Oltner Autor: «Wir tun gut daran, uns zu erinnern»

Der Oltner Autor Albert T. Fischer veröffentlichte seinen dritten Roman, in dem er über die Tendenzen in unserer Gesellschaft reflektiert, aber darin auch appelliert, dass es anders gehen könnte.

Urs Heinz Aerni
Drucken
Teilen
Albert T. Fischer hat erst in späten Jahren mit Schreiben begonnen.Er kritisiert eine von Gier getriebene Wirtschaft.

Albert T. Fischer hat erst in späten Jahren mit Schreiben begonnen.Er kritisiert eine von Gier getriebene Wirtschaft.

zvg

In Ihrem Roman geht es um die Geschichte eines Unternehmers und seiner Familie, aber auch um die Fragen rund um unsere gesellschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen, die so manchen Zeitgenossen verängstigten. Wie entstand bei Ihnen das Bedürfnis, dieses Buch zu schreiben?

Albert T. Fischer: Es gab zu diesem Buch viele Anstösse. Im schweizerischen Mittelland leben wir in Frieden und Freiheit, konsumieren, was das Zeug hält den uns anscheinend zustehenden Überfluss. Nur wie schon in der alten Sage bedrohen angeblich Fremde und Fremdes die Idylle. Ängste machen sich breit, oft durch Verführer befeuert.

Welche Entwicklungen stellen Sie denn fest?

Während 40 Jahren habe ich beinahe täglich mit sehr vielen und ganz unterschiedlichen Menschen aus aller Welt zusammenarbeiten dürfen und erfahren, wie viele Einstellungen zu Fremden sich sehr oft als verletzende und herabwürdigende Vorurteile erweisen, und wie viele von uns dazu neigen, «uns Schweizer» zu überschätzen. Mindestens seit den Hugenotten haben uns Fremde immer bereichert. Die Schweiz wurde in den vergangenen 100 Jahren, was sie ist, nicht nur, aber auch dank Millionen von Fremden.

Die Unsicherheiten im Westen und bei uns scheinen sich parallel mit den Unruhen im Nahen und Mittleren Osten zu verstärken.

Der Aufruhr im arabischen Raum ist schrecklich, die fanatischen Islamisten grauenhaft. Doch Ideologen, Fanatiker, Heuchler, Verführer und Sektierer leben und lebten schon immer auch unter uns, zurzeit in Nischen von Familien, Vereinen, Büros und Fabriken und gar einflussreicher in Parteien, Kirchen und Sekten. Sie sind zwar – noch – eingebunden in eine demokratische und säkulare Ordnung, doch kaum 100 Jahre trennen Europa von der letzten verheerenden Erfahrung. Wir tun gut daran, uns zu erinnern und wachsam zu bleiben.

Aber statt Wachsamkeit und Sensibilität für die komplexen Hintergründe beobachtet man eher den Trend in die Philosophie der Rentabilität, oder wie sehen Sie das?

Mehr und mehr werden die Menschen von einer von Gier getriebenen Wirtschaft vereinnahmt. Konsum dient dabei als Lockvogel, wird zum Zwang und Arbeit, auch als Folge, zunehmend härter oder gar bedrohlich für Gesundheit und Zusammenleben. Wenn Verwaltungsräte nach Jahrzehnten eingesteckter Gewinne aus Unfähigkeit und Angst vor Verlusten ihre Unternehmen, nochmals mit Gewinn, ins Ausland verkaufen, dabei die Belegschaften leer ausgehen lassen oder gar in ihrer Existenz gefährden, empört sich kaum jemand.

Aber es gibt schon Gegenbewegungen und Initiativen, die Gegensteuer geben möchten, oder?

Ja, es gibt zwar Empörung, doch sie geht in die Leere. Es geht mir hier nicht um Sozialismus, sondern um Fairness. Politiker wollen die Einwanderung beschränken, bekommen dafür Applaus von vielen. Die Unternehmenssteuern sollen runter, damit alle, auch die ausländischen Firmen bleiben und gedeihen und neue dazukommen, fordern die gleichen Politiker! Nur, woher wohl sollen die Mitarbeitenden kommen?

Auf diese Themen gehen Sie in Ihrem Buch «Diesseits der Blüemlisalp» ein.

Im Buch erleben die Nachkommen eines Einwanderers diesen schweizerischen Alltag. Sie, ihre Verwandten, Partner und Freunde sind gleichzeitig erfolgreiche Beispiele für Integration und Zusammenleben als multikulturelle Gemeinschaft.

