Olten
Zum allgemeinen Fahrverbot in der Winkelunterführung: «Ich zahle lieber eine Busse»

Die meisten Velofahrer missachten das allgemeine Fahrverbot in der 300 Meter langen Winkelunterführung. Die gebüssten Velofahrer zeigen sich laut der Polizei oft «uneinsichtig». Auch Prominente Oltner können nichts Falsches am Missachten dieser Verkehrsregel erkennen.

Fabian Muster und Jasmin Kunz
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Die meisten Velofahrer, wie hier im Bild, fahren durch die Winkelunterführung, obwohl es ein allgemeines Fahrverbot gibt.

Die meisten Velofahrer, wie hier im Bild, fahren durch die Winkelunterführung, obwohl es ein allgemeines Fahrverbot gibt.

Bruno Kissling

Die Diskussion um die geplanten Velounterstände am Amthausquai als Entlastung der bereits vollen Parkings am Oltner Bahnhof zeigt, dass Velothemen in der Stadt hohe Wellen werfen. Doch es gibt einen weiteren Hotspot in Olten: die Winkelunterführung. Sie ist schon lange ein Politikum.

Viele Velofahrer nützen diesen Weg, um sicher von der einen zur anderen Stadtseite zu gelangen, weil sie den Postplatz für zu gefährlich halten. Und die meisten davon, ohne abzusteigen, obwohl es ein allgemeines Fahrverbot gibt. Zwei Stichproben belegen diese Wahrnehmung nun.

Bei der ersten Erhebung sind an einem Montag zwischen 12.30 und 13.30 Uhr von insgesamt 57 Velofahrern, welche die Winkelunterführung benutzten, 49 durchgefahren. Das sind 86 Prozent. An darauffolgenden Dienstag zwischen 9.05 und 10.15 Uhr zeigte sich das gleiche Bild: Von insgesamt 22 Velofahrern sind 19 nicht abgestiegen. Das sind ebenfalls 86 Prozent.

Ein klarer Befund: Die meisten Velofahrer missachten das allgemeine Fahrverbot. Ihnen droht eine Busse von 30 Franken. Hin und wieder führt die Kantonspolizei Kontrollen durch. Wie viele es pro Jahr sind, ist unbekannt. Die gebüssten Velofahrer zeigten sich laut der Polizei aber oft «uneinsichtig».

Das sagen Oltner dazu

Prominente Oltner können nichts Falsches am Missachten dieser Verkehrsregel erkennen. Schriftsteller Alex Capus fährt mit dem Veloanhänger «skrupellos» durch die Winkelunterführung, wenn er mit seinen Kindern unterwegs ist. «Ich befehle meinen Kindern ebenfalls, wenn sie allein unterwegs sind, durch die Winkelunterführung zu fahren, weil der Postplatz viel zu gefährlich ist», sagt der fünffache Familienvater.

EVP-Gemeinderat Stephan Hodonou pflichtet ihm bei: «Ich zahle lieber eine Busse, als dass ich das Leben eines meiner Kinder riskiere.» Vor allem für Kinder und Schüler sei der Weg über den Postplatz zu gefährlich. Auch Hansueli Tschumi, Schulleiter des Frohheimschulhauses, gibt zu, mit dem Velo manchmal durchzufahren.

Er sei noch nie kontrolliert worden. Den Schülern gibt der Schulleiter des Sekundarschulhauses keine Empfehlung ab. Er sagt aber: «Wir wären natürlich interessiert daran, eine möglichst sichere Verbindung zwischen den beiden Aareseiten zu haben.» Eine Durchfahrt für Velos durch die Winkelunterführung würde er klar begrüssen.

Ideelle Unterstützung erhalten die Velofahrer auch von Pro Velo Region Olten: «Wir wären klar für eine solche sichere Veloverbindung», sagt Vizepräsident Tom Schenker. Auch die Grüne-Fraktionspräsidentin im Gemeindeparlament, Anita Huber, hält eine Velodurchfahrt für richtig. «Die alte Holzbrücke zeigt, dass ein Mischverkehr mit Fussgänger und Velofahrern funktioniert.»

Zudem würde mit dem neuen Sälipark 2020 das Bedürfnis nach einer sicheren Veloverbindung, auch für Kinder und Jugendliche, zwischen den beiden Aareseiten klar steigen. Politisch sind derzeit zwei Vorstösse der SP-Fraktion hängig.

In einem Postulat verlangen sie zu prüfen, wie das Velofahren in den Teilen der Unterführung, die der öffentlichen Hand gehören und die für die gemeinsame Nutzung von Velofahrern und Fussgängern geeignet sind, legal werden könnte. In einer Motion fordern die Sozialdemokraten, die Winkelunterführung in hellen Farben neu anzustreichen und die Beleuchtung zu erneuern und zu modernisieren.

Diese und weitere Massnahmen für eine Aufwertung der Winkelunterführung hat bereits vor drei Jahren der Verkehrsplaner Daniel Grob an einem Vortrag beim VCS Kanton Solothurn skizziert: Er rät davon ab, Fuss- und Veloverkehr zu trennen, sondern würde die Sichtbarkeit der Benützer erhöhen. Dies könnte durch eine Verbesserung bei Farbe- und Lichtgestaltung in der Unterführung geschehen.

Er schlägt unter anderem vor, mehr Tageslicht zum Beispiel durch Lichtschächte reinzubringen, ein besseres Beleuchtungskonzept beim Wechsel von Tageslicht zur Unterführung einzusetzen oder hellere Farben für Wände und Bodenbelag zu benützen.

Das sagt die Stadt dazu

Die Stadt ist offiziell auch für einen kombinierten Fuss- und Veloverkehr. Der derzeit rechtsgültige Gestaltungsplan lässt aber nur Fuss-, aber keinen Veloverkehr zu. Der Stadt sind derzeit aber die Hände gebunden, weil die Verhandlungen mit dem Grundeigentümer der Winkelüberbauung, der deutschen Familie Rischmann, über den privaten Teil der Winkelunterführung im Sand verlaufen sind.

Die Eigentümer lehnen das Velofahren aus Sicherheitsgründen und der Haftung bei allfälligen Unfällen ab. Zudem möchten sie demnächst die Unterführung mit neuem Anstrich und Aussenbestuhlung bei den Läden aufwerten. Auch die Stadt hat in Aussicht gestellt, eine Aufwertung an die Hand zu nehmen. Diese ist aber erst zu erwarten, wenn der Mobilitätsplanung der Stadt bis Anfang nächstes Jahr ausgearbeitet ist. Thomas Marbet sagt als Vizestadtpräsident dazu: «Es ist nicht davon auszugehen, dass die Stadt demnächst das Wegrecht für Velofahrer vom privaten Eigentümer erhält. Seine Position ist ziemlich unverrückbar.»

Das lief politisch in den letzten Jahren

Bereits 2005 forderte die Grüne Anita Huber in einem Vorstoss einen einjährigen Testbetrieb in der Winkelunterführung von kombiniertem Velo- und Fussverkehr, was vom Parlament damals klar abgelehnt wurde. Richtig zum Thema wurde die Winkelunterführung durch die Volksinitiative «Stadtseiten verbinden» des Winkelkomitees, welche die Realisierung einer für den Velo- und Fussverkehr sicheren, direkten und hellen Verbindung zwischen alten Aarauerstrasse und alter Holzbrücke forderte. Das Parlament stimmte dem Anliegen im Mai 2013 zuerst zu. Damit musste der Stadtrat verschiedene Varianten prüfen, die aber wegen «ungünstigem Kosten-Nutzen-Verhältnis» oder ungenügendem Platz verworfen wurden, zum Beispiel: autofreier Postplatz (Kosten von über 50 Millionen), Kauf der Winkelüberbauung durch die Stadt (Kosten von rund 24 Millionen), Überführung (Kosten von 5 Millionen) oder neue Rampenanlage ab Bahnhofstrasse (Kosten von 2,5 Millionen). Das Parlament stimmte im September 2014 schliesslich dem Stadtrats-Antrag zu, die Initiative zum damaligen Zeitpunkt als «nicht umsetzbar» zu erklären. (fmu)