Zugänglichkeit

Unterwegs im Rollstuhl: So barrierefrei ist Olten

Die Website von Region Olten Tourismus informiert über die Zugänglichkeit von Restaurants, Läden oder öffentlichen Gebäuden. Pro Infirmis Aargau-Solothurn hat dazu die Daten von 170 Bauten erfasst. Diese Zeitung war mit der Hägendörferin Karin Wiget zum Test unterwegs.

Adrian Portmann
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Durch Barrierefreiheit wird Selbstbestimmung erst möglich: Rollstuhlfahrerin Karin Wiget ist gerne unterwegs (wie hier im Riva Café & Weinbar), vorausgesetzt die Schmerzen lassen es zu

Durch Barrierefreiheit wird Selbstbestimmung erst möglich: Rollstuhlfahrerin Karin Wiget ist gerne unterwegs (wie hier im Riva Café & Weinbar), vorausgesetzt die Schmerzen lassen es zu

Adrian Portmann

Treppenstufen, ein schmaler Durchgang oder ein defekter Lift: Manchmal sind es scheinbar unbedeutende Dinge, die sich als unüberwindbare Hindernisse herausstellen können. Gemäss Zahlen von «InclusionHandicap», dem Dachverband der Behindertenorganisationen, leben in der Schweiz 1,7 Millionen Menschen mit einer Behinderung. Dazu zählen seh- und hörbehinderte Menschen, Personen mit einer kognitiven Beeinträchtigung, Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung wie auch Rollstuhlfahrende. Um eine selbstbestimmte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen, gilt es, Barrieren abzubauen oder zumindest auf sie aufmerksam zu machen.

«Ich bin gerne unabhängig. Sofern es meine akuten Schmerzattacken zu lassen, auch mal alleine unterwegs», sagt Karin Wiget, die seit einem Skiunfall auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Damit spricht sie die Freiheit an, ohne Begleitperson reisen zu können. Im Alltag nutzt die Hägendörferin ihr Auto oder den öffentlichen Verkehr. Wie zigtausend Reisende jeden Tag, schätzt sie den Oltner Bahnhof als Umsteigeort. Stadtluft schnuppert sie aber auch beim Besuch im Museum oder beim Lädelen in der Altstadt.

Das ist aber gar nicht so einfach. Dem Alter der Gebäude geschuldet, ist der Zugang oftmals erschwert. «Ich mag eigentlich die kleinen Läden in Olten», sagt Wiget. Gerne würde sie öfters in der Altstadt einkaufen. Besetzte Behindertenparkplätze, aber auch Stufen und schmale Eingänge erschweren den Besuch. Um solche, für Menschen mit einer Behinderung wichtigen Informationen zu ermitteln, hat Pro Infirmis einen digitalen Stadtplan von Olten erstellt.

Diese Hindernisse gibt es in einer Stadt

Mit finanzieller Beteiligung der Stadt, Region Olten Tourismus sowie dem kantonalen Lotteriefonds hat die Behindertenorganisation im vergangenen Jahr die Daten zur Barrierefreiheit bei 170 Gebäuden in der Stadt erfasst. «Uns geht es nicht darum, ein Ranking aufzustellen, sondern den Ist-Zustand abzubilden», erklärt Achim Bader, Projektverantwortlicher bei Pro Infirmis Aargau-Solothurn. In einem ersten Schritt wurden jene Örtlichkeiten bestimmt, die auf ihren Status in Sachen Barrierefreiheit überprüft werden sollten.

«Dabei waren neben öffentlichen Gebäuden auch jene Orte wichtig, die für das gesellschaftliche Leben eine Rolle spielen», erklärt Stadträtin Marion Rauber. Wie ist der Zugang vom Trottoir zum Eingang gestaltet? Gibt es eine Steigung? Existieren automatische Türen? Welche Masse haben Zugänge und Durchgänge? Sind Treppen kontrastreich markiert, damit Menschen mit einer Sehbehinderung sie als solche erkennen können? Ist das Lavabo für Rollstuhlfahrer unterfahrbar? Wird Informationsmaterial in «Leichter Sprache» angeboten? Diese und weitere Fragen wurden bei Besichtigungsterminen der Örtlichkeiten beantwortet und elektronisch erfasst.

Sensibilisierung beginnt mit einem Gespräch

Klienten des Sozialunternehmens WG Treffpunkt sowie Mitarbeitende der UBS, die ihm Rahmen eines Sozialtages im Einsatz standen, besuchten gemeinsam mit Rollstuhlfahrern Restaurants, Läden, Theater, Kinos, Museen, Verwaltungen und weitere öffentliche Gebäude. «Im direkten Gespräch mit Gebäudebetreibern erfährt man meist Verständnis», sagt Bader, der selber auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Er habe immer wieder erlebt, dass Verantwortliche sich die Tipps für einfach zu bewerkstelligende Verbesserungen zu Herzen nahmen und im Nachgang zum Besuch diese gleich umsetzten.

Für die Verantwortlichen ist das ein gutes Zeichen. «Die Inklusion von Menschen mit einer Beeinträchtigung muss zur Selbstverständlichkeit werden. Das setzt ein Bewusstsein für das Thema voraus», sagt Rauber. Beim Projekt gehe es auch darum, Barrieren in den Köpfen abzubauen.
Dass bereits die Auseinandersetzung mit dem Thema für eine Sensibilisierung sorgt, bestätigt Stefan Ulrich, Geschäftsführer von Region Olten Tourismus: «Der Prozess hat unsere Sinne geschärft», sagt er. «Heute ertappe ich mich, wie ich beim Restaurantbesuch einen Blick auf die sanitäre Anlage werfe, nur um kurz zu prüfen, ob sie barrierefrei zugänglich ist.» Die Übersicht zur Barrierefreiheit der Gebäude wurde inzwischen auf der Website von Region Olten Tourismus veröffentlicht. In der Vergangenheit existierte eine gedruckte Stadtkarte zum Thema. «Im Netz lassen sich die Daten mit wenig Aufwand aktuell halten», sagt Ulrich.

Praktisch, nicht nur für Rollstuhlfahrer

Als rollstuhlgängig und ohne Begleitperson besuchbar wird beispielsweise die Riva Café & Weinbar ausgewiesen. «Wir empfangen ganz unterschiedliche Gäste. Jeder soll sich willkommen fühlen», sagt Inhaber Mark Laski. Bevor er das Lokal vor zwei Jahren eröffnete, liess er aus diesem Grund den Durchgang zur Toilette auf 1,10 Meter verbreitern. Zudem wurde die Theke näher an die Wand gebaut, als es zunächst geplant war. «Damit man mit dem Rollstuhl auch problemlos durchkommt, wenn Gäste an der Bar sitzen.»

Eine Partnerschaft zwischen Pro Infirmis Schweiz und der Plattform search.ch sorgt dafür, dass die Gebäudezugänglichkeiten bei der Suche im elektronischen Telefonverzeichnis angezeigt werden. «Die Daten müssen auf bestehenden Plattformen ersichtlich sein. Dort, wo sich die Leute gewohnheitsmässig informieren. Mit dieser Massnahme wollen wir die Inklusion von Menschen mit Behinderungen in unserer Gesellschaft fördern», erklärt Bader. Hinzu kommt, dass die Angaben zur Barrierefreiheit für ältere Personen, Familien mit Kinderwagen und Lieferanten gleichermassen von Nutzen sind, wie für Menschen mit einer Beeinträchtigung.