Ich nehme schon an, dass Sie die Hoffnung haben, mit diesem Buch etwas zu bewirken, oder?

Ich wollte mit dem Buch Leser nachdenklich machen. Allem voran ist sein Inhalt eine Ode an die Freiheit im modernen Alltag, an den Wert der Aufklärung, der Menschenrechte und eine Absage an egoistischen und überheblichen Nationalismus und Isolationismus.

Auch in Ihrem persönlichen Leben gab es immer wieder Ereignisse, die überraschten, oder Erlebnisse, die prägten. Gäbe es doch trotz allem Gewohnheiten, die Sie heute vermissen?

Nicht wirklich. Das Leben war gut zu mir, sehr gut! Meine Kindheit wurde stark durch die Zeit vom 2. Weltkrieg geprägt. Mutter arbeitete fünf Tage die Woche von 7 bis 18 Uhr mit kurzer Mittagspause in der Zigarrenfabrik. Zuvor brachte sie uns drei Kinder zur Tagesmutter und holte uns am Abend ab.

Wie war Ihr Verhältnis zum Vater?

Als ich meinen Vater bewusst wahrzunehmen begann, war er vor allem Soldat, erst danach wurde er für mich zum Schreiner und Kleinbauer, der vom sehr frühen Morgen bis zum späten Abend arbeitete und auch am Sonntag nie wirklich frei war. Mein erstes Ziel im Leben war, einer ähnlichen Enge zu entgehen, und ich habe sie mir nie mehr zurückgewünscht.

Was Sie auch umgesetzt haben, Sie reisten weg.

Ja, als gelernter Elektriker arbeitete ich während einiger Jahre in der französischen Schweiz und in Paris, heiratete, wurde Vater dreier Kinder, vermasselte meine nebenberufliche AKAD-Maturprüfung, arbeitete wissbegierig und aufwärtsstrebend, mit grossem Einsatz in einer weltweit aktiven Firma für elektrische Schaltgeräte, davon die letzten 20 Jahre als Verantwortlicher «für Commercial Marketing» in der inzwischen an einen amerikanischen Konzern verkauften Firma. Der beinahe tägliche Umgang mit Menschen aus aller Welt hat mich geprägt.

Mit welchen Gefühlen denken Sie heute zurück, ans Elternhaus?

Rückblickend bin ich aber meinen Eltern für ihr Vorbild sehr dankbar. Sie hatten mich ermuntert, trotz bescheidener Ressourcen furchtlos einen Weg zu suchen und ihn zu gehen. Obwohl sogenannt kleine Leute, haben sie mir Selbstvertrauen und Zuversicht vermittelt, mich nie eingeschränkt oder gar behindert. In seinen alten Tagen habe ich meinen Vater bewundert, der nie Zeit fand, ein Buch zu lesen – wie er in den letzten Jahren in ihnen eine grosse Welt entdeckte.

Ihr Buch lädt ein, nachzudenken, wie es war, aber auch, wie es sein könnte oder gar müsste. Was wünschen Sie sich für die Menschen, die Ihr Buch kaufen?

Anfänglich war Schreiben für mich einfach so etwas wie Introspektion, Versuch, Ansichten, Einsichten und Einstellungen zu prüfen und zu werten. Dazu kamen erlebter Alltag, prägende Begegnungen mit Menschen und ihre Schicksale, gelesene Inhalte und nicht zuletzt die enorme Flut moderner Meinungen machender oder gar manipulierender Schlagzeilen. Als Folge haben sich neue Inhalte ergeben, Einsichten gefestigt, andere verflüchtigt. Wenn Leser meines Buches Ähnliches erleben, wäre das für mich guter Lohn.

Es ist ja Ihr drittes Buch, das auch basiert auf die ersten beiden?

Viel zu diesem Buch haben auch die Arbeiten an meinen beiden ersten Romanen «Schweizer Tobak» und «Die Seeweite» beigetragen. Zusammen bilden sie eine Trilogie über den Weg einer noch vor 100 Jahren ärmlichen zur modernen und reichen Schweiz. In ihr geboren zu sein und leben zu dürfen, ist ein grosses Geschenk! Ob wir’s verdienten, beurteilen die Nachkommen.

Albert T. Fischer: «Diesseits der Blüemlisalp – Ein Roman zur Freiheit», Münsterverlag, 360 Seiten, ISBN 9783905896602