Olten

Mit 70 wagt sie einen neuen Aufbruch

Die 70-jährige Künstlerin Adelheid Hanselmann zieht es von Olten ins Bündnerland – und fühlt sich dort erstmals richtig zu Hause.

Isabel Hempen
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Adelheid Hanselmann in ihrem Oltner Atelier, das sie nun aufgibt. Bruno Kissling

Adelheid Hanselmann in ihrem Oltner Atelier, das sie nun aufgibt. Bruno Kissling

Bruno Kissling

«Eigentlich gefällt es mir ja so gut hier», sagt Adelheid Hanselmann, und lässt ihren Blick etwas wehmütig durch ihr Atelier an der Baslerstrasse 79 schweifen. Sie habe schliesslich das schönste Atelier der Stadt, wie sie findet. Oder eben: hatte. Das lichtdurchflutete, geräumige Studio ist beinahe geräumt, einige Bilder lehnen noch an den Wänden, Kunstbücher, Möbel, Krimskrams. Gearbeitet aber wird hier nicht mehr.

Heute Samstag wird die Künstlerin alles, was noch herumliegt, zu einem symbolischen Preis verkaufen oder verschenken. Denn die 70-Jährige, die so viel jünger wirkt, zieht weg aus Olten. Ins bündnerische Domleschg. «Das hat sich so ergeben, ohne dass ich von hier wegwollte», sagt sie. Sie wirkt, als sei sie selbst erstaunt über diese Wendung in ihrem Leben.

Hanselmann wuchs in Schönenwerd auf und hat die vergangenen 16 Jahre in der Dreitannenstadt verbracht. Nach Olten zog sie damals, weil auch ihr Partner hier lebt, der Journalist, Kunstvermittler und langjährige Kunstmuseums-Direktor Peter Killer. Stationen zuvor waren Zürich – 26 Jahre lang –, wo sie in Teilzeit an der Schule für Gestaltung unterrichtete. Und davor: schon einmal Olten. Von 1970 bis 1978 lebte sie hier, hatte auch damals schon ein Atelier in der Stadt.

Hanselmann, die erst eine Lehre zur Goldschmiedin absolvierte und über die Kunstgewerbeschule zur Bildhauerei und schliesslich zum Zeichnen und zur Malerei fand, ist Olten sehr verbunden. Obwohl man, wie sie nebenbei bemerkt, eben nicht so richtig «dazugehöre», wenn man nicht hier aufgewachsen ist. Sie wird der Stadt weiterhin Besuche abstatten, wohnt doch auch ihr Partner hier. Ihr Zelt hat sie aber bereits woanders aufgeschlagen: im 250-Seelen-Dorf Almens im Bündner Bezirk Hinterrhein.

«Ich lernte das Dorf vor vier Jahren über eine Zürcher Künstlerfreundin kennen, die dort wohnt», erzählt Hanselmann. Zweimal mietete sie in den vergangenen Jahren mehrere Monate lang eine Wohnung. Heizte den Holzofen ein, fütterte die Katze der Vermieterin, widmete sich ihrer Kunst. Und fühlte sich zum ersten Mal im Leben «daheim», wie sie sagt. Dann ging alles schnell: Vor einem Jahr wurde eine Wohnung ausgeschrieben. Sie bewarb sich, im April dieses Jahres konnte sie diese beziehen.

Es sind rund 100 Quadratmeter, das Atelier hat sie bereits eingerichtet. Im isolierten Heuboden, der an die Wohnung anschliesst, lagert sie ihre Bilder. Und weil sich die Künstlerin gerne mit Farben umgibt, hat sie die Küche ihrer neuen Wohnung rosarot gestrichen. Das Schlafzimmer erhielt eine gelbe Decke. Ein Boden leuchtet dunkelrot, ein anderer in dunklem Petrol. Farben beeinflussen sie körperlich, sagt sie.

Auch ihrer Malerei, ihren Skulpturen sieht man an, wie wichtig Hanselmann Farben sind. «Ich kann Empfindungen und Gedanken durch sie ausdrücken», erklärt sie. Weder sozialkritisch noch politisch sei ihre Kunst, sie wirke auf das Wohlbefinden. «Ich drücke in meiner Kunst die Freude am Umgang mit der Farbe, die Freude am Leben aus.»

Ihre Freude am Leben scheint ungebrochen. «Wenn du nochmals was wagen möchtest, musst du es jetzt tun», sagte sich Hanselmann, bevor sie umzog. In Almens gefällt ihr die Ruhe, die unmittelbare Nähe zur Natur, das weite Tal, das sonnige Klima. Hier möchte sie bleiben. Gemeinsam mit ihrem Partner hat sie bereits einen Garten angelegt, der viel Pflege erfordert. Und auch die zwischenmenschlichen Kontakte im Dorf mit den Nachbarn, «brauchen viel mehr Zeit. Ganz anders als in der Stadt», stellt sie fest. Ausserdem ist sie gespannt, wie sich ihre Kunst in der neuen Umgebung verändern wird. Sie freut sich auf den neuen Lebensabschnitt.

Heute Samstag von 10 bis 16 Uhr Verkauf von Kunstwerken, Materialien und Möbeln zu symbolischen Preisen im Atelier an der Baslerstrasse 79.