Multimedia-Reportage

So leben Asylsuchende in der unterirdischen Unterkunft Gheid

Das kantonale Durchgangszentrum im Oltner Gheid ist derzeit fast voll besetzt. Der grösste Teil der Asylsuchenden stammen aus Afghanistan. Das OT war für einen Augenschein vor Ort. Dort trafen wir auf verbrannte Pfannen, dicke Luft, aber auch viel Ruhe.

Deborah Onnis
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Eingang zur ALST in Olten.
13 Bilder
Impressionen von der Asylunterkunft ALST im Oltner Gheid
Blick in die Küche mit fünf Elektroherden
Schuhständer in der Asylunterkunft
Jeweils ein Asylsuchender hat Wäschedienst für alle Mitbewohner
Infotafeln in verschiedensten Sprachen
Blick in einen Schlafraum
Kameras überwachen verschiedene Bereiche der Anlage
Andreas Jaross erklärt was Wochenprogramm
Spuren des Schulunterrichts
Blick in den Aufenthalts- und Schulraum
Blick in den Raum mit Kühlfächern für alle Bewohner
Utensilien zur Flurreinigung

Eingang zur ALST in Olten.

Bruno Kissling

Beim Passieren der Abschrankung vor der unterirdischen Asylunterkunft im Oltner Gheid nimmt eine Kamera jede Bewegung auf. Die Türe zur umfunktionierten Truppenunterkunft steht aber offen. Gleich beim Eingang steht ein Bewohner vor zwei Waschmaschinen und Tumblern. Halbgefüllte schwarze Plastiksäcke sind ordentlich an der Wand gereiht. Dreckige Wäsche der Bewohner.

Diese Woche ist ein 30-jähriger Asylsuchender aus Syrien dran mit Waschen. In der Wartezeit reinigt er über den Abfalleimer den leicht verschmutzten Tumbler-Filter mit der Hand. Für den Waschdienst erhält er drei Franken pro Tag.

Im selben Eingangsraum steht ein grosses Regal vor allem mit Männer-Turnschuhe in jeglichem Zustand. Auch Einzelgänger sind darunter. Ein fehlender Schuh kommt wenige Meter weiter zum Vorschein: als Türstopper. Frische Regenluft strömt durch die Tür der Anlage, die nur Männer beherbergt. Im Gemeinschaftsraum, der mit Sofa, Tischen, Wandtafel und Flachbildschirm-TV ausgestattet ist, sind rund acht Bewohner verteilt. Einige scrollen ruhig auf ihren Smartphones, andere unterhalten sich leise miteinander. Der TV läuft fast stumm im Hintergrund. Frauentausch auf RTL II.

«Die aktuelle Gruppe ist ziemlich ruhig», erklärt Andreas Jaross, Stellvertreter des Zentrumsleiters Gheid. Normalerweise leitet er die Asylunterkunft Fridau und führte in Vergangenheit auch unterirdische Asylunterkünfte.

Derzeit stammt im Gheid der grösste Teil der insgesamt 72 Männern (Stand 18. April 2016) aus Afghanistan. Durchschnittsalter: 25 Jahre. Die Ausstattung der Unterkunft ist zumindest teilweise für ein friedliches Zusammenleben ausgerichtet. Jeder Bewohner hat ein abschliessbares kleines Waren- sowie ein Kühlschrankkästchen.

Zwei Bewohner gehen am Töggelikasten vorbei und betreten mit zwei vollen Einkaufstaschen den Kästli-Raum. Sie räumen ein Teil des Einkaufs in die Kästchen, den Rest bringen sie direkt in die Küche. Es ist erst 10.30 Uhr, aber einige Bewohner beginnen schon mit dem Vorbereiten des Mittagessens. Einer macht den Teig, ein anderer rüstet Kartoffeln und ein dritter schneidet Zwiebeln. Konzentration.

Viele Pfannen haben einen verbrannten Boden und sind völlig verfärbt. Einige besitzen als Griff nur noch einen Drahtstiel. Andreas Jaross greift zu einer solchen Pfanne, in der auch leichte Ölspuren zu erkennen sind. «Wir würden natürlich nicht mehr mit solchen Pfannen braten, aber die Bewohner beweisen, dass es noch möglich ist. Sie haben offenbar auch kein Problem damit.»

Die Ruhe, die Jaross während der ganzen Asylzentrums-Tour ausstrahlt, passt zu der Stimmung allgemein in der Unterkunft. Jaross arbeitete früher für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz. «Den Bewohner geht es hier im Vergleich zu Unterkünften in vielen anderen Ländern sehr gut», sagt Jaross.

Das bestätigt ein somalischer Bewohner, der bereits über fünf Monate in der Unterkunft lebt. Das war nicht immer so. Anfang Dezember wurden im Gheid bis 130 Asylsuchende untergebracht. «Das waren zu viele», sagt er.

Die Zivilschutzanlage ist eigentlich für maximal 80 Menschen gedacht. Die Überbelegung begründet das Amt für soziale Sicherheit (ASO) auf Anfrage mit der massiven Zunahmen der Bundeszuweisungen. Dieselbe Situation wurde zu dieser Zeit laut David Kummer vom ASO in allen neun Durchgangszentren des Kantons verzeichnet. Jetzt habe sich die Lage aber wieder beruhigt.

Durchschnittlich 16 Männer schlafen in einem Schlafraum. Dort ist die grosse Zahl an Bewohner riechbar. Abgestandene Luft, Gestank nach Schweiss und Füssen. Trotz der dicken Luft liegen einige Männer auf dem Bett oder stehen im Zimmer herum. Laut Janoss werden die Schlaf- sowie Gemeinschaftsräume von den Bewohnern täglich gereinigt. Viele Männer sind ausser Haus. «Ich gehe oft joggen», sagt ein Bewohner.

Zudem habe er Anschluss in einem Verein gefunden. An der Wand hängt ein Wochenplan mit Beschäftigungen des Zentrums wie Schule und Werkhofarbeiten. Auch da mache er überall mit. «Die Leute sind einfach allgemein entspannter, wenn sie tagsüber draussen waren und etwas Sinnvolles machen konnten», sagt Jaross. In der Regel verbringen die Männer zwischen drei und sechs Monate im unterirdischen Zentrum. «Klar, niemand lebt gerne in einer unterirdischen Unterkunft», sagt Jaross. «Dafür wird hier für Hygiene und Ordnung gesorgt und sie haben bei Problemen direkte Ansprechpersonen.

Zudem sind sie mit Landesgenossen zusammen und können sich unterhalten.» Dies würden einige Bewohner nach dem Transfer in eine Gemeinde vermissen. «Dort sind sie meist isoliert und sind auf sich alleine gestellt.» In anderen Zentren wollten Leute sogar zurück in die Unterkunft kommen, weil sie sich dort wohler fühlten.