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Winznauer Schauspieler Joris Gratwohl: «Homosexualität im Fussball ist tabu»

Im Film «Mario» ist der Winznauer Schauspieler Joris Gratwohl als Fussballtrainer zu sehen. Im Interview spricht er über Homosexualität im Fussball, die Mitarbeit im neusten Werk von Marcel Gisler und seine aktuellen Projekte.

Isabel Hempen
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Joris Gratwohl (l.) als Fussballtrainer Roger Maillard mit Max Hubacher (r.) in der Rolle des schwulen Fussballprofis Mario. youtube/freneticfilms

Joris Gratwohl (l.) als Fussballtrainer Roger Maillard mit Max Hubacher (r.) in der Rolle des schwulen Fussballprofis Mario. youtube/freneticfilms

Joris Gratwohl, am 22. Februar kommt der Spielfilm «Mario» von Regisseur Marcel Gisler in die Kinos, in dem Sie den Trainer einer U21-Fussballmannschaft geben. Die Geschichte handelt von zwei Spielern, die sich ineinander verlieben. Ein heikles Thema?

Joris Gratwohl: Allerdings. Man würde es in unserer aufgeklärten Gesellschaft nicht denken, aber Homosexualität ist im Fussball nach wie vor ein Tabuthema. Im Leistungssport herrscht ein stereotypes Männerbild und Schwulsein gilt als schwach. Bis heute hat sich so gut wie kein Profispieler je während seiner Karriere geoutet.

Sie haben früher selbst Profifussball gespielt.

Ja, deshalb hat mich das Thema interessiert. Rein statistisch gesehen kann nicht sein, dass in einem Kader von 16 bis 18 Spielern kein einziger homosexuell ist. Aber Fussball ist Fussball und Privates bleibt privat. Wer homosexuell ist, führt im Profifussball ein Doppelleben. Interessant fand ich die Thematik, weil sich zuvor noch kein Regisseur daran herangewagt hat.

Die Film-Mannschaft wird von Schauspielern, aber auch von wirklichen YB-Spielern dargestellt. Wie kamen Sie als Trainer an?

Fussballer sind sehr instinktiv, sie merken, ob einer etwas von seinem Job versteht. Mein Vorteil war natürlich, dass ich selbst aus dem Profifussball komme. Am ersten Drehtag begrüsste ich alle Spieler mit Namen und wusste über ihre Position auf dem Feld Bescheid. Als sie mir bereits am zweiten Drehtag wie selbstverständlich «Hallo Coach» zuriefen, wusste ich, ich bin auf einem guten Weg. Natürlich war mir wichtig, als Trainer glaubwürdig zu sein, selbst wenn ich ihn nur spiele. Ich blieb auch neben der Kamera öfters in meiner Rolle. Das machte es für die Spieler einfacher, sich während des Drehs so authentisch wie möglich zu geben.

«Mario» wurde an den Solothurner Filmtagen für den Schweizer Filmpreis 2018 nominiert. Haben Sie damit gerechnet?

Ich sah den Film auch an der Uraufführung in Solothurn zum ersten Mal. Überrascht war ich über die Nominierung aber nicht. Der Film ist super gemacht, das Thema ist gut und die Geschichte schön erzählt. Man muss kein Fussballfan sein, um sich den Film anzusehen. Er spielt im Fussballmilieu, erzählt aber in erster Linie eine Liebesgeschichte. Es geht um den Kampf gegen Konventionen und den Druck, der auf den Darstellern lastet. In der Fussballwelt, in der alles messbar ist, haben Zwischentöne und Sensibilität wenig Platz.

Das klingt nicht nach Happy End.

Es ist schon nicht so, dass am Schluss alle in den Abendhimmel reiten. Der Film endet, wie auch die Realität sein könnte.

Zuletzt waren Sie 2015 für Ihre Rolle im «Bestatter» in der Schweiz tätig. Wie war es für Sie, wieder in Ihrer Heimat zu arbeiten?

Ich bin immer froh, wenn ich in meiner Muttersprache reden kann, das ist sehr angenehm. Es ist aber auch jedes Mal eine Umstellung, weil ich ja seit 15 Jahren in Deutschland lebe.

Wo führt Sie Ihr nächstes Engagement hin?

Im Moment schreibe ich mein zweites Theaterstück, das spätestens im April in Köln Premiere feiern wird. Es trägt den Titel «In der Mitte» und handelt von einem Typ, der sich an einer Bar mit dem Barkeeper über das Leben unterhält. Ausserdem spiele ich nach wie vor in der «Lindenstrasse».

In der «Lindenstrasse» sind Sie nun schon seit 17 Jahren als Alexander Behrend zu sehen. Hängt Ihnen die Rolle nicht so langsam zum Hals heraus?

Tatsächlich nicht! Wenn ich jeden Tag nur diese Figur spielen müsste, hätte ich sicher Second-Reality-Probleme. Aber ich habe die Freiheit, viele andere Projekte zu machen. Ich drehe im Durchschnitt ein- bis zweimal pro Woche und es gibt auch Phasen, wo ich nicht drehe. Ich bin immer sehr gerne am Set. Die Serie versucht auch immer, aktuelle gesellschaftliche Themen aufzugreifen. Ich finde es eine interessante Erfahrung, zu sehen, wie eine Figur älter wird und sich über eine lange Zeit weiterentwickelt. Das macht immer noch Spass.

«Mario» von Marcel Gisler läuft ab morgen Donnerstag, 22. Februar, im Kino.