vater, dessen Strenge hauptsächlich ihm galt. Luise vermochte die Fantasie anzuregen, weckte vielleicht das schriftstellerische Talent, das sich später zeigte. Kufferath fühlt sich ihr noch immer sehr verbunden: «Diese Frau lebt in mir fort.»

Begegnung mit mathematischer Abstraktion bringt Lebenswende

In der Schule wurde der feinfühlige Junge gehänselt, weil er eine Brille trug. «Brillen-Papa» haben ihm seine Mitschüler nachgerufen. Nicht verwunderlich, dass er keinen Anschluss fand und sich in sich selbst zurückzog. «Ich war immer ein Aussenseiter.» Auf dem Gymnasium sagte ein Lehrer zu seinem Vater: «Der ist völlig unbegabt. Entweder wird er Steineklopfer oder Strassenkehrer.» Drei Jahre lang kämpfte sich Kufferath durch den Stoff. Dann ein Wendepunkt: Die höhere Mathematik hat ihn gepackt. «Als es nicht nur ums Rechnen ging, sondern abstrakt wurde, wurden meine Noten besser und besser.» Seinen Deutschlehrer empfand er als streng, aber gerecht. Vor allem die Literaturinterpretation schärfte sein Denken. «Wie ist der Charakter? Ich will ein treffendes Wort», habe der Lehrer die Klasse gefragt. Das zu finden, war sehr schwierig: «Einmal in sechs Jahren bin ich auf das richtige Wort gestossen», erzählt Kufferath. Neben der Schule gab er Nachhilfeunterricht, was für ihn auch einen Fortschritt bedeutete: «Wenn man lehrt, lernt man.»

Sein Vater erwartete, dass er ein Studium in einer katholischen Gegend aufnimmt. «Die Fachrichtung Wirtschaftsingenieur konnte man nur in Berlin, Darmstadt und Graz studieren.» Da Berlin eine Sonderzone darstellte und Darmstadt wegen des evangelischen Gebiets nicht in Frage kam, schrieb sich Kufferath in Graz ein. Normalerweise dauerte das Studium acht Semester, Kufferath schaffte es in fünf. «Das war für mich wie ein Rennlauf. Es hat mir Spass gemacht, jeden Tag etwas Neues zu lernen.» Sein Lieblingsfach wurde Darstellende Geometrie. Gegen Ende des Studiums traf er die Frau seines Lebens. «Das ist sie!» durchfuhr es Kufferath, als er Brigitta das erste Mal erblickte. Nach seiner Promotion folgte die Hochzeit.

Ein Leben im Worte: Dichten und Schreiben als Ausdruck des Ichs

Seit über einem halben Jahrhundert wohnt Kufferath in Trimbach. Eigentlich hatte er diesen Ort nicht gesucht – oder doch? «Vor 50 Jahren erhielt ich von einer Firmengruppe den Auftrag, in der Schweiz eine Produktionsstätte aufzubauen. Und auf der ersten Fahrt von Trimbach hierher, vom Hauenstein hinunter, habe ich zu meiner Frau gesagt: ‹Hier will ich einmal leben!› So ist es dann gekommen.» Als Papiertechnologe arbeitete er in der Industrie, ehe er zur Kunst fand. «Die Kunst war immer schon in mir.» Ohne sie könne er nicht leben.

Kufferaths Schaffen ist spartenübergreifend: Er schreibt Gedichte und Texte, schafft Skulpturen und spielt Orgel. Letztere Tätigkeit, die er sich mit 63 Jahren selber beibrachte, zählt für ihn jedoch nicht zur wirklichen Kunstausübung: «Es macht mir viel Freude. Aber ich bin kein Organist, ich bin Orgelspieler, der immer mal wieder einspringt.»

Eine stattliche Anzahl von Publikationen aus seiner Feder liegen vor: ein Buch über Aphorismen, Abhandlungen zu Kunst und Künstlern, Gedanken zum Orgelspiel und vor allem sechs Bände mit Gedichten. Nur schon deren Titel zeigen die philosophische Neigung des Verfassers: «Durchzudenken», «Vorzudenken», «Querzudenken», «Umzudenken», «Nachzudenken». Es sind teils humoristische, teils hinterfragende Sammlungen von Einfällen, Beobachtungen und Erlebnissen, die in wenigen Zeilen geschildert werden. In den anderen Bänden «Kunst ist kamikazoid» und «Nie mehr diesen Würgegriff» beschäftigt sich der Dichter mit Fragen an das eigene Selbst und seine Lebenserfahrungen.

Nachdenken über den Menschen und seine Bestimmung

Selber ein bibliophiler Mensch, ist für ihn die Beschäftigung mit einem Buch nicht bloss Zeitvertreib: «Ich lese nicht zu meiner Unterhaltung oder zu meinem Vergnügen, ich lese, um dazuzulernen.» Wie auch bei den Kunstobjekten, so ist die Abweichung von der Erwartung sein Antrieb: «Der Bruch der Regel verleiht der Regel die Sprache.» In seinem Band «Vom Wandel des Menschenbildes in Philosophie, Kunst und Ethik» legt Kufferath auf beeindruckende Weise eine Fülle von Erkenntnissen dar, die sich über fünf «Leitverse» erstrecken. Hier, bei der menschlichen Gesamtbetrachtung, bei der geistigen Überschau der Dinge, zeigt sich der Denker in seiner vollsten Gestalt und Grösse.

Zusammengehörigkeit des scheinbar Getrennten

Für den Wahl-Trimbacher ist sein Lebensspruch die Erkenntnisessenz des eigenen Weges: «Man muss immer ausser Konkurrenz laufen.» Ansonsten bestehe die Gefahr, seine Kräfte zu verschleudern. Das freie Schaffen wurde ihm zur Grundlage für ein erfülltes Dasein: «Ich bin glücklich, in meinem Schreibbüro und in meinem Atelier arbeiten zu dürfen und zu können.» Dass er in zwei ganz unterschiedlichen Disziplinen wirkt, sieht er als Fügung: «Es ist weder Widerspruch noch Ergänzung. Es gehört beides zusammen, fliesst ineinander.»