«KreuzKultur»

Das Allzumenschliche ergründen

Der Theatermann Andreas Berger ruft mit «Ein Leben» zur persönlichen Auseinandersetzung mit dem Fremden auf.

Gundi Klemm
Drucken
Teilen
Andreas Berger (l.) und Beat Albrecht arbeiten im Probelokal Alte Chäsi in Messen. am neuen Stück «Ein Leben».

Andreas Berger (l.) und Beat Albrecht arbeiten im Probelokal Alte Chäsi in Messen. am neuen Stück «Ein Leben».

Gundi Klemm

Wie bist du gegenüber dem «Fremden» eingestellt? Lebst du dein Leben selbstbestimmt oder folgst Du ausschliesslich Ritualen, wie «man» sich in der Gesellschaft zu verhalten hat? Leihst Du den überlauten Schreiern Dein Ohr oder überlegst Du und handelst sogar mutig?

Viele Fragen stellt man sich als Zuschauer des neuen Bühnenstücks «Ein Leben», mit dem Andreas Berger am Freitag, 3. Februar, im Saal der Genossenschaft «Kreuz» in Solothurn Premiere feiert. In der gegenwärtigen Probenarbeit wird er, wie bei früheren Produktionen schon, von Regisseur Beat Albrecht begleitet, der dazu beiträgt, die bestimmenden Themen dieses eineinhalbstündigen Ein-Mann-Bühnenstücks sprachlich eindrücklich und mit den Mitteln der Inszenierung zum Leuchten zu bringen.

In seinem Stück lotet Berger die Dreiecksverbindung zwischen Beziehungen, Gedanken und Gefühlen aus. Wegen des verständlichen Berichtstils wird dieser Monolog niemanden unberührt lassen.

Weckruf fürs eigene Leben

Als Schauspieler, der auf der Bühne während einiger Szenen in symbolischer Überhöhung einen Holzklotz mit einem Werkzeug bearbeitet, erzählt Berger über eheliche Entfremdung, vom Sich-nicht-angenommen-Fühlen in einer beklemmend engen dörflichen Gemeinschaft mit offen und verdeckt wirkenden Machtstrukturen, von Sehnsucht und Schein-Beschäftigung und von der zufälligen Begegnung mit einem Amir genannten Flüchtling, der seinem Dorf zugewiesen ist.

Er, der im täglichen Leben fast Verstummte, öffnet sich dem Fremden gegenüber, der ihn trotz allem persönlich erlittenen Leid eine fast philosophische Gelassenheit dem Leben gegenüber spüren lässt. Als gebildeter Mann, der wichtige, in der Zeit der Aufklärung und danach geschriebene Werke – wie etwa auch den Schillerschen «Wilhelm Tell» – in ihren europäischen Sprachen gelesen hat, bringt Amir ein wie tröstendes Mitgefühl auf, an dem offenbar die üblichen, von Hass getränkten, fremdenfeindlichen Sprüche abprallen.

Für das Weiterleben des Icherzählers jedoch bedeuten Kennenlernen und Spaziergänge mit dem Fremden, der zutiefst entsetzt ist von jeder durch Islamisten verübten Gewalttat und später gemäss «Schengen» in sein Erstaufnahmeland abgeschoben wird, einen Weckruf für sein eigenes weiteres Dasein. «Heute noch muss ich mit meiner Frau reden über Lüge, Schweigen und Feigheit», nimmt er sich endlich vor.

Die jüngste Krise in Europa

«Die Lage der Flüchtlinge ist erschütternd», sagt Autor Andreas Berger. Einen zusätzlichen Anstoss zu seinem Theaterstück brachte ihm die Lektüre eines Zeitungsberichts über einen in Syrien bekannten Autor und Kritiker, der wegen Gefahr für Leib und Leben sein Land verliess und hier nun wegen Sprachproblemen in Bedeutungslosigkeit versinkt. «Wir dürfen die geflohenen Menschen nicht achtlos als amorphe Masse, sondern sollten sie hoffentlich bald als befähigte Individuen sehen», zieht er sein persönliches Resümee.

Auch weil sich für diese jüngste Krise in Europa kein wirklich gangbarer Weg abzeichnet, wird dieses Stück emotional niemanden kalt lassen und zur Überprüfung eigener Standpunkte auffordern.

Aufführungen in der Region: 3./4. Februar, 20.30 Uhr «Kreuz», Solothurn, 18. Februar, 20 Uhr Pfarrschür Messen, 19. Mai, 20 Uhr Schopfbühne Grenchen